Uwe Behrendt, ein erfolgreicher Boxsportler, Trainer und boxsportlicher Funktionär…

Boxsport und Mecklenburg-Vorpommern, das ist seit 90 Jahren eine Erfolgsgeschichte. Speziell nach 1945 nahm der Boxsport hierzulande einen rasanten Aufschwung. Boxer, wie Jochen Bachfeld, Andreas Zülow und Andreas Tews, nur drei von vielen, prägten das Amateur-Boxen „Made in MV“ unnachahmlich.

Doch: Was wären die Boxsportler ohne ihre Trainer. Einer davon, der kürzlich 70 Jahre jung wurde, ist Uwe Behrendt, der als Landestrainer und Geschäftsführer des Box-Landesverbandes besondere Verdienste um den Boxsport in Mecklenburg-Vorpommern erwarb.

Im Blickpunkt – Uwe Behrendt

„Eine gute Nachwuchsarbeit mit Perspektiven ist und war entscheidend!“

Frage: Seit 1920 konnten und können Boxsportler aus Mecklenburg schon Erfolge feiern. Die ganz großen, im Amateurbereich, folgten nach 1945. Sie selbst waren nicht nur dabei, sondern mitten drin. Wenn Sie zurückblicken … Was waren die besonderen Momente Ihrer boxsportlichen Jahre?

Boxsport in MVUwe Behrendt: Im Olympiajahr 1956, damals gewann ja Wolfgang Behrendt in Melbourne Gold, begann ich bei Motor Warnowwerft unter Leitung von Otto Kind an zu boxen. Mit Georg Walter und Männe Schubert hatte ich dann weitere gute Trainer. Drei Jahre später, im Jahre 1959, begann ich dann selbst, als Übungsleiter junge Burschen zu trainieren. Die Warnow-Werft delegierte mich in den Folgejahren 1961 – 1966 zum Studium an die Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) nach Leipzig. Nach Ende meines Studiums 1966 wurde ich Kreissportlehrer in Rostock, dann Lehrer an der Kinder- und Jugendsportschule in Güstrow. und ab 1970 ging ich als Bezirkstrainer nach Rostock. Hier konnte ich auf guter Grundlage meines Vorgängers Willi Offenmüller weiter machen. Schwerpunkt meiner Arbeit war es, die Nachwuchsarbeit im Bezirk Rostock weiter zu entwickeln. Die Qualifizierung der Trainer und Übungsleiter in den Vereinen war entscheidend für die Erreichung eines hohen Niveaus. Der Ausbau der Leistungsschwerpunkte und der Boxsektionen in den Vereinen waren diesbezüglich Garant einer erfolgreichen Leistungsentwicklung.

Frage: Zahlreiche Erfolge feierten MV-Boxer gerade in den 1970er und 1980er Jahren. Ein Goldregen erwartete die Boxer des SC Traktor Schwerin bei den EM 1985 in Budapest. Dort triumphierten Rene Breitbarth (Halbfliegengewicht), Dieter Berg (Fliegengewicht) und Michael Timm (Halbmittelgewicht). Der spätere Olympiasieger 1992 Andreas Tews erboxte seine Goldmedaille bei den EM 1987. Den vorläufigen Schlußpunkt bezüglich EM-Titel für Schwerin setzte 1989 in Athen der Halbschwergewichtler Sven Lange. Und die allerletzte EM-Medaille – ebenfalls hoffentlich nur vorläufig – errang der inzwischen zu den Profis gewechselte Sebastian Zbik. Insgesamt erkämpften die Box-Athleten des SC Traktor Schwerin (plus EM-Bronze 2002 von Zbik für das BSC-Team Schwerin) 24 EM-Plaketten, davon 7 x Gold, 5 x Silber und 12 x Bronze. Damit setzten die Schweriner Boxsportler Glanzpunkte im europäischen Maßstab. Bei Amateur-WM gab es 3 x Silber und 6 x Bronze für MV-Boxer, zuletzt 2003 durch Martin Dreßen. Die Olympia-Bilanz von 1976 bis 1992 lautet: 3 x Gold / 2 x Silber / 2 x Bronze aus mecklenburgischem Blickwinkel.
Worin sehen Sie die Ursachen, die Grundlagen dieser Erfolge aus Ihrer persönlichen Sicht und aus Ihren Erfahrungen? Welche Erfolge der Vegangenheit waren für Sie die nachhaltigsten?

