Skip to main content

Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Traditionsreiche Sportart mit Welttitelkämpfen: das Gewichtheben

WM im September in Antalya – Sportart in MV mit großer Tradition

Die WM im Gewichtheben der Männer und Frauen finden vom 17. September bis 29. September in Antalya/Türkei statt. Die deutschen Gewichtheber-Fans fiebern dabei mit Olympiasieger Matthias Steiner bei den „schweren Jungs“ mit. Seit 1891 werden Weltmeisterschaften im Gewichtheben ausgetragen, seit 1896 ist Gewichtheben olympisch.

In den olympischen Arenen der Neuzeit waren dabei die Gewichtheber aus Russland/Sowjetunion 47 erfolgreich – mit Abstand folgen die US-Amerikaner (15), die Chinesen (13) und die Bulgaren (12). Für deutsche Gewichtheber gab es bislang neunmal Gold. Im Jahre 2000 wurde dann das Frauen-Gewichtheben olympisch. Hier waren bislang die Chinesinnen mit 11 x Gold am besten.

Auch MV hat eine große Gewichtheber-Tradition. Insbesondere Stralsund ist die MV-Hochburg im Gewichtheben. Vor 25 Jahren gewann dabei Andreas Behm seinen ersten EM-Titel 1985 im Leichtgewicht, weitere 38 internationale Medaillen, u.a. EM-Zweikampf-Gold 1986, WM-Zweikampf-Silber 1987, WM-Zweikampf-Bronze 1983 (alles Leichtgewicht) oder zuvor 1982 WM-Zweikampf-Silber (Federgewicht).
Im Jahr 1992 gab es zudem Olympia-Bronze.

Doch, was der 1962 in Stralsund geborene Gewichtheber heute? Wie bewertet er das Leistungsniveau im deutschen Gewichtheber-Sport?

Nachgefragt …

Frage: Die WM im Gewichtheben in Antalya sind der Höhepunkt in der Schwerathletik des Jahres 2010. Wie bewerten Sie das nationale und internationale Niveau im Gewichtheber-Sport?

Andreas Behm: Die WM sind für alle Nationen ein wichtiger Schritt in Richtung Olympia 2012, weil aufgrund der Platzierungen die Quotenplätze für Olympia festgelegt werden. Nach meinem Kenntnisstand und im Hinblick auf die Meldeliste der Starter wird das Niveau sehr hoch und kompakt sein.
Das heißt, dass im Bereich der ersten zehn bis zwölf Plätze in jeder Gewichtsklasse ein enges Starterfeld zu erwarten ist.

Unsere Athleten werden es schwer haben Medaillen zu erkämpfen. Selbst unser Olympiasieger Matthias Steiner kann nur in Topform um eine Medaille kämpfen. Trotzdem muss gesagt werden, dass bei diesem hohen Niveau eine Platzierung der einzelnen Athleten unter den besten zehn Teilnehmern eine hervorragende Leistung sein  würde.

Frage: Sie gehören zu den erfolgreichsten deutschen Gewichthebern überhaupt, stammen aus Stralsund, der deutschen Gewichtheber-Hochburg. Vor ihnen gewann bei Olympia 1976 Helmut Losch und bei Olympia 1980 Jürgen Heuser mit jeweils Silber Olympiamedaillen. Sie wurden 1992 Dritter bei Olympia, nachdem sie durch den Olympia-Boykott des Ostblocks ala amtierender Weltrekordler 1984 um mögliches Olympia-Gold gebracht wurden und sich 1988 kurz vor Seoul leider verletzten.

Wie war damals, 1992, der olympische Wettkampf? Und: Im Rückblick, Schmerzt die verpasste Olympia-Chance 1984 in Los Angeles – bedingt durch die „große bornierte Politik“ – noch immer?

Andreas Behm
: Die Olympischen Spiele 1992 waren für mich ein riesiges Erlebnis und mit dem Gewinn der Bronzemedaille dazu erfolgreich. Nach dem Boykott der Olympischen Spiele 1984 und den verletzungsbedingten Ausfall 1988 war an eine Teilnahme an Olympischen Spielen schon kaum noch zu denken. Gerade nach 1988 schmerzte nicht nur die Verletzung, sondern zusätzlich noch einmal der Ausfall von 1984. Ich glaube, dass sich bei allen Athleten nicht nur Ärger und Wut, sondern auch Enttäuschung über die Politik breit gemacht haben. Nach meiner Operation 1988 und der anschließenden Wendezeit war die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1992 wirklich zweifelhaft. Dass es dann nach so vielen EM und WM trotzdem noch mal bei Olympia geklappt hat, und das sogar mit einer Medaille, war einfach nur unbeschreiblich.

