Olympia als wirtschaftlicher Impulsgeber?!


„Am Freitag hat in Hamburg das 3. Norddeutsche Tourismusforum „International“ der IHK Nord stattgefunden. Die Veranstaltung widmete sich dem Thema „Gold für Norddeutschland! – Olympische Perspektiven für das norddeutsche Auslandsmarketing“. „Die Olympischen Spiele sind eine Möglichkeit, Deutschland als weltoffenen Gastgeber zu präsentieren. Olympia ist eine große Chance, Impulse für die norddeutsche Wirtschaft zu setzen und den internationalen Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken.

Der Norden als Ganzes und im Besonderen die Metropolregion Hamburg können zeigen, dass sie bei diesem Großereignis zusammenstehen. Entscheidend ist die Zusammenarbeit aller Beteiligten bei den Vorbereitungen“, sagte der Minister für Wirtschaft, Bau und Tourismus Harry Glawe am Freitag vor Ort…“

So lautet der Beginn einer offiziellen Pressemitteilung des Ministeriums für Wirtschaft, Bau und Tourismus M-V am heutigen 11.September.

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Olympia als wirtschaftliches Standortmittel?!

So, so. Olympia (Hamburg 2024) soll Impulse für die norddeutsche Wirtschaft setzen und den internationalen Wirtschaftsstandort Deutschland stärken.

Eigentlich sollte doch aber Olympia ein Fest für die Sportjugend der Welt sein… Etwa schon vergessen? Seit wann dient Olympia als „Promotion-Instrument“ der deutschen Wirtschaft?!

Olympia ist „mausetot“

Aber (das ursprüngliche) Olympia ist eh schon lange „mausetot“. Eine „mächtige Stütze des Friedens“, wie vom großen Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, wurden sie nie. Stets waren diese ein „Spielball der großen Politik und Wirtschaft“, ob 1920 oder 1924, 1936, 1956, 1976, 1980, 1984, 1996 oder 2008.

Nur zwei Beispiele: Die Organisation der Spiele von Montreal 1976, überschattet ohnehin vom „Afrika-Boykott“, sollte ursprünglich 310 Millionen Dollar betragen, dann wurden es sogar 1,4 Milliarden Dollar. Diese Schuldenlast mußten die kanadischen Bürger, auch mittels einer Sondersteuer, bis 1996 (!) begleichen.

Politisch missbraucht wurden in der jüngeren Vergangenheit nicht zuletzt die Spiele 1980 in Moskau, welche von der Mehrheit des „Westblocks“ boykottiert wurden, wie auch die Spiele 1984 in Los Angeles, als die Mehrheit des „Ostblocks“ fehlte. Beide Spiele „dienten“ ebenfalls dazu, „Geschäfte zu machen“. Olympia als „Litfass-Säule“ und „politische Propaganda-Show“.

Und: Wie war das noch in Sotschi 2014?!

Im mondänen Bade- und Kurort an der russischen Schwarzmeerküste stand 2014 nicht die „liebe Sonne“, sondern das sportive „Väterchen Frost“ im Mittelpunkt. Zwar passten Sotschi und Winterspiele nicht so recht zusammen, aber was nicht passt, wird eben passend gemacht – seitens der politischen Administrationen, der Sportfunktionäre und des IOC.

Sotschi – und weiter

Nun gut, auch in Sotschi – wie bei den meisten Winterspielen seit den 1960ern – wurden viele Umwelt-Frevel begangen, unnötige Sportbauten errichtet, deren Nachhaltigkeit eigentlich nicht gegeben ist, Menschen umgesiedelt, mit mehr oder minder mehr Zwang, oder Geld für viel Unsinniges verschleudert.

Alles nicht so schlimm, was tut man nicht alles, damit eine sportliche Party, deren selbst ideeller Wert gegen Null tendiert, ein (Pseudo-)Erfolg wird.

Geld im Überfluss?!

