Usedomer Literaturtage gehen zu Ende

Verleihung des Usedomer Literaturpreises an Olga Tokarczuk / Erfolgreiche Bilanz der Literaturtage unter dem Thema „Wortreiche Landschaften zwischen Ostsee und Karpaten“

Seebad Ahlbeck – Mit der Verleihung des Usedomer Literaturpreises gingen am 1. April, die Usedomer Literaturtage 2012 zu Ende. In einer feierlichen Veranstaltung im Atelier Otto-Niemeyer-Holstein, Koserow, überreichte die Preisträgerin 2011, Radka Denemarková, die Auszeichnung an die polnische Autorin Olga Tokarczuk. Die Laudatio hielt Marta Kijowska, die als Übersetzerin und Journalistin mit besonderem Schwerpunkt auf polnischer Literatur und Geschichte in München arbeitet. Die Jury, bestehend aus Prof. Dr. Hellmuth Karasek, Dr. Andreas Kossert und Dr. Doris Lemmermeier, schrieb in der Begründung: „Olga Tokarczuk erhält den Usedomer Literaturpreis für ihr bisheriges literarisches Schaffen sowie für die literarische und intellektuelle Manifestierung der Region Niederschlesien in der europäischen Geschichtserfahrung und in der polnischen Sprache. Ihre mutigen, bisweilen radikalen Inhalte kleidet sie in klare, ruhige Worte und erschafft eine geheimnisvolle Poesie.“ Die 1962 geborene Autorin gilt als eine der bekanntesten und bedeutendsten polnischen Schriftstellerinnen. Ihre Werke sind mehrfach ausgezeichnet und wurden in 23 Sprachen übersetzt. Gerade arbeitet Olga Tokarczuk an einem Drehbuch zur Verfilmung ihres 2011 erschienenen Romans „Der Gesang der Fledermäuse“.

In ihrer Dankesrede formulierte Olga Tokarczuk: „Es ist mir bewusst, dass ich heute nicht hier stünde, wenn es mein leidenschaftliches, ja, obsessives Lesen nicht gäbe. Es gibt keinen Zweifel daran, dass ich aus Büchern entstanden bin, und dass ich nun, als Autorin, meinen Lesern das zurück gebe, was ich der Literatur verdanke. Auf dass wir in diesen unruhigen, ungeduldigen Zeiten, den Zeiten, in denen Bilder und der rasche Informationsaustausch triumphieren, diese Fähigkeit nicht verlieren – diese außergewöhnliche, magische Fähigkeit des Lesens und des Erlebens von Büchern.“

Basierend auf der thematischen Ausrichtung der Literaturtage, werden jährlich Literaten ausgezeichnet, die sich in hohem Maße dem europäischen Dialog in Geschichte und Gegenwart verpflichtet fühlen. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis, gestiftet von der Seetel Hotelgruppe und den Usedomer Literaturtagen, beinhaltet darüber hinaus einen vierwöchigen Aufenthalt auf der Insel Usedom, im Romantikhotel Ahlbecker Hof. Damit soll auch in Zukunft der Gedankenaustausch gefördert und die literarische Tradition auf der Insel, verbunden u.a. mit Maxim Gorki, Theodor Fontane und Thomas Mann, fortgeführt werden.

Erfolgreiche Bilanz

Die Usedomer Literaturtage widmeten sich vom 28. März bis 1. April 2011 den wortreichen Landschaften zwischen der Ostsee und den Karpaten. In Lesungen und Gesprächen blätterten namhafte Schriftsteller, Publizisten und Filmemacher die multikulturelle Geschichte Rumäniens auf und begaben sich auf deutsche Spurensuche in den Regionen Siebenbürgen, Banat und Bukowina. Mit der thematischen Dichte und der inhaltlichen Qualität haben sich die Literaturtage auf der deutsch-polnischen Insel zu einem wichtigen Podium für den südosteuropäischen Austausch entwickelt. Jedes Jahr versammeln sich die prägendsten Literarten und Kenner mit diesem Schwerpunkt auf Usedom.

