Bedeutendster Kongress für Natur- und Umweltschützer

Der 30. Deutsche Naturschutztag öffnet heute in der Hansestadt Stralsund bis zum 1. Oktober 2010 seine Tore. Mehr als 500 Naturschützerinnen und Naturschützer haben ihre Teilnahme zugesagt. Das Motto des diesjährigen DNT „Frischer Wind und breite Horizonte“ und der gewählte Tagungsort Stralsund stellen das Thema „Wasser“ in den Vordergrund: vom Meeres- und Küstennaturschutz bis hin zum Management von Flussgebieten und Mooren.

Ministerpräsident Erwin Sellering heißt die Teilnehmer am Deutschen Naturschutztag herzlich in Mecklenburg-Vorpommern willkommen. „Ich bin stolz auf die vielen Naturschönheiten, die wir den Fachbesuchern präsentieren können“, so Sellering. „Zwischen Ostsee und Müritz gibt es unter anderem drei Nationalparks, zwei Biosphären-Reservate und sechs Naturparks.“ Weil diese Schutzgebiete erst nach der Wende eingerichtet werden konnten, bezeichnet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident die Natur als „eine Gewinnerin der deutschen Einheit“.

„Wenn das Land der Ökologie Chancen einräume, fördere es auch die Ökonomie“, sagt Ministerpräsident Sellering. „Unser Bundesland ist in den vergangenen 20 Jahren in Branchen wie Tourismus, Gesundheit und erneuerbare Energien ein großes Stück vorangekommen. All diese Erfolge beruhen darauf, mit Natur und Umwelt pfleglich umzugehen.“

Sellering ehrt die Teilnehmer des Naturschutztages am Dienstagabend mit einem Empfang im Stralsunder Ozeaneum. Der Deutsche Naturschutztag ist seit mehr als 80 Jahren der bedeutendste Kongress für Natur- und Umweltschützer. Das Motto der diesjährigen Veranstaltung in Stralsund lautet „Frischer Wind und weite Horizonte“. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Thema „Moore“.

Die Veranstalter, der Bundesverband Beruflicher Naturschutz (BBN), das Bundesamt für Naturschutz (BfN), der Deutsche Naturschutzring (DNR) sowie 2010 als gastgebendes Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, vertreten durch das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz, verdeutlichen die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, vor die uns der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen stellt.

„Im Jahr der internationalen Vielfalt müssen wir feststellen, dass der Artenrückgang nicht gestoppt werden konnte“ so das Urteil des 1. Vorsitzenden des BBN, Heinz-Werner Persiel. Trotz weltweiter Verabredungen sei das Gegenteil der Fall. Die Artenkurve sei mit wenigen Ausnahmen  rückläufig. „Die Bewahrung der Schöpfung ist in unserem Grundgesetz als Staatsziel verankert“ führte der Naturschutzexperte aus. Das Engagement von Politik und Gesellschaft müsste deutlich verstärkt werden. „Angesichts des anhaltenden Artensterbens müssen wir aktuelle Anstrengungen weiter vorantreiben, aber auch Neues denken“ so Persiel. Der BBN fordert daher die Sicherung der Natura 2000–Gebietskulisse durch inhaltlich wirksame  Schutzgebietsverordnungen sowie die Umsetzung ökologischer Netze.  Diese würden in Konzepten zum Biotopverbund bereits existieren. „Der Aufbau einer „grünen Infrastruktur“ sowie neue Konzepte zur Flächennutzung und Bewirtschaftung sind der richtige Weg“ so Persiel. Hierzu bedürfe es aber auch einer professionellen leistungsstarken Umweltverwaltung. Daran sollte „Vater Staat“ nicht noch weiter sparen.

Einen Schlüssel zu neuen Wegen zum Schutz der biologischen Vielfalt sieht der BBN in der Ausgestaltung der neuen EU-Finanzperiode 2014 bis 2019 zur gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Die Präsidentin des Bundsamtes für Naturschutz (BfN) Prof. Dr. Beate Jessel sieht in der Übernutzung der Meere eine deutliche Gefahr für die Erhaltung der biologischen Vielfalt in den Meeren und den Verlust der Lebensgrundlagen. „Forschungsergebnisse zeigen, dass weltweit inzwischen 40 % aller Meeresgebiete einer intensiven menschlichen Nutzung ausgesetzt sind. Besonders akut ist die Situation in europäischen Gewässern, in denen fast 90 % der Bestände überfischt sind. Hinzu kommen eine Vielzahl  weiterer Nutzungsformen: Energiegewinnung, Sand- und Kiesabbau, Pipelines und Kabel. Was wir dringend brauchen ist eine Anpassung der viel zu hohen Fangquoten und die Einrichtung eines Netzwerkes von weitgehend nutzungsfreien Meeresschutzgebieten weltweit wie auch auf europäischer Ebene“, sagte Beate Jessel.

