Niemals vergessen! Konzerte zum Erinnern und Mitdenken in Wismar

Natascha Osterkorn im Theater Wismar

Der 9. November, ein geschichtsträchtiger Tag, ein „Tag, an dem das Herz eines Deutschen zerreißen könnte“, wie einst der Wismarer Landrat Robert Brinkmann 1945 meinte. Das Ende der deutschen Monarchie wurde am 9. November 1918 proklamiert, es folgte der gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch 1923, dann die Reichspogromnacht, die die bereits vorher eingesetzte Verdrängung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland nun deutlichst symobolisierte, und dann, 1989, der Fall der Berliner Mauer und das friedliche Überwinden der deutsch-deutschen Grenze.

Viele Demokraten in Mecklenburg erlitten nach Machtantritt der Nazis härteste Repressalien. Einer davon war Karl Schneeberg, der sich auch gegen die Verfolgung  Deutscher jüdischen Glaubens einsetzte.

Über das Schicksal von Karl Schneeberg konnte dessen Tochter Roswitha Rösel berichten: „Seit Hitlers Machtübernahme 1933 wurde mein Vater – als sozialer Demokrat – arbeitslos. Er wurde sofort entlassen. Da er nicht mehr arbeiten durfte, versuchte er als Lehrer mit seiner Familie auszuwandern. Dieses wurde ihm strikt untersagt. Wir hatten eine sehr harte Zeit des Hungerns und der Repressalien durchzustehen; besonders schlimm war auch die schlimme Herzerkrankung meines Vaters. Nicht nur mein Vater, sondern auch meine Mutter, die Lehrerin war, durfte nicht arbeiten. Der damalige Gauleiter der NSDAP Friedrich Hildebrandt sagte meinem Vater: `Damit treffen wir Sie am meisten, wir hungern Sie aus !`. Mein Vater war zeitweise verhaftet oder mußte sich wöchentlich melden, ob er noch da war.

Mit wenigen privaten genealogischen Aufträgen sowie als `Bienendoktor` und mit dem Verkauf von Honig und der eigenen Verwertung der Gartenerträge hielten unsere Eltern uns über Wasser allerdings nahmen schwere Erkrankungen, u.a. Tbc, Einzug in die Familie. Im Alter von sieben Jahren wurde ich bedroht, wenn ich nicht `Heil Hitler` grüßen würde, müsse ich zum Üben kommen. Diese braune Pest schreckte vor nichts zurück. Nun, die erste Anstellung, eine teilweise Beschäftigung  im Oberkirchenrat Mecklenburg, war ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Hungern hörte nicht auf. Die teilweise Anstellung begann im Januar 1944, etwa ein Jahr vor dem Zusammenbruch. Dr. Max Suhrbier (Nach 1945 u.a. Vorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei in M-V.) hat sich in der damaligen Zeit – er war tätig im mecklenburgischen Staatsministerium/Abteilung Finanzen – als Schnüffler in Bezug auf meinen Vater hervorgetan. Mir sind Schreiben darüber bekannt bzw. befinden sich in meinem Besitz. Und dieser Mensch war nach dem Zusammenbruch als Minister in der mecklenburgischen Landesregierung tätig Er war entnazifiziert worden ! (Anm.: Und verriet mit seinem Verhalten in der NS- bzw. SED-Zeit u.a. ebenfalls den demokratischen Einsatz seines Parteifreundes Arno Esch, der für sein demokratisches Engagement sogar 1951 in Moskau hingerichtet wurde  …) Ja, es gibt schon Leute, die kein Gewissen und kein Schamgefühl besitzen !“.

BeyerDer Erinnerung an die Reichspogromnacht war das Psalmenkonzert am 8.November im Wismarer Zeughaus gewidmet. Ausschreitungen gegen Wismarer jüdischen Glaubens gab es damals beträchtlich. In seinen bewegenden, einleitenden Worten ging Senator Beyer darauf ein. Er zitierte aus der damaligen nationalsozialistischen Propaganda-Presse und wies zugleich darauf hin, dass diese Zahlen nur relativen Wert haben und sich letztendlich nicht eindeutig nachprüfen lassen. So ging aus dem zitierten Beiträgen hervor, dass rund 15.000 Wismarer sich angeblich spontan und aktiv an den Ausschreitungen 1938 beteiligt haben. So wurden beispielsweise die Fenster und Auslagen der Wismarer Geschäfte von Geschenkartikel Löwenthal, Damenwäsche Lindor oder das Schuhhaus Blaß zerstört.

Roger ThomasSehr wichtig sei es daher nach Ansicht von Senator Beyer, dass diesen Ereignissen würdig mit dem Psalmenkonzert gedacht werde, damit sich Ähnliches nie wiederhole. Der Völkermord an den Juden sei in der Geschichte einmalig, da er in Planungsstäben konzipiert sowie beschlossen wurde und dann auch, was den besonderen brutalen, menschenverachtenden Charakter dokumentiere, in industriemäßiger Form durchgeführt worden.
Das Gedenken an die Millionen Opfer müsse daher stets lebendig bleiben.