BoxenUwe Behrendt: Wir delegierten jedes Jahr über dreißig talentierte dreizehnjährige Jungs an die Kinder und Jugendsportschulen  nach Schwerin, Berlin und Frankfurt/Oder. So waren in den 1980er Jahren die Stützpunkte Dynamo Wismar, Dynamo Rostock, FPW Ribnitz-Damgarten, Lok Greifswald, Lok Stralsund, ASG Rostock, Fiko Rostock und Traktor Grevesmühlen Schwerpunkte der Nachwuchsentwicklung. Anfang 1980 wurde ich zum Vorsitzenden der Kommission Kinder- und Jugendsport des Präsidiums des Boxverbandes der DDR gewählt. Mit den guten Erfahrungen und Erfolgen der ehemaligen Aktiven des Bezirkes Rostock wollte ich der gesamten Nachwuchsentwicklung Impulse geben. Besonders gefreut hatte es mich, dass es uns gelungen war, ehemalige erfolgreiche Nachwuchsboxer zu erfolgreichen Trainern zu entwickeln. Dazu gehörten unter anderem Thomas Kroß, Uwe Fox, Klaus Schildt, Joachim Runge, Andreas Hielscher, Ralf Ruhnau, Horst Femfert, Jörg Schmidt, Egon Omsen, Dietmar Schwarz, Fritz Sdunek und auch ein bisschen Ulli Wegner. Viele ehrenamtliche Übungsleiter und Funktionäre leisteten eine tolle erfolgreiche Arbeit. Die Bilanz der Erfolge für die Aktiven die ihre Ausbildung im Bezirk Rostock erhielten war groß. Richard Nowakowski (Ribnitz) mit Silber 1976 und Bronze 1980, Andreas Tews (Rostock) mit Gold 1992 und Silber 1988 bei Olympischen Spielen waren die Spitze der Erfolgsbilanzen der ehemaligen Boxsportler des Bezirkes Rostock. Der Bezirk Rostock war über zwei Jahrzehnte führend in der Nachwuchsentwicklung des Boxsports.
Mit der soliden Ausbildung haben dann die Leistungszentren Schwerin, Berlin und Frankfurt/Oder die Jungs zur Weltspitze geführt. 1992 in Barcelona gewannen, wie schon erwähnt, Andreas Tews (Schwerin) und Torsten May (Frankfurt/Oder) die Goldmedaille für Deutschland. Das waren noch Früchte der gestalteten Leistungsentwicklung vergangener Jahre.
Die Boxer wurden übernommen – das System einer erfolgreichen Nachwuchsentwicklung nicht. Die meisten Trainerplanstellen wurden gestrichen. Weltspitzenleistengungen brauchen jedoch eine geschossene Entwicklung. Ehrenamtlich lassen sich solche Leistungen schlecht entwickeln.

Frage: Wie verlief die Entwicklung nach der Wende?

Uwe Behrendt: Nach der Wende wurde 1990 der Amateur-Boxverband MV gegründet. Auf der Grundlage der hervorragenden Arbeit im Boxzentrum Schwerin blieben die Erfolge zum Anfang der 1990iger Jahre nicht aus. Ich war nach Gründung von 1990 bis 2007 Geschäftsführer des Boxverbandes MV und bis 1993 Landestrainer. Michael Timm übernahm das Amt dann erfolgreich. In den Vereinen zeigten sich allerdings viele Auflösungserscheinungen. Einige unserer Leistungsstarken Nachwuchsboxer gingen nach Flensburg und zu anderen Vereinen. Die Trainer und Übungsleiter mussten sich nun neu orientieren. Arbeitslosigkeit, Umzüge zu neuen Arbeitsstätten usw. machten die Arbeit schwer. Für die Aktiven wurde die Arbeit als Profi attraktiv. Henry Maske war hierbei ein gutes Beispiel.

Frage: Sie waren ja Landestrainer im Boxen. Was lief damals besser, denn seit den Erfolgen 1992 wurde es – von geringen Ausnahmen abgesehen – international relativ still um die einstige Amateur-Boxhochburg M-V … Wie beurteilen Sie generell die Zukunft des Amateur-Boxsportes und die Einflüsse des Profi-Boxsportes hierbei?

BoxenUwe Behrendt: Das Leistungszentrum Schwerin mit dem Sportgymnasium konnte erhalten werden – damit auch zwei Trainer-Planstellen. Jährlich werden vier bis acht Jungs aus den Vereinen nach Schwerin delegiert. Obwohl diese Sportler talentiert sind, fehlt die langjährige gezielte Förderung. Die Ausgangsposition ist also nicht so gut wie in alten Zeiten. Trotzdem ist der Boxverband MV in der Nachwuchsarbeit in Deutschland mit führend. Über 150 Deutsche Meister im Nachwuchsbereich sprechen dafür. Die internationale Ausbeute ist leider nicht sehr erträglich. Die Ursachen liegen meinerseits nicht in einer geschlossen Förderung, u.a. dauernde Änderungen in der Struktur. Nach dem Verlassen des Gymnasiums beginnt dann die Unsicherheit, z.B. bei der beruflichen Ausbildung kaum noch Förderung für die Leistungsentwicklung. Um aber international erfolgreich zu sein, sind mindestens 14 Trainingseinheiten pro Woche notwendig. Die berufliche Ausbildung lässt dieses nicht zu. Deshalb ist oft ein vorzeitiger Abbruch der Leistungsentwicklung und eine frühzeitige Orientierung zum Berufsboxen zu verzeichnen. Die Profiboxställe holen sich immer mehr ehemalige und aktuelle Weltmeister und Olympiasieger besonders aus einigen Ostblockstaaten. Dort hat man sich oft der alten erfolgreichen Nachwuchsentwicklung verschrieben. Fazit: Deutsche Boxer gewinnen international immer weniger Medaillen. Einbürgerungen überspielen hier nur etwas das Problem. Der Profiboxsport macht ebenfalls eine ähnliche Entwicklung. Hier bekommt aber der eine oder andere Insider noch seine Chance. Auch wenn es schwer ist, der Amateurboxverband und die Profis sind zur Zusammenarbeit verdammt, wenn der Deutsche Boxsport bei den Amateuren und später dann bei den Profis erfolgreich vertreten sein soll.

Letzte Frage: Wie sieht Ihr Leben im boxsportlichen Unruhestand aus?

Uwe Behrendt: Auch für mich gilt: Wer rastet, der rostet. Natürlich halte ich mich beständig fit. Jede Woche schwimme ich meinen Kilometer, so 50 Kilometer im Jahr, und spiele einmal wöchentlich anderthalb Stunden Volleyball. Dazu kommen noch mehrmals kleine Radtouren.

„Dann weiterhin persönlich und sportlich alles erdenklich Gute!“

Die Fragen stellten Uwe Fox und Marko Michels.

Fotos: Boxsport und MV – eine erfolgreiche Symbiose (Michels/3)