Mecklenburg-Vorpommerns Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Dr. Till Backhaus informierte darüber, dass Mecklenburg-Vorpommern bei der Renaturierung von Mooren einen völlig neuen Weg einschlägt. Nachdem das Land auf eine mehr als zehnjährige Erfahrung bei der Wiedervernässung von Mooren zurückblicken kann, soll dieser Bereich auch für privates Engagement geöffnet werden.

„Indem wir zunächst die Leistungen der Moore im Bereich des Klimaschutzes monetarisiert haben, können wir heute ein auf ökologischen Leistungen basiertes Wertpapier anbieten: die MoorFutures. Ihr Preis wird zwischen 10 und 50 Euro pro Tonne vermiedenes Kohlendioxid liegen. Das Einsparpotenzial an Treibhausgasemissionen durch Wiedervernässung von Mooren ist enorm, ca. 10 Tonnen Kohlendioxidäquivalente pro Hektar und Jahr sind zu erwarten. Die bereits geschützte Marke MoorFutures bieten wir Unternehmen an, die über den freiwilligen Kohlenstoffmarkt ihre Emissionen senken wollen. Ein MoorFutures steht für die Vermeidung von einer Tonne Kohlendioxid.

Neben den positiven Effekten für das Klima werden gleichzeitig Beiträge zum Erhalt der Biodiversität und zum Gewässerschutz ermöglicht. Mecklenburg-Vorpommern beschreitet damit neue Wege der Finanzierung von Maßnahmen, die gleichermaßen dem Gewässer-, Arten-, Moor- und Klimaschutz dienen. Wir haben bereits konkrete Standorte vorbereitet und können mit interessierten Unternehmen sofort entsprechende Verträge abschließen“, sagte Minister Backhaus.

Mit diesem Projekt setzt Mecklenburg-Vorpommern Maßstäbe in Deutschland und Europa. Dies wird auch durch die jüngste TEEB-Studie bekräftigt, in der es um die Einschätzung des ökonomischen Wertes von Leistungen der Natur geht. Die MoorFutures sind das einzige Projekt aus Deutschland, das darin aufgeführt wurde. „In Europa sind wir eines von fünf, wobei wir uns als das „derzeit beste Beispiel in Europa“ bezeichnen dürfen“, betont Backhaus.

Ein bereits etabliertes und sehr erfolgreiches Beispiel für die Monetarisierung ökosystemarer Dienstleistungen sei die 10 Euro teure Waldaktie, von der in knapp drei Jahren bereits 15.000 Stück verkauft wurden.

Minister Backhaus sprach sich weiterhin dafür aus, ökologische Leistungen der Landwirtschaft mehr zu honorieren. „Für die kommende EU-Förderperiode schlage ich deshalb ein ganz neues System der Agrarförderung vor. Der Landwirt, der mehr für die Umwelt und den Klimaschutz leistet, soll dafür auch honoriert werden. Es muss ein klarer Leistungsbezug her, der die pauschalen Direktzahlungen ersetzt“, erklärte Umweltminister Backhaus.

Zur aktuellen Diskussion um die Inwertsetzung der Biodiversität nahm der Präsident des Deutschen Naturschutzringes (DNR) Hubert Weinzierl Stellung: „Immer mehr erkennt die Menschheit den materiellen Wert von Tier – und Pflanzenarten für kostenlose Dienstleistungen, als Rohstoffe, Ernährungsgrundlage und Heilmittel“, sagte Hubert Weinzierl.“ Darüber hinaus beinhaltet die Artenvielfalt aber einen Wert an sich; weil Vogellieder, Schmetterlinge und Blütendüfte nicht in Geld zu messen sind, werden die Naturschutzgebiete auch zu Seelenschutzgebietefür Menschen“. Der DNR-Präsident lobte Mecklenburg–Vorpommern als das Land mit der höchsten Dichte an Nationalparken und Naturerbeflächen. „Darauf können Sie stolz sein. Damit tragen Sie die Verantwortung für die größten Naturschätze Deutschlands“.

Gleich mehrere besondere Ereignisse begleiten den 30. DNT: 20. Jahre Deutsche Einheit, sowie das Erreichen des Countdown 2010 – eine Maßnahme des von der EU angestrebten „Stopp des Verlustes der biologischen Vielfalt“.

Als bewährter Bestandteil aller deutschen Naturschutztage werden auch die Darstellung und Auseinandersetzung mit weiteren aktuellen Entwicklungen im Naturschutz und Umweltrecht, in Kommunikations- und Bildungsfragen und ökonomische Aspekte des Naturschutzes Inhalt sein. Nicht zuletzt schafft eine große Palette interessanter und vielfältiger Exkursionen eine gelungene Verbindung zur Naturschutzpraxis vor Ort.