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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Plattdeutsch – Mehr als Folklore

Das Interesse an Plattdeutsch ist so groß wie nie – die Sicht hat sich gewandelt

Mecklenburg-Vorpommern ist schon dünn besiedelt. Aber die Plattsnacker unter den Einwohnern werden immer weniger: Niederdeutsch, im Volksmund auch einfach „Platt“ genannt, hat als Umgangssprache in der Region seine beste Zeit schon lange hinter sich. Als der Reformator Pastor Slüter seine Predigten in Platt hielt, war das eine Revolution. Selbst Fritz Reuter wäre nach heutigen Maßstäben ein Millionenbestseller – mit Literatur auf Niederdeutsch. Aber heute spricht und versteht diese Sprach kaum noch jemand. Stirbt Platt aus? „Das ist eine gefährdete Sprache“, sagt Andreas Bieberstedt, Professor für niederdeutsche Sprache und Literatur am Institut für Germanistik der Universität Rostock. Dennoch sieht er „Grund zum vorsichtigen Optimismus“, dass diese Sprache überleben wird. „Nicht als Umgangssprache. Als Kulturgut, das bewusst gepflegt und gesprochen wird“.

„Diese Einschätzung bildet die Realität ab“, stimmt der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern a. D., Harald Ringstorff, ein leidenschaftlicher Plattsnacker, zu. Er hat während seiner zehnjährigen Amtszeit von 1998 bis 2008 viel für die plattdeutsche Sprache getan. „Wir haben beispielsweise 80 gestandene Lehrer, die Interesse an Platt haben, in einem zweijährigen Zusatzstudium fit gemacht“. In der Landesverfassung von M-V, die auch in Platt vorliegt, ist der Schutz und die Pflege von Platt verankert. Harald Ringstorff hat während seiner Amtszeit immer wieder mal am Unterricht in Schulen teilgenommen. „Da habe ich gemerkt, wie groß das Interesse der Kinder für Platt ist, wenn man ihnen dieses Kulturgut vermittelt“.

An der Universität Rostock gibt es zwar kein Niederdeutsch als Studiengang, aber innerhalb des Germanistikstudiums können künftige Lehrer an entsprechenden Seminaren und Vorlesungen teilnehmen sowie Plattdeutschkurse absolvieren. „Es ist ein wachsendes Interesse zu spüren“, betont Prof. Bieberstedt. Dass das kulturelle Interesse an Platt zugenommen hat, konnte auch Harald Ringstorff beobachten. „Das Reuterjahr brachte die Sprache sehr gut auf die Tagesordnung. Es gibt eine Reihe von Autoren und Klönsnacker, die Platt pflegen“. Ringstorff selbst spricht mit seinem Bürgermeister in einer Gemeinde von M-V nur Platt.

Prof. Bieberstedt verweist auf die verschiedenen Mundarten des Niederdeutschen. Es gibt das Hamburger-, Schleswig-Holsteiner-, Mecklenburger- und Pommersche Platt . „Im Familienkreis, wo die Sprache primär vermittelt wird, wird sie nicht mehr so weitergegeben“, bedauert der Sprachforscher. Harald Ringstorff hat eine Erklärung dafür: „50 Prozent der Menschen sind nicht in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Der Krieg steht als Ursache dafür. Aber diese Entwicklung setzt sich fort durch Zu-und Wegzüge“. Es gibt Umfragen zum Niederdeutschen in den nord-westlichen Bundesländern aus den 80er-Jahren (GETAS-Umfrage zur Lage des Niederdeutschen). Und aus Norddeutschland im Jahr 2008, organisiert vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen (Publikation: Frerk Möller 2008: Plattdeutsch im 21. Jahrhundert).

„Das Prestige von Platt war in den 70er-Jahren nicht so hoch“, sagt Prof. Bieberstedt. „Man wurde häufig als ungebildet oder Dummer vom Lande angesehen.“ Heute bedauern viele, dass ihre Kinder nicht mehr Platt lernen. „Die Sicht hat sich längst gewandelt“, betont Bieberstedt. Er mahnt: „Plattdeutsch darf sich nicht nur auf Folklore oder Volkskunst reduzieren, sondern muss systematisch gepflegt werden“.

Hamburg hat an ausgewählten Schulen Niederdeutsch als Unterrichtsfach eingeführt. In M-V gibt es einen Arbeitskreis „Niederdeutsch in der frühkindlichen Bildung und in der Schule“, an dem Vertreter des Bildungsministeriums, verschiedener Kulturverbände (zum Beispiel Stiftung Mecklenburg, Landesheimatverband M-V, Volkskulturinstitut) sowie der Universitäten Rostock und Greifswald mitwirken“, sagt Prof. Bieberstedt, der hier selbst federführend aktiv ist. Ein erster Ansatz für M-V ist das Pilotprojekt „Niederdeutsch in der KITA“ an 17 ausgewählten Kindergärten.

Die EU hat in den 90er Jahren eine Sprachcharta verabschiedet, die dem Schutz bedrohter oder kleiner Sprachen dienen soll. Die Bundesrepublik ist somit verpflichtet, Regional-und Minderheitssprachen zu pflegen. Eine Kontrollkommission untersucht die Umsetzung.

Quelle: Universität Rostock


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