Wie in den vergangenen Jahren fand das Programm der Literaturtage, zusammengestellt von Thomas Schulz (Referent des Deutschen Kulturforums östliches Europa), reges Interesse und versammelte zahlreiche Literaturinteressierte in sehr gut besuchten Sälen. Eröffnet wurden die Usedomer Literaturtage am Mittwochabend in Heringsdorf mit dem Dokumentarfilm „Die Wahrheit über Dracula“ von Stanislaw Mucha, der mit eindringlichen Bildern und einer großen Portion Ironie und Humor ein Portrait des heutigen Rumäniens zeichnete. Skurriles traf hierbei auf Nachdenkliches, was in den Köpfen der Zuschauer für langen Nachhall sorgt. Im Anschluss an den Film diskutierten Tanja Dückers, Ilma Rakusa, Ernest Wichner und Stanislaw Mucha über den Landstrich, der einst von Deutschen geprägt wurde, die dort heute jedoch kaum noch anzutreffen sind.

Die Polin Joanna Bator und die deutsche Autorin Eleonora Hummel berichteten am Donnerstag in Swinemünde über die von ihnen erlebte Zeit des Sozialismus. In der deutsch-polnischen Veranstaltung, moderiert vom Dramaturgen der Usedomer Literaturtage Thomas Schulz, standen zwei Familienromane im Mittelpunkt, die aus der Perspektive der Frau von Ängsten, Problemen und Träumen in einem freiheitsberaubten sozialistischen System erzählen.

Mit dem Buch „Rote Handschuhe“ von Eginald Schlattner und der dazugehörigen bildgewaltigen Verfilmung von Radu Gabrea bewegte die Veranstaltung im restlos ausverkauften Saal des Hotel Palace in Zinnowitz. Thematisiert wurden die unmenschlichen Verhältnisse im stalinistischen Rumänien anhand der autobiografischen Geschichte des Siebenbürger Pfarrers Eginald Schlattner. Das anschließende Gespräch mit dem Schriftsteller und dem Regisseur führte Andreas Kossert und beleuchtete die Situation in den 50er Jahren, in denen die rumänische Staatsmacht mit diktatorischen Werkzeugen Menschen unterdrückte und zerstörte.

Einer der geistreichsten Köpfe des Klaviers und der Poesie, Alfred Brendel, war am Samstag im Steigenberger Grandhotel und Spa, Heringsdorf, gemeinsam mit dem Moderator Manfred Osten zu erleben. Alfred Brendel sprach vom musikalisch Komischen in den Werken von Haydn, Mozart und Beethoven. Dabei  spürte er pianistisch und wortgewandt mit seinen spitzfindigen Gedichten das Komische in der Welt der klassischen Musik auf.

Unter dem Titel „Mit deutschem Migrationshintergrund auf dem Balkan“ widmeten sich die Schriftsteller Jan Koneffke (Deutschland) und Filip Florian (Rumänien) in der von Georg Aescht moderierten Veranstaltung am Samstagabend im Schloss Stolpe den deutschen Auswanderern in der rumänischen Hauptstadt Bukarest zu verschiedenen Zeiten der Geschichte. Besucht wurde die Lesung von der Gesandten der Rumänischen Botschaft in Berlin Adriana Stanescu.

Außerdem stellte am Freitag Arne Franke sein Buch „Das wehrhafte Sachsenland“ über die Kirchen in Siebenbürgen vor. Moderiert wurde der Nachmittag vom Südosteuropa-Referent am Deutschen Kulturforum östliches Europa Harald Roth. Am Donnerstagnachmittag konnte man im Ahlbecker Hof Oskar Ansull auf seiner literarischen Reise nach Czernowitz folgen.

Ergänzt wurde das Programm durch die Literarische Inselrundfahrt und einer Schülerlesung mit Sarah Jana Portner und Paulina Schulz. Noch bis Ende April ist die Ausstellung „In Tallinn leben – Geschichten von Menschen und Häusern“ von Sarah Jana Portner in der Villa Irmgard in Heringsdorf zu sehen. Zu entdecken sind Bilder aus Tallinn, die die Schriftstellerin als Stadtschreiberin in der estnischen Hauptstadt aufgenommen hat.

Die Usedomer Literaturtage sind eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des Usedomer Musikfestivals in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturforum östliches Europa sowie der Gemeinde Ostseebad Heringsdorf. Wie in den letzten drei Jahren übernahm der Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering die Schirmherrschaft. Kulturpartner ist NDR Kultur.

accolade pr