Nachgefragt beim traditionsreichen SV Fortuna 50 Neubrandenburg

Handball ist in Deutschland im Trend. Das gilt insbesondere vor dem aktuellen Handball-EM-Titel für die deutschen Herren und damit für den Herren-Handball-Bereich.

Bei den Frauen sieht es da schon etwas anders aus. Die Resonanz bei Zuschauern, Sponsoren und Talenten ist da deutlich verhaltener. Das ändert aber nichts an den großen Erfolgstraditionen deutscher Frauen-Nationalteams und auch mecklenburgischer Vereine in der Vergangenheit.

Mecklenburg-Vorpommern hat ja dabei eine große WM-Tradition im Frauen-Handball, denn der Vergangenheit hatten Mecklenburgerinnen und Vorpommerinnen schon große weltmeisterliche Erfolge feiern können. Zum DDR-Weltmeister-Team 1971 gehörte nämlich auch die gebürtige Rostockerin Hannelore Burosch (SC Empor Rostock).

Vier Jahre später gab es wieder einen Weltmeistertitel für die DDR – mit Ursula Putzier vom SC Empor Rostock,  mit der gebürtigen Dresdnerin Eva Paskuy in Diensten des SC Empor Rostock, mit der gebürtigen Perlebergerin Christina Lange, verheiratete Voß, die für den SC Empor Rostock agierte, und wieder mit Hannelore Burosch.

In der goldenen weltmeisterlichen DDR-Mannschaft 1978 spielten erneut Hannelore Burosch und Sabine Röther, die gebürtige Rostockerin und Empor-Spielerin.

WM-Gold 1993 für DHB-Frauen

Vor 20 Jahren, 1993 in Norwegen, konnten das deutsche Team mit drei Mecklenburgerinnen das letzte WM-Frauen-Gold erobern. Zur DHB-Auswahl`93 gehörten seinerzeit die gebürtige Wismarerin Heike Axmann, geborene Dombrowski, von 1983 bis 1990 SC Empor Rostock, die gebürtige Rostockerin Andrea Bölk, geborene Stein, auch von 1983 bis 1990 SC Empor Rostock und die gebürtige Rostockerin Birgit Wagner, verheiratete Peter, bis 1990 ebenfalls beim SC Empor Rostock.

Olympia-Medaillen für die M-V-Handball-Frauen

Die bisherigen olympische Medaillen für den Frauen-Handballsport „Made in M-V“ sind zudem eine weitere Bestätigung für die hervorragende sportliche Arbeit in der Frauen-Handball-Hochburg M-V … Ja, olympische Edelmetall gehörte in der Vergangenheit tatsächlich zur Ausbeute von Rostocker Handball-Spielerinnen. Im silbernen DDR-Team bei Olympia in Montreal 1976 waren Hannelore Burosch, Gabriele Badorek (auch in Rostock geboren und beim HC Empor Rostock), Eva Paskuy und Christina Voß Leistungsträgerinnen und in der bronzenen DDR-Nationalmannschaft bei Olympia in Moskau 1980 war ebenfalls Sabine Röther dabei.

Und, dass der Frauen-Handball-Sport lebt, wird auch im Nordosten deutlich. Die ersten Teams der TSG Wismar, des Rostocker HC, von Grün-Weiß Schwerin oder vom SV Fortuna`50 Neubrandenburg haben hierzulande eine feste Fan-Gemeinde.

Nachgefragt bei Stefan Walzel

… Wie beurteilt nun Stefan Walzel, Präsidiumsmitglied beim SV Fortuna`50 Neubrandenburg, das aktuelle Handball-Geschehen?!

„Sind stolz der erfolgreichste Handball-Nachwuchsverein in M-V zu sein…“

Frage: Der SV Fortuna`50 Neubrandenburg ist in der Frauen-Oberliga Ostsee-Spree derzeit Neunter. Neubrandenburg ist neben Wismar, Rostock und Schwerin ein Zentrum des Frauen-Handballsportes in M-V. Wie bewerten Sie die handballsportliche Entwicklung bei Ihrem Verein in den letzten Jahren? Welche Perspektiven hat Ihre Frauenmannschaft?

Stefan Walzel: Vor mehr als 10 Jahren haben wir noch in der 2.Bundesliga der Frauen gespielt, heute kämpfen wir gegen den Abstieg in der vierten Liga. Ich glaube, diese negative Entwicklung ist trotz der Spielklassenreformen vor einigen Jahren nicht weg zu diskutieren.

Insgesamt hat es der Frauenhandball in Deutschland sehr schwer sich zu etablieren und findet kaum die entsprechende Anerkennung. Das ist bei uns nicht anders. Erschwerend kommt hinzu, dass wir trotz der guten Nachwuchsarbeit viele unserer Talente nach der Schulausbildung aufgrund fehlender beruflicher Perspektiven nicht in Neubrandenburg halten können.

