10.08.2009: Rostock/MVregio – Ein wenig erinnern die alljährlichen Beschwörungsformeln der HanseSail Verantwortlichen an die letzten Jahre der DDR: Vielleicht bedingt durch die ein oder andere Personengleichheit erreichen die verkündeten Besucher- und Buchungszahlen immer astronomischere Größenordnungen – Der Plan muss schließlich übererfüllt werden.

Und das tut er dann auch, wenn man (wie fast alle Medien) die offiziellen Zahlen ungeprüft übernimmt. Wer will sich schon als Nestbeschmutzer betätigen? Dabei täte es allen Beteiligten gut, sich wenigstens auf bescheidenem Niveau in Selbstkritik zu üben – andernfalls sei erneut auf das Ende der DDR verwiesen.

Was sind also die nachprüfbaren Fakten? Die zuständigen Polizei- und Sicherheitsdienste bestätigen gegenüber MVregio „einige hunderttausend Besucher“ – hoch gegriffen vielleicht 800.000. Weder Straßen- noch Parkplatzkapazitäten wurden während der Veranstaltungstage überschritten – Der Verkehr staute sich lediglich punktuell um Rostock herum; hauptsächlich bedingt durch den Ferienbeginn in neun Bundesländern. Ein hoher Beamter gibt aber zu verstehen, dass man offiziell nichts dazu sagen dürfe. Auch seitens der öffentlichen Verkehrsbetriebe gab es keine Berichte über stark erhöhte Beförderungszahlen. So unproblematisch verlief der An- und Abreiseverkehr des „Besucherheeres“ nicht immer in den letzten 19 Jahren HanseSail. Dabei haben zwar die Parkplatzmöglichkeiten zugenommen, der innerstädtische Verkehr wurde jedoch durch die Sperrung des Doberaner Platzes, des Neuen Marktes, der Straße am Warnowufer und den vermehrten Tempolimits eher gehemmt.

Auch der Selbstversuch spricht eher für abnehmende Besucherströme als neue Rekorde: Das Sail-Gelände am Stadthafen inklusive des Vorplatzes der NDR-Bühne ließ sich selbst am besucherstärksten Samstagabend zügig erlaufen. Vor einigen Jahren blieb man bei diesem Versuch in etlichen „Flaschenhälsen“ stecken; für das Feuerwerk musste man sich frühzeitig Plätze organisieren. Einige Anwohner erinnerten sich an Zeiten, in denen sie zu Verwandten in andere Stadtteile geflüchtet sind, weil im Stadthafenbereich „gar nichts mehr ging“. Gegenüber MVregio News freuten sich die Befragten nun darüber, „dass diesmal kein Chaos herrschte“. Für neue Besucherrekorde spricht diese Aussage nicht.

Warum also dieses manische Festhalten an den großen Zahlen? Im Wettbewerb mit anderen maritimen Großereignissen wie der Kieler Woche um die Gunst von Publikum und Seglern, um öffentliche Wahrnehmung und nicht zuletzt Sponsorengelder müssen offenbar immer neue Superlative aus dem Hut gezaubert werden. Auch die Standmieten orientieren sich an der erwarteten Besucherzahl. Kurzum: Die Finanzierung der Sail steht und fällt mit der Gunst des Publikums.

Die Selbsttäuschung trägt natürlich auch den Charakter einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“: Das vermeintliche Interesse der Anderen reißt dann auch so manchen Sail-Muffel vom Hocker. Dieser muss dann zu seinem Leidwesen feststellen, dass sich ein Aspekt wirklich nicht verändert hat: Die Entwicklung der HanseSail vom Traditionssegler-Treffen zum schieren Rummelplatz setzt sich weiter fort. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Sail-Verantwortlichen selbstkritisch hinterfragen, was ihr Publikum wirklich will. Dazu müsste wieder stärker mit allen Beteiligten gesprochen werden. Auch die Werbung verdiente eine Auffrischung. Selbst innerhalb der jugendlichen Zielgruppe blieb weit verbreitet unbekannt, welche hochkarätigen Stars auf der NDR-Bühne auftraten.

Mit der dringend benötigten Aufpolierung der HanseSail müsste ein Verzicht auf die Zahlenmanipulationen einhergehen. Diese suggerieren ein „Weiter so“ und standen schon im letzten Jahr tatkräftigen Veränderungen im Weg: Das Versprechen von Sail-Chef Holger Bellgardt auf der HanseSail 2008 gegenüber dem NDR Nordmagazin, neue Attraktionen für 2009 schaffen zu wollen, verpuffte ergebnislos. Die Vielzahl der Traditionssegler, das fantastische Ambiente und die unbestrittene tolle Stimmung der Gäste machten das maritime Spektakel trotzdem wieder zum besten Aushängeschild der Stadt – Damit das aber so bleibt, sollten sich die Verantwortlichen weniger in Selbstbetrug denn in Innovationskraft üben.
MVregio Rostock km/hro