Frage: Zurück zu Stralsund … Was zeichnet den Gewichtheber-Standort Stralsund aus Ihrer Sicht aus?

Andreas Behm: Die Bedingungen  für die Gewichtheber sind seit dem Hallen-Neubau 1993 optimal. Leider ist mit dem Wegfall des Status als Bundesstützpunkt im Jahr 2001, und damit verbunden auch der Wegfall der Bundestrainer- und  Landestrainerstelle, keine optimale Betreuung von Kader-Athleten mehr möglich.
Trotzdem findet der Nachwuchs hier hervorragende Bedingungen vor.

Frage: Auch Ihr Sohn Robert ist ein ambitionierter Gewichtheber. Wie bewerten Sie dessen weitere Entwicklung?

Andreas Behm
: Er hat es in den letzten zwei Jahren durch eine gute Leistungsentwicklung in die Nationalmannschaft geschafft. Leider ist im letzten wie auch diesem Jahr eine Teilnahme bei den WM aufgrund von Verletzungen nicht möglich gewesen. Bei den jetzigen WM fehlt er natürlich der Nationalmannschaft, um für die Plätze bei den Olympischen Spielen 2012 mitzukämpfen. Das ist natürlich bitter. Aber auch er wird sich den nächsten Aufgaben stellen, und sich im nächsten Jahr für die EM und WM anbieten. Robby hat das große Ziel, bei Olympia 2012 dabei zu sein. Um dieses Ziel erreichen zu können, ist allerdings noch eine kräftige Leistungssteigerung nötig. Ich bin mit ihm die letzten zehn Jahre durch „dick und dünn“ gegangen und hoffe natürlich, dass er diesen letzten Sprung auch noch schafft.

Frage: Sie sind Trainer beim Team vom TSV 1860 Stralsund. Wie sieht Ihr Alltag als Trainer aus? „Kribbelt“ es bei Ihnen noch manchmal in Armen und Beinen? Wünschen Sie sich Ihre Zeit als Aktiver zurück?

Andreas Behm: Ich habe seit 2000 zum größten Teil meinen Sohn als Trainer betreut. Als ehrenamtlicher Trainer gehe ich nach der Arbeitszeit fünfmal pro Woche zum Training. In meinem Urlaub war ich teilweise auch bei 8 Trainingseinheiten pro Woche anwesend. Der Alltag sieht dann so aus: Von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr arbeiten, danach zum Training bis 19.00 Uhr, teilweise bis 19.30 Uhr – also ein zwölf Stunden Tag ist ganz normal. Das schlaucht und ist natürlich anstrengend. In bestimmten Trainings-Phasen habe ich noch etwas mit trainiert. Aber in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung geht das natürlich nicht, da bin ich als Trainer voll gefragt.

Ich habe vor zehn Jahren meine Gewichtheberlaufbahn beendet. Also es „kribbelt“ nicht mehr, Gewichtheben zu betreiben. Ein leichtes Fitness-Training reicht völlig aus – selbstverständlich nur, wenn Zeit dafür vorhanden ist. Ansonsten gilt: Als Aktiver habe ich gute wie auch schlechte Zeiten erlebt. Die guten haben dabei überwogen. Ich denke gerne an meine Laufbahn als Gewichtheber zurück, aber man kann die Zeit auch nicht wieder zurück drehen …

Frage: Welche weiteren Möglichkeiten des „Fit-Seins“ nutzen Sie heute noch?

Andreas Behm: Wie gesagt, wenn Zeit vorhanden, ist ein wenig Fitnesstraining drin, ich fahre ab und zu Rad und gehe in die Sauna. Das muß reichen.

Dann weiterhin maximale Erfolge – beruflich, persönlich und sportlich!

Infos zum TSV 1860 Stralsund unter: www.tsv1860stralsund.de
Übrigens: Im Jahr 1892 gründete sich der Schweriner Athleten-Club „Germania“, der Ringen, Gewichtheben und Gewichtwerfen anbot.

Die Fragen stellte Marko Michels.


Ähnliche Beiträge