Viele ehemalige Spielerinnen aus Neubrandenburg werfen heute Tore in Erst-, Zweit- und Drittliga-Mannschaften. Das freut uns einerseits, aber ein bisschen Wehmut ist natürlich auch dabei. Nichtsdestotrotz halten wir an unserer Nachwuchsarbeit fest und werden alles dafür tun, dass wir möglichst viele Spielerinnen in Neubrandenburg nach der Schule eine Perspektive bieten können.

Frage: Handball, ob bei Männern oder Frauen, hat eine große Tradition in M-V. Die Handball-Traditions-Vereine aus M-V, wie der HC Empor Rostock, der SV Mecklenburg Schwerin, der Stralsunder HV oder auch der HSV Insel Usedom, tun sich gegenwärtig schwer in ihren Ligen. Ähnliches gilt aktuell im Frauen-Bereich für die TSG Wismar, den Rostocker HC, Grün-Weiß Schwerin oder eben Neubrandenburg. Wie beurteilen Sie die Leistungssituation im Handball-Sport in M-V? Fehlen gute Talente, das „große Geld“ und entsprechende gesellschaftliche Unterstützung?

Stefan Walzel: Ich denke, wir gehören mittlerweile auch bei den Männern zu den Handball-Traditions-Vereinen in M-V, auch wenn wir sportlich in der vierten Liga vertreten sind.

Die Leistungssituation im Handball in M-V ist äußerst unbefriedigend, insbesondere wenn man sich die Ausgangsbedingungen nach der Wendezeit anschaut.

Der HC Empor Rostock ist der einzige Verein, der unser Bundesland in den nationalen Handballligen vertritt, und es besteht die Gefahr, dass in der nächsten Saison kein Verein in den beiden ersten Ligen aus M-V vertreten sein wird.

Die Ursachen für die aktuelle Situation sind vielfältig. Die externen Rahmenbedingungen stimmen zum Teil nicht, entscheidender ist jedoch, dass wir als Vereine auch Fehler gemacht haben und hier als erstes ansetzen müssen.

Gemeinsam mit dem Handballverband MV und den drei Bezirkshandballverbänden haben sich die Handballleistungssportvereine auf die Einrichtung eines Ausschusses Leistungssport verständigt, der im März dieses Jahres das erste Mal tagen wird. Eine Verbesserung der Leistungssituation werden wir nur gemeinsam hinbekommen und dafür haben wir einen ersten Schritt gemacht.

Frage: Welche konkreten Ziele hat der SV Fortuna`50 Neubrandenburg 2016? Wie ist zudem die aktuelle Nachwuchs-Situation in der Vier-Tore-Stadt?

Stefan Walzel: Für uns ist es wichtig, den Verein langfristig nachhaltig zu entwickeln. Sportlich wollen wir uns in der vierten Liga bei den Erwachsenen weiter im oberen Tabellenfeld etablieren und noch mehr Zuschauer für den Handballsport begeistern.

Neben dem Bau einer Beachsportanlage und der Entwicklung von Beachhandball in Neubrandenburg wollen wir mit unseren beiden ältesten Nachwuchsmannschaften die Qualifikation für die A-Jugend-Bundesliga schaffen.

Das wird eine sportliche und wirtschaftliche Herausforderung, der wir uns gerne stellen wollen. Wir haben in den letzten Jahren die Bedingungen für den Handballnachwuchs sowohl im weiblichen als auch männlichen Bereich stetig verbessert, was sich unter anderem an den sportlichen Erfolgen aber auch an der Anzahl der Mitglieder abbilden lässt.

Wir sind stolz, der erfolgreichste Handballnachwuchsverein in M-V zu sein, werden uns darauf aber nicht ausruhen, sondern weiter täglich an den vielen Herausforderungen arbeiten.

Letzte Frage: In sechs Monaten finden die Olympia-Turniere im Handball der Männer und Frauen statt. Mit welchen Teams rechnen Sie dort?

Stefan Walzel: Bei den Frauen ist sicherlich mit den Rumäninnen und Norwegerinnen zu rechnen. Überraschend war für mich das erfolgreiche Abschneiden der Niederlande bei der WM im letzten Jahr, die vielleicht für eine Überraschung sorgen könnten. Frankreich und Spanien gehören für mich trotz des eher nicht erfolgreichen Abschneidens bei der EM zu den Titelanwärtern, wobei Spanien sich noch genauso wie qualifizieren müssen wie die Rumäninnen. Ich bin äußerst gespannt wie sich das deutsche Männer-Team nach dem jüngsten Erfolg präsentieren wird.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für den Handballsport und maximale Erfolge für den SV Fortuna 50 Neubrandenburg!

Marko Michels