Fachtagung zur wirtschaftlichen Entwicklung des ländlichen Raumes mit aktuellen Praxisbeispielen

Fachtagung zur wirtschaftlichen Entwicklung des ländlichen Raumes

(Wismar) Zahlreiche Experten hatten sich am Freitag, dem 7. Juli 2017, an der Fakultät Gestaltung der Hochschule Wismar eingefunden, um an der Fachtagung zur wirtschaftlichen Entwicklung des ländlichen Raumes teilzunehmen und sich über die Entwicklung und Stärkung lokaler Lebenskultur in Dörfern und Kleinstädten ländlicher und strukturschwacher Räume austauschen.

Von der Frage zur Fachtagung

„Wem gehört der ländliche Raum? Ein Blick in die Grundbücher dürfte diese Frage nicht hinreichend beantworten. Darin sind sich laut „Verein zur integrativen StadtLand-Entwicklung – Netzwerk lokale Lebenskultur e.V.“ zahlreiche Aktivisten, die das Leben auf dem Land beobachten, analysieren und entwickeln wollen, einig. Und doch ist es gerade diese Frage, die bei all diesen Bemühungen mitschwingt.

So wurde diese Frage zum Titel einer Fachtagung, die im Rahmen der Jahresausstellung DIA (Design, Innenarchitektur, Architektur) an der Hochschule Wismar, Fakultät Gestaltung, veranstaltet wurde. Eingeladen hatten der Studiengang Integrative StadtLand-Entwicklung, die Fernstudien- und Weiterbildungs-GmbH der Hochschule Wismar, WINGS, der Verein zur integrativen StadtLand-Entwicklung – Netzwerk lokale Lebenskultur e.V. sowie die Mecklenburger AnStiftung.

Dass es mittlerweile „mehrere Institutionen“ gibt, die sich zum Leben im ländlichen Raum „ernsthaft Gedanken“ machen, lobte Prof. Dr. jur. Bodo Wiegand-Hoffmeister, Rektor der Hochschule Wismar, in seinem Grußwort ausdrücklich, denn: „Da geht was im ländlichen Raum.“

Musterbeispiele und wirtschaftliche Klimaschutzprojekte

Professorin Dipl.-Ing. Andrea Gaube nannte einige der Institutionen, die bereits zusammenarbeiten: Akademie für nachhaltige Entwicklung (ANE), Stiftung Mecklenburg, Mecklenburger Anstiftung, Geodatenzentrum NWM, diverse regionale Vereine und Institutionen, fokusLAND. Sie stellte eigene Untersuchungen zu den Wirtschaftsstrukturen im GARTEN DER METROPOLEN (ländlicher Raum zwischen den Metropolen wie Hamburg, Berlin, Rostock) vor.

Das „Zentrale-Orte-System“ sei ungerecht, biete der Entwicklung auf dem Land kaum Möglichkeiten. Die konventionelle Landwirtschaft belaste die Umwelt, die kleinen und mittleren Unternehmen seien so gut wie gar nicht vernetzt, gingen häufig wieder kaputt, es fehlten Verwertungsketten.

Das Bild der riesigen Kasseler Spitzhacke, von Herkules ans Ufer der Fulda geschleudert, stellte Prof. Dr. Ulf Hahne von der Universität Kassel denn auch seinem Vortrag zur Rolle der ländlichen Räume in der Postwachstumsgesellschaft voran. Es symbolisiere das „Wirken der Menschen auf diesem Planeten“.

Mit weniger Wachstum zu wirtschaften sei unabdingbar und im Rahmen eigenständiger Regionalentwicklung durchaus machbar. Hahne nannte einige Ideen. Man könnte beispielsweise eine Region kreieren, die komplett mit erneuerbaren Energien wirtschaftet. Solidarisches Wirtschaften ließe sich fördern, indem eine „Regionalwährung“ eingeführt werde. Unterm Strich: „Konsumismus und Erwerbsarbeit müssen nicht das Leben ausmachen.“

Das konnte auch Rebecca Heypeter mit ihrer Diplomarbeit zur Postwachstumsgesellschaft bestätigen. Das Mithalten im Konsumzwang „erzeugt kein Glück“, stellt sie fest. In ihrem Vortag gibt sie Anstöße zu Veränderungen, die speziell im ländlichen Raum möglich sein sollten. Die Forschungen zum GARTEN DER METROPOLEN im Rahmen des Studiengangs Integrative Stadt-Land-Entwicklung könnten einen guten Beitrag leisten, indem sie einzelne Projekte zusammenbringen.

Dass die Belebung ungenutzter Ressourcen auf dem Land aus eigener Kraft funktionieren kann, schilderten die Unternehmerin Gertrud Cordes und Anne-Kathrin Lüth, Studierende der BWL.

Mit der ganzheitlichen Entwicklung des Bio- und Gesundheitshotels Gutshaus Stellshagen ist es in den vergangenen 20 Jahren gelungen, ein großes Stück ländlichen Raums im Klützer Winkel zu revitalisieren. 174 Mitarbeiter zählt das Unternehmen heute und steht für ein Leben im Einklang mit der Natur: gesundes Wohnen, eigener Obst- und Gemüseanbau, eigene Dinkelbackstube, eigene ökologische Wäscherei, Tao Gesundheitszentrum. Unterm Strich ein Musterbeispiel für die Einbeziehung der Bewohner aus dem Umkreis.

Weitere Entwicklungsbeispiele im ländlichen Raum stellten die Studierenden Walter Kehrer und Marco Kaimann vor. Im Rahmen einer ausgedehnten fakultätsübergreifenden Fahrradexkursion im GARTEN DER METROPOLEN fertigten sie Fallstudien zu kleinen erfolgreichen Unternehmen an.

Am Beispiel der eigenen Kommune Dobbertin schilderte der Bürgermeister Dirk Mittelstädt, dass es durchaus Chancen biete, sich an der eigentlich sehr formellen Erarbeitung von Flächennutzungsplänen zu beteiligen. Wenn es gelingt, die Bürger – „notfalls mit Windrad-Provokationen“ – an den Entwicklungstisch zu holen, sei das letztlich identitätsstiftend.

Identitätsstiftend ist auch Anna Wolfgramm, die Abteilungsleiterin für Bau, Ordnung und Stadtentwicklung im Amt Friedland, unterwegs. Sie kreiert wirtschaftliche Klimaschutzprojekte für ihre Region und ist dabei sicher: Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz müssen kein Widerspruch sein.

Wem gehört der ländliche Raum? „Den Rentnern, den Pendlern, den Lebenskünstlern, Freiberuflern und Kreativen“, stellt Dr. Wolf Schmidt angesichts der wenigen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft einerseits und der Möglichkeit des digitalen Arbeitens andererseits fest. Der Autor des Buchs „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“ sieht hier die „Vision vom guten Leben“. Mit einer Lebenskultur in der es mehr Muße und weniger Arbeit gibt, ein entspanntes Leben mit bedingungslosem Grundeinkommen, entgegen allem Überfluss.

Pressemitteilung der Hochschule Wismar / Kerstin Baldauf

Foto: Zahlreiche Experten nahmen an der Fachtagung zur wirtschaftlichen Entwicklung des ländlichen Raumes an der Hochschule Wismar  teil. / Quelle: Hochschule Wismar/Georg Hundt