In Rotterdam finden im Oktober die Welttitelkämpfe im Turnen statt …

Die Schwimmer und Wasserspringer bei den EM in Budapest, die Schützen bei den WM in München, die Volleyballspielerinnen beim Grand Prix und bald bei den WM in Japan oder die Basketballspieler bei den WM in der Türkei sind gerade bei ihren großen internationalen Herausforderungen 2010 oder streben zu diesen.

Ein anderes großes Sportereignis sind jedoch die Kunstturn-WM vom 16. bis 24. Oktober in Rotterdam, in einer Sportart, die gerade in Mecklenburg-Vorpommern eine große Tradition hat.

Namen, wie Reinhard Rychly, Christine Schmitt, Marianne Noack, Lutz bzw. Ulf Hoffmann, Antje Wilkenloh oder Bärbel Wielgoß prägten ein Vierteljahrhundert das Turngeschehen bei Olympia und WM.

Der Schweriner Männer-Turn-Verein von 1859
Im 19. Jahrhundert bildeten sich dabei in Mecklenburg die ersten Turnvereine, so u.a. der Männer-Turn-Verein im Jahr 1859 in Schwerin.

Damals hieß es noch ganz turnsportlich und patriotisch:
„In der Zeit, als nach langem Druck im deutschen Vaterlande die Turnerei und ihre Bestrebungen allmählich wieder zu Ehren kamen, als die Geister in der Hoffnung auf eine bessere Zeit freier wurden und die deutschen Männer es wagen durften, ihren auf Deutschlands Einheit und Größe gerichteten Gedanken Ausdruck zu geben und sich zusammenzuschließen, um in gemeinsamer Turnarbeit den Körper zu stählen, die Vaterlandsliebe zu pflegen und den deutschen Gedanken hinauszutragen in das Volk, da entstanden auch der Turnsache hier in unserer Stadt geeignete und schaffensfreudige Männer, die mit viel Arbeit und Mühe den Grundstein legten zu unserm lieben Männer-Turn-Verein. 16 angesehene Männer, durchdrungen von dem hohen Wert des deutschen Turnens, traten auf Einladung des Buchhändlers Ernst Bär am 18. Oktober 1859 zu einer Beratung zusammen, und schon an demselben Abend erfolgte die Gründung eines Männerturnvereins.“, heißt es in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Männer-Turn-Vereins zu Schwerin.

Doch die ersten turnerischen Aktivitäten einzelner Schweriner sind bereits viel früher feststellbar. So sollen am ersten Hanauer Turntag 1848 über den 1816 gegründeten Hamburger Turnverein ebenfalls Schweriner teilgenommen haben.  Ein größeres turnerisches Engagement darüber hinaus ist ferner in den frühen 50er Jahren des 19.Jahrhunderts festzustellen. So fanden Freiluftübungen insbesondere auf dem Exerzierplatz in der Wismarschen Strasse statt.

Maßgeblich beeinflußt wurde die turnerische Entwicklung in Schwerin einerseits über die Gründung des schon erwähnten Hamburger Turnvereins als auch andererseits über die Gründungen des Turn- und Sportvereins Friedland 1814 bzw. des Stavenhagener Sportvereins von 1863. Der Geist von GutsMuths, Jahn, Friesen und anderer konnte auch in Schwerin nicht mehr unterdrückt bzw. ignoriert werden.

Bereits am 25.Oktober 1859 – 7 Tage nach seiner Konstituierung – konnte der Schweriner Männer-Turn-Verein im „Zanderschen Lokal“ die erste Turnstunde abhalten. Die Anzahl der Turner (22) und die Auswahl an Geräten (Barren und Pferd) war nicht gerade „üppig“, aber es herrschte dennoch eine Aufbruchstimmung unter den anwesenden Turnern, von der weitere turninteressierte Schweriner faktisch „mitgerissen“ wurden.

Olympische Turn-Ambitionen – 37 Jahre später /
MV-Turnerinnen von 1968 und 1996 in der olympischen Arena
Gleich bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen stand das Turnen für Männer auf dem Programm. Die Frauen folgten olympisch 1924.
Auch Mecklenburger und Mecklenburgerinnen waren dabei bei internationalen Großereignissen zwischen 1968 und 1996 „eine feste Größe“.

Den Medaillen-Anfang machte 1968 die gebürtige Rostockerin Marianne Noack, die 1968 mit der DDR-Riege Olympia-Bronze in Mexiko-City gewann und bei den WM 1970 Silber mit der Mannschaft erkämpfte. Die ebenfalls in Rostock geborene Christine Schmitt, Jahrgang 1953, gehörte 1968 als Ersatz-Turnerin zur olympischen DDR-Turnauswahl. Ihren endgültigen internationalen Durchbruch feierte sie mit WM-Bronze auf dem Schwebebalken 1970. Mit der Mannschaft holte Christine Schmitt an der Seite von Marianne Noack zudem Silber. Höhepunkt ihrer Karriere war dann noch Olympia-Silber mit der Mannschaft bei Olympia 1972 in München.  In München 1972 gewann der Rostocker Reinhard Rychly ebenfalls eine olympische Turn-Medaille. Mit der DDR-Mannschaft errang er Bronze hinter Japan und der Sowjetunion.