60 Milliarden US-Dollar kostete „der sportliche Spass“ in Sotschi. Auch bei den vorangegangenen Winterspielen lagen die Kosten bereits im astronomischen Bereich. Vancouver gab 8 Milliarden kanadische Dollar für die Spiele 2010 aus, Turin 2006 immerhin 3,4 Milliarden Euro – die Dunkelziffer für „die olympischen Ausgaben“ dürfte freilich höher liegen!

Die bisherigen Winterspiele seit 1924 verschlangen sowieso Unmengen an Geld, Material und natürlicher Umwelt. Nie waren sie das, was sich Baron Pierre de Coubertin von ihnen erhoffte. Leider. Das freilich ist jedoch nicht die Schuld des idealistischen Barons, sondern Folge des menschlichen Naturells. „Der Mensch ist leider nicht naiv, der Mensch ist leider primitiv!“, so heißt es bereits treffend in einem Song von Marius Müller-Westernhagen…

Gier, Selbstsucht, Narzissmus, Geltungsdrang, Machtstreben von angeblich dem Sport und seinen Werten verbundenen Unternehmern, Politikern und Funktionären führte dazu, dass Olympia nur noch als leere Worthülse existiert.

Nur Sotschi suboptimal?

Sotschi ist da nur ein weiteres negatives Paradebeispiel. Aber machen wir uns nichts vor… Wo fanden in den letzten 40 Jahren wirklich nachhaltige Winterspiele statt. Grenoble 1968? Sapporo 1972? Innsbruck 1976? Lake Placid 1980? Sarajevo 1984? Calgary 1988? Albertville 1992? Lillehammer 1994? Nagano 1998? Salt Lake City 2002? Turin 2006? oder Vancouver 2010?

Mit viel Phantasie, Nachsicht und wohl wollender Einstellung könnte man da – mit deutlichen Abstrichen – Innsbruck oder Lillehammer positiv hervorheben.

Jedoch: Auch hier lagen und liegen die Schuldenlasten beträchtlich hoch, „rechnen“ sich einige damals neue Sportbauten nicht oder wurden einige „Infrastruktur-Massnahmen“ schlicht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei durchgesetzt.

Stimmungsvoll?!

Sicher die Stimmung während der zweieinhalb Wochen olympischen Glaubens war sowohl 1988 in Calgary, 1994 in Lillehammer, 2002 in Salt Lake City oder 2010 in Vancouver herausragend – bis dann die olympischen sowie paralympischen Feuer erloschen waren und die Kater-Stimmung dominierte: angesichts erdrückender Folge-Kosten für die errichteten Sportpaläste, die zu zahlreichen Hotels (für die High Society der olympischen Familie) oder die exorbitante allgemeine Verschuldung der jeweiligen Städte im Zusammenhang mit Olympia.

Verdient haben nur das IOC und die angeblich so selbstlosen Sponsoren, die nur dank ihrer fleissigen „Lohnsklavinnen und Lohnsklaven“, die im Hamsterrad leben, so gönnerhaft sein können! – Und natürlich dank der fleissigen und ehrlichen Steuerzahlerinnen und Steuerzahler in aller Welt.

Der Umgang mit Sportlern

Und: Wie wird mit Sportlerinnen und Sportlern umgegangen, wenn sie nach erfolgreichen Jahren einmal einen kleinen Fehler machen?!

Bezeichnend ist der „Fall Evi Sachenbacher-Stehle“. Wie ging man seitens der Funktionäre mit Evi um! Jahrelang war sie der Darling des nordischen Skisportes – national und international. Zusammen mit Claudia Nystad war sie bis Sotschi die erfolgreichste deutsche Skilangläuferin aller Zeiten.