EnsembleEin sehr beeindruckendes, nachdenkliches Konzert folgte nach den Einführungen von Senator Beyer und Pastor Roger Thomas von der Nikolaikirche Wismar. Das Schweriner Vocal-Ensemble unter souveräner Leitung von Marina Zagorski, mit den stimmlich herausragenden Gesangs-Solistinnen Susanne Oergel (Sopran) und Annerose Kleiminger (Alt) sowie den nicht minder beeindruckenden Thomas Klemm (Saxophon/Flöte), Karl Scharnweber (Klavier), Andreas Weller (Violoncello) und Michael Bahlk (Kontrabass) regte jedenfalls zum Nachdenken an und berührte.
Ein künstlerischer Höhepunkt in Erinnerung an ein trauriges, von Menschen, die diese Bezeichnung nicht verdienten, durchgeführtes Verbrechen.

NataschaEin Konzert, das voller Emotionen, voller Melancholie und dennoch auch Ausgelassenheit war, fand dann am Abend des 8. November im Theater Wismar statt. Natascha Osterkorn, brachte mit ihren Liedern das Leben, die Gefühle und die Hoffnungen der Zigeunervölker zum Ausdruck. Gerade die Sinti und Roma hatten ebenfalls unter Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten gelitten. Das Konzert der Natascha Osterkorn fand damit zum richtigen, nachdenklichen Zeitpunkt statt.

NataschaIn ihren gefühlvollen Liedern interpretierte sie die Mentalität der Zigeunervölker – das Bedürfnis nach Freiheit in allen Belangen des Lebens.
Doch Natascha Osterkorn vergaß nicht, trotz aller Melancholie, auch die Ausgelassenheit der Zigeuner zu demonstrieren, was  als künstlerischer Hinweis verstanden werden kann, selbst in aussichtlosen Lebenslagen nicht zu verzweifeln.

„Der Tag, an dem das Herz eines Deutschen zerreißen könnte …“, nannte der damalige Wismarer Landrat Robert Brinkmann diesen Tag. Auch die Lieder einer Natascha Osterkorn trafen ins Herz – und das ist vielleicht das schönste Kompliment, das man der ewig jungen und talentreichen Natascha Osterkorn machen kann.

Die Rede, die der aufrechte Wismarer Robert Brinkmann hielt, stammt übrigens aus dem Herbst 1945, in der er das antidemokratische Auftreten der Kommunisten kritisierte, die Alleinschuld des deutschen Volkes am Kriege bestritt, eine Bodenreform nach KPD-Konzeption ablehnte und auch deutlich in Richtung der Roten Armee, die die deutsche Zivilbevölkerung kaum schonte,  argumentierte: „Ich sehe die Rote Armee lieber heute als morgen verschwinden !“.

KPD-Spitzel meldeten diese Rede der sowjetischen Militäradministration, Brinkmann verlor sein Amt und wurde, was seiner Beliebtheit im Volk zu verdanken ist, nur kurzzeitig inhaftiert und erhielt bedeutungslose Tätigkeiten, wurde politisch kaltgestellt.

Wie meinte Willy Brandt einst, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Niedergangs des Kommunismus: „Wo immer schweres Leid über die Menschen gebracht wird, geht es uns alle an. Vergessen wir nie: Wer Unrecht lange gewähren lässt, bahnt dem nächsten den Weg !“.

Wer heute ein „Vergessen“ von den Opfern der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur verlangt, fordert vor allem eines heraus – die menschliche Dummheit. Und die könnte damit in Form der alten Ideologien zurückkehren. Jene, die ein Erinnern – sowohl an die NS- als auch SED-Zeit – fordern , sind keine Querulanten, sondern urtypische Demokraten. Das sei allen Karriere-Demokraten auf die jeweilige Partei-Fahne geschrieben. Denn Unrecht und Leid sind unteilbar !

Jedenfalls, ein großes, aufrichtiges Danke für die Konzerte im Zeughaus und im Theater Wismar am 8. November – diese Veranstaltungen braucht die Stadt Wismar !

M.Michels

1.Foto: Senator Thomas Beyer bei seiner Rede im Zeughaus Wismar am 8.11.08. (mm)

2.Foto: Pastor Roger Thomas von der Nikolaikirche Wismar. (mm)

3.Foto: Das Schweriner Vocal-Ensemble und Solistinnen. (mm)

4.Foto: Natascha Osterkorn – die temperamentvolle und zugleich melancholische Sängerin. (mm)

5.Foto: Natascha Osterkorn begeisterte mit ihrem Auftritt in Wismar. (mm)