Ästhetik pur - Die Wettkämpfe im Turnsport, in der Gymnastik und in der Akrobatik. Wie hier in Schwerin.Die Hoffmann-Brüder Lutz und Ulf – mit “Neustrelitzer Wurzeln” – setzten die internationalen Erfolge im Kunstturnsport für M-V 1980 bis 1988 fort: Bei den Olympischen Spielen erturnte Lutz Hoffmann mit der DDR-Riege den 2.Platz. Sein jüngerer Bruder Ulf war dreimal auf einem Olympia- bzw. WM-Podest. Jeweils mit den DDR-Teams belegte er bei den WM 1985 und 1987 den Bronze-Rang; bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gab es sogar Silber.

Zwei weitere Turnerinnen aus Rostock konnten ebenfalls an olympischen Wettkämpfen teilnehmen: Einerseits Christine Thoms, die Ersatz-Turnerin bei den Spielen 1988 in Seoul war als die DDR-Riege Dritte wurde, und andererseits Kathleen Kern-Stark, die 1992 und 1996 für den DTB startete.

Peking 2008 mit chinesischer Dominanz
Bei den Olympischen Spielen 2008 gingen die Goldmedaillen im Turnen an China (9), die USA (2), Rumänien, Nordkorea und Polen (je eine). Für Deutschland gab es Silber und Bronze durch Oksana Tschusowitina und Fabian Hambüchen.

Im Blickpunkt: Die XLII.Turn-WM 2010
Doch auch der nächste internationale Höhepunkt im Turnsport folgt in naher Zukunft. So werden in Rotterdam bei den WM 619 Athletinnen und Athleten an den Start gehen – ein neuer Rekord. In Rotterdam stammen diese aus 73 Ländern – der Länder-Rekord von den WM 2007 in Stuttgart mit 84 teilnehmenden Nationen bleibt damit bestehen. Die WM in Rotterdam läuten auch die olympische Qualifikationsphase für 2012 ein. Nur die jeweils die besten 24 Teams bei Männern und Frauen nominieren sich für die Olympia-Qualifikation bei der WM 2011 in Tokyo.

Übrigens: Die ersten Turn-WM fanden 1903 in Antwerpen statt. Die Frauen durften ab 1934 weltmeisterlich ran. Die meisten WM-Goldmedaillen gewann die Sowjetunion/Russland mit 138, vor China mit 60, Rumänien mit 46, der Tschechoslowakei mit 39, Japan mit 33, den USA mit 31, Frankreich mit 24, Deutschland mit 24 (davon die DDR mit 17, die Bundesrepublik mit 2), der Schweiz mit 19 und Jugoslawien mit 17.

Die deutschen Weltmeisterinnen und Weltmeister im Turnen
Frauen

Pferdsprung
1970: Erika Zuchold (SC Leipzig)
1981: Maxi Gnauck (SC Dynamo Berlin)

Schwebebalken
1970: Erika Zuchold (SC Leipzig)
1981: Maxi Gnauck (SC Dynamo Berlin)

Stufenbarren
1970: Karin Janz (SC Dynamo Berlin)
1974: Annelore Zinke (SC Dynamo Berlin)
1979: Maxi Gnauck (SC Dynamo Berlin)
1981: Maxi Gnauck (SC Dynamo Berlin)
1983: Maxi Gnauck (SC Dynamo Berlin)
1985: Gabriele Fähnrich (SC Dynamo Berlin)
1987: Dörthe Tümmler (SC Dynamo Berlin)

Männer

Pferdsprung
1981: Ralf-Peter Hemmann (SC DHfK Leipzig)
1987: Sylvio Kroll (SC Cottbus)
1989: Jörg Behrendt (ASK Vorwärts Potsdam)

Barren
1985: Sylvio Kroll (SC Cottbus)

Reck
1934: Ernst Winter (Eintracht Frankfurt/Main)
1974: Eberhard Gienger (TSV Künzelsau)
1991: Ralf Büchner (TK Hannover)
1995: Andreas Wecker (SC Berlin)
2007: Fabian Hambüchen (TSGNiedergirmes)

Boden
1979: Roland Brückner (SC Dynamo Berlin)

Ringe:
1989: Andreas Aguilar (TK Hannover)

Seitpferd
1981: Michael Nikolay (SC Dynamo Berlin)
1997: Waleri Belenki (WKTV Stuttgart)

Text und Foto Marko Michels

Weitere Infos zur Turn-WM 2010: www.gymnastics2010.com.