Dann machte sie einen kleinen Fehler mit großen Folgen. Sie vertraute darauf, dass auf einem Nahrungsergänzungsmittel drin war, was drauf stand. Und schon war Evi die „größte Dopingsünderin“…

Wie verlogen, wie widerwärtig und abstoßend, was in der Folgezeit mit Evi passierte. Plötzlich war sie eine sportive „persona non grata“, wurde aus dem Wintersport-Olymp gejagt, von Medien, Sportpolitikern und Sportfunktionären, denen Verlogenheit, Korruption und kriminelle Energie ja in den Genen liegen. Mittlerweile mußten die gleichen Pharisäer einräumen, dass sie einen Fehler begingen…

Zwar wurde die Karriere, das Leben und die Reputation einer ungemein sympathischen und emotionalen Sportlerin zerstört, aber das sind für diese Leute ohnehin nur „kollaterale Schäden“ auf dem Weg zum eigenen fragwürdigen „Wichtigsein“.

Wo bleibt die „Vergangenheitsbewältigung“?!

Anstatt dort tätig zu werden, wo wirklich Bedarf besteht! Mit dem Massen-Betrug in puncto Doping in der DDR und in Westdeutschland. Mindestens zwei Drittel der ost- und westdeutschen Sportlerinnen und Sportler müßten ihre Olympia-, WM- und EM-Plaketten bis 1990 abgeben, aber es wird seitens der deutschen Sport-Mafia nur laviert, verdunkelt und relativiert! Man zeigt mit dem Finger lieber auf die USA, nach Australien, Großbritannien, China oder Russland, obwohl man mit dem Finger eher auf sich selbst zeigen müßte. Dieser Frevel wird Euch nie und nimmer durchgehen – das sei Euch ins sportliche Stammbuch geschrieben! Die Wahrheit läßt sich nicht zerstören!

…Auch im Fußball wird auf „Teufel komm raus“ gedopt, aber die Lobby dort ist ja riesig, da nimmt man sich lieber vermeintliche Randsportarten vor! Tja, Sport-Deutschland einig Lügen-Land! Dafür werden im TV auch lieber die Kirmessportarten „Profiboxen“, „Formel 1“ und von Getränkeherstellern beförderte „Fun-Games“ übertragen.

Glücklicherweise gibt es in der Gegenwart noch viele aufrichtige, vorbildliche und sympathische Sportler-Persönlichkeiten, die oft das richtige Wort auf den Lippen bzw. das Herz an der richtigen Stelle haben und zudem nicht nur sportlich, sondern auch geistig rege sind. … Ob sie nun Isabella Laböck, Andrea Petkovic, Robert Harting, Felix Neureuther, Claudia Nystad, Eric Frenzel, Aline Focken, Lisa Zimmermann, Britta Heidemann, Lena Schöneborn, und und und heissen…

Sie alle stehen für eine aufrichtige, ehrliche Liebe und Leidenschaft zu ihrem Sport, meisterten schlimme Schicksalsschläge, ließen sich ebenfalls von Rückschlägen nicht entmutigen, konterten unberechtigte Kritik mit deutlicher Sachlichkeit und zeichnen sich durch enorme Leistungsbereitschaft aus.

Sportfunktionäre versus Sportler

Leider versuchen Sportpolitik, Sportfunktionärstum und Sponsoren, diese Persönlichkeiten für ihre selbstsüchtigen Zwecke zu instrumentalisieren, die Werte des Sportes für sich zu missbrauchen und den olympischen Gedanken auf dem Altar der Profitsucht zu opfern.
Nicht die Sportlerinnen und Sportler – und dessen Sportdisziplinen – stehen im Mittelpunkt, sondern der schnöde Mammon, die Machtgeilheit der Funktionäre und das Gewinnstreben der Unternehmen.

Wer Kritik übt, wird ausgebremst, negiert oder subtil zerstört bzw. kalt gestellt.

