Bis zu 1000 Verletzte pro Jahr

Die von Gewittern ausgehenden Gefahren werden von vielen Menschen unterschätzt. Das ist die Erfahrung des Rostocker Rechtsmediziners Oberarzt Dr. Fred Zack. Wenn es aus medizinischer Sicht um Blitzunfälle geht, ist sein Rat im gesamten deutschsprachigen Raum gefragt.

Insbesondere Blitzunfälle auf Fußballplätzen waren in den letzten Jahren mehrfach zu beklagen. Dr. Zack hat herausgefunden, dass sich zwischen 1995 und 2009 in Deutschland mindestens zehn Blitzunfälle auf Sportplätzen ereigneten. Dabei wurden 205 Sportler und Zuschauer zum Teil schwer verletzt, einer starb. Ein besonders gutes Beispiel für die Unterschätzung der Gefahr ist ein Fall vom Juni 2008. Damals wurden 19 Fußballtrainer während eines Lehrgangs auf einem Sportplatz in Nordrhein-Westfalen durch Blitzschlag verletzt. Der Ausbilder hatte die pechschwarzen Wolken und das heranziehende Gewitter ignoriert und die Lehrgangsteilnehmer aufgefordert, ihre Übungen fortzusetzen.

„Blitzunfälle, insbesondere auf großen freien Plätzen, sind gar nicht so selten“, sagt Dr. Zack, der sich seit 1995 intensiv mit den medizinischen Folgen von Blitzunfällen beschäftigt. Der Rechtsmediziner hatte damals ein Blitzopfer obduziert. Während eines Sportfestes war der junge Mann in Mecklenburg-Vorpommern von einem Blitz getroffen worden, der in eine Pappel eingeschlagen war. „Das Opfer war äußerlich nahezu unauffällig“, erzählt Dr. Zack. „Als wir die Untersuchungen begannen, kam unter intakter Haut flächenhaft verkochte Brustmuskulatur ans Tageslicht.“ In den deutschsprachigen Lehrbüchern suchte Dr. Zack vergeblich nach Erklärungen, solch ein Fall war nirgendwo beschrieben. In der internationalen Literatur stieß er dann auf den so genannten „side splash“. Dabei trifft der Blitz primär ein anderes Objekt, wie zum Beispiel einen Baum und nur ein Teil der Energie überträgt sich auf ein in der Nähe befindliches Opfer. Das aber unter Umständen mit tödlichen Folgen.

Seit diesem tragischen Fall hat der Rostocker Arzt sich immer wieder mit den Folgen von Blitzunfällen für die Menschen befasst und auch eine medizinische Promotion zu diesem Thema betreut. Dr. Zack hat eine Klassifizierung der verschiedenen Energieübertragungswege bei Blitzunfällen auf den Menschen vorgenommen, die im Einzelfall bei der Diagnostik und Therapie für Betroffene beziehungsweise bei der Rekonstruktion von Blitzunfällen helfen kann.

Während vor 50 Jahren in Deutschland etwa 50 bis 100 Menschen im Jahr durch Blitzschlag starben, ging die Zahl der tödlich Verunglückten seitdem auf drei bis sieben Fälle im Jahr zurück. Genaue Zahlen über „Blitzpatienten“ gibt es aber ebenso wenig wie ein Therapiereferenzzentrum. Man geht von bis zu 1000 Blitzverletzten pro Jahr in Deutschland aus. Blitzopfer können verschiedene Schädigungen aufweisen und müssen nicht selten von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen behandelt werden. Häufig sind Verbrennungen der Haut, Herzrhythmusstörungen, Hör- bzw. Sehstörungen und neurologische Ausfälle. Dr. Zack rät, bei heranziehendem Gewitter sichere Orte wie Autos und Häuser mit Blitzschutz aufzusuchen. Wird man im Freien überrascht, sollte man sich an einem tiefen Punkt hinhocken und die Füße eng zusammenstellen. Hohe Bäume sind genauso wie Metallgegenstände zu meiden.

Vor zwei Jahren hatten in einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern zwei Frauen und ein Mann bei einem Gewitter mit Starkregen Schutz unter einem Baum gesucht. Der Mann wurde direkt vom Blitz getroffen und verstarb am Unfallort. Die Frauen kamen mit dem Schrecken davon. „Dieser vermeidbare Unfall zeigt, dass man der Prävention durch die Verbreitung richtiger Verhaltensweisen bei Gewitter nicht genug Augenmerk schenken kann“, so Zack.

Auch deshalb verweist Dr. Zack auf die bisher noch zu wenig bekannte 30-30-Regel, denn die verbreitete Meinung, dass Gewitter erst gefährlich werden, wenn Blitze in der unmittelbaren Umgebung einschlagen, ist falsch.

Blitze können auch etwa 10-15 km von einer Gewitterfront entfernt einschlagen. Deshalb besagt die Regel, dass, wenn zwischen sichtbarem Blitz und hörbarem Donner weniger als 30 Sekunden vergehen, die Gewitterfront die gefährliche 10-Kilometer-Grenze unterschritten hat und man sich in Sicherheit begeben sollte. Bekanntlich beträgt die Schallgeschwindigkeit etwa 330 Meter pro Sekunde. Erst 30 Minuten nach dem letzten Blitz oder Donner kann Entwarnung gegeben werden. Diese Regel wird auch von Notfallmedizinern verschiedener Länder empfohlen.

Und weil Blitze mitunter 10-15 km von der Gewitterfront entfernt auf die Erde treffen, ist „der Blitzschlag aus heiterem Himmel“ leider Realität, wenn auch selten. Deshalb wird es bei Gewitterlagen in absehbarer Zeit auch unter Beachtung aller empfohlenen Verhaltensweisen keine einhundertprozentige Sicherheit für die Menschen geben. Die Auswertung der Blitzunfälle zeigt aber auch, dass die meisten Fälle bei richtigem Verhalten vermeidbar gewesen wären.

Quelle: Universität Rostock