Tiere werden bis etwa einen Zentimeter groß

Dr. Wolfgang Wranik zeigt Professorin Inna Sokolova die neu eingeschleppte Schneckenart im Labor (Copyright: Universität Rostock/Thomas Rahr)

Wer seit Mitte August aufmerksam am Strand zwischen Wismar und Travemünde unterwegs ist, kann eine interessante Beobachtung machen: Im Flachwasser, zum Teil nur knietief, entdeckt man auf sandig-schlickigen Bereichen des Meeresbodens etwa zwei Zentimeter große gallertige Kugeln. Diese sind wie kleine Ballons über einen Fortsatz am Untergrund befestigt. An einigen Stellen sind es bis zu 300 pro Quadratmeter.

„Das sind die Eigelege einer neu eingewanderten Kopfschildschnecke“, sagt der Meeresbiologe Dr. Wolfgang Wranik von der Universität Rostock, der diese etwas außergewöhnliche Art bereits vor zwei Jahren bei einem Tauchgang auf der Insel Poel entdeckte. In jedem dieser kleinen Bällchen entwickeln sich 2.000 bis 3.000 Larven. Die schlüpfen dann nach etwa zwei Wochen und leben zunächst im freien Wasser, um als kleine Schnecken schließlich auf den Meeresboden zurück zu kehren.

Die Tiere selbst werden bis etwa einen Zentimeter groß und haben einen grün-gelblich, mit zahlreichen dunklen Pigmentflecken versehenen Weichkörper. Doch obwohl sie an den Stellen der Eiablage in großer Zahl vorhanden sind, sieht man sie kaum. Denn sie leben eingegraben etwas unter der Oberfläche des Meeresbodens.

„Das könnte ein Schutzeffekt sein, da die Tierchen nur ein sehr dünnes, blasenförmiges Gehäuse besitzen“, sagt Wranik. Eine Besonderheit dieser Art ist ihre intensive Schleimproduktion. Die führt dazu, dass sich ein schlauchartiger Schleimfilm über den gesamten Körper schiebt, der die Bewegungsmöglichkeit im Boden unterstützt und auch die Schnecke selbst vor Verschmutzung mit Sedimentpartikeln schützt. Die Nahrung der Tiere besteht vor allem aus Algen.

Mit Unterstützung von Meeresbiologin Professorin Inna Sokolova erfolgten Untersuchungen im Labor des Instituts für Biowissenschaften der Universität Rostock zur Lebensweise der Schnecke. In Zusammenarbeit mit Spezialisten der Universität Bergen (Norwegen) wurden DNA-Analysen durchgeführt, um die schwierige Zuordnung der Art abzusichern. Diese Analyse ergab, dass es sich um die Kopfschildschnecke „Haminoea solitaria“ handelt, deren ursprüngliche Heimat die nordamerikanische Atlantikküste von Kanada bis Florida ist.

„Die Ostsee ist ein Hotspot für die Arteninvasion. Jedes Jahr gibt es zwei bis drei neue Spezies, die hier zu finden sind“, sagt Professorin Sokolova, deren Forschung sich über die Ökosysteme von der Atlantik- und Pazifikküste der USA, der Nordsee, dem arktischen Weißmeer und aktuell bis zur Ostsee erstreckt. Allein in den letzten 150 Jahren sind etwa 100 gebietsfremde Arten in der etwa 12.000 Jahre alten Ostsee zu verzeichnen. Die meisten sind durch die Schifffahrt gekommen.

Wann, wo und wie diese Schnecke in den Küstenbereich der Ostsee gelangt ist, lasse sich nicht genau beantworten. Denkbar wären der Eintrag von Larven im Ballastwasser von Schiffen, der Transport durch Aquakultur oder der Handel mit marinen Produkten.

Nach bisherigen Erkenntnissen gehen die Rostocker Meeresbiologen um Professorin Sokolova davon aus, dass sich die Art zumindest im südwestlichen Teil der Ostsee etablieren konnte. Wie sich diese Kopfschildschnecke allerdings langfristig in unsere Küstenöko-Systeme einfügen wird und welche Auswirkungen das auf heimische Arten hat, müssen längerfristige Studien ans Tageslicht fördern. Zwar konnten inzwischen viele Informationen zur Lebensweise der Art zusammengestellt werden, doch gibt es nach wie vor auch offene Fragen. So haben die bisherigen Studien von Dr. Wranik gezeigt, dass die Schnecken von Anfang August bis Ende Oktober ins Flachwasser kommen, um sich hier zu vermehren, doch danach sind sie wieder verschwunden.

„Wo sie sich dann aufhalten, wissen wir noch nicht“, sagt der Rostocker Meeresbiologe. Bislang unbekannt ist auch die Salzgehalt-Toleranz der Tiere, die für eine mögliche Ausbreitung der Schnecke in der Ostsee von Bedeutung ist.

Pressemitteilung der Universität Rostock / Text: Wolfgang Thiel