Ein alter DDR-Witz

Wer Fragen nach den Kosten für Olympia stellt, wird inzwischen als „Kleingeist“ bezeichnet… Das Ganze erinnert an einen alten DDR-Witz aus dem Jahr 1976, als der nicht nur von der baulichen, sondern auch von der politischen Substanz her verseuchte „Palast der Republik“ in Berlin endlich zugänglich war: „Stellt der Genosse Müller aus Rostock bei einer Sitzung des Zentralkomitees der SED dem Genossen Honecker vor der Mittagspause zwei Fragen: 1. Wie teuer war der Bau des Palastes der Republik genau? 2. Wie viele Sozialwohnungen hätte man davon errichten können? … Dann ist Mittagspause … Nach dieser meldet sich der Genosse Meyer aus Schwerin zu Wort und hat drei Fragen: 1. Wie teuer war der Bau des Palastes der Republik genau? 2. Wie viele Sozialwohnungen hätte man davon errichten können? Und: 3. Wo ist der Genosse Müller aus Rostock geblieben?“

Tja, anscheinend wurde der mutige Genosse Müller aus Rostock wegen seiner Fragen einfach „kalt gestellt“ – und das nicht nur sportlich…

Ist es heute anders?

Sind wir ehrlich: Ist es heute anders? Die Methoden haben sich zwar geändert, aber missliebige Menschen, die aufrichtig sind und nicht im „Mainstream“ schwimmen, werden nun pseudo-demokratisch entsorgt. Am besten wird jenen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt gegeben.

Olympia wird immer gigantischer, teurer, mondäner. Aber gibt es wirklich keinen Weg zurück, zurück zu den Wurzeln des olympischen Sports, wie es einmal zum Beispiel in Athen 1906, Sankt Moritz 1948, London 1948, Oslo 1952 oder Helsinki 1952 war? Als zumindest mehrheitlich der olympische Gedanke noch etwas galt, Bescheidenheit imponierte sowie Gigantismus und Profitgier verpönt waren?

Muss es immer „schneller“, „höher“, „weiter“, „goldiger“, „medaillenträchtiger“ oder „monetärer“ sein?! Das kann und darf nicht die Zukunft des Sportes, der olympischen Bewegung sein! So macht sich diese zwar monetär liquide, also flüssig, aber letztendlich – auf Dauer – überflüssig.

Die Menschen, auch in Deutschland, wollen Olympische Spiele, aber ohne dominante Sponsoren, ohne politische „Zielvorgaben“, ohne astronomisch teure Sportbauten und unnütze Hotel-Anlagen für Apparatschiki, ohne selbstsüchtige Sportpolitiker und ohne „Mainstream“-Medien, die sich selbst inszenieren.

Dann hätte Olympia in Zukunft – auch hierzulande – wirklich eine Chance.

Und dann braucht Olympia, wie von Minister Glawe gewünscht, der Wirtschaft auch keine Impulse zu verleihen. „Flügel verleiht“ etwas anderes – und das schmeckt nicht mal besonders!

Marko Michels

PS: Ansonsten gab es aus den Ministerien M-V wieder „das übliche Uninteressante“:

– Innenminister Caffier dankt Bundeswehr und Jugendherbergen für die Bereitstellung von Unterkünften für Flüchtlinge, als ob diese eingezogen werden oder hier Urlaub machen wollen.

– Sozialministerin Hesse vergibt irgendwelche Förderpreise. Hoffentlich werden auch diejenigen  gefördert, die eine Förderung wirklich verdient haben…

– Kultusminister Brodkorb ruft zur Suche nach dem Pädagogen des Jahres 2016 auf. Wozu suchen, wenn man kompetente Leute finden könnte?

– Landwirtschaftsminster Backhaus eröffnete die MeLa in Mühlengeez bei Güstrow, obwohl Bäuerinnen und Bauern auch mal bessere Zeiten erlebten.

– Und Justizministerin Kuder freut sich, dass der Volksentscheid gegen ihre „Gerichtsstrukturreform“ scheiterte.

Ein „Doppelhaushalt“ mit exorbitanten Ausgaben wurde ebenfalls diskutiert – und wenn sie nicht gestorben sind, so regieren sie noch heute!

Das war die politische Woche (7.9.-11.9.) im Info-Stil. Fehlt nur noch Wilhelm Busch: „Aber wehe, wehe, wehe. Wenn ich auf das Ende sehe!“

M.M.

Foto/Michels: Olympia könnte so schön sein… Rostocker Eiskunstläuferinnen bei einem Auftritt in Schwerin.