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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Mordfall Ikendorf – Wurde Holger H. der Waffenbesitz zu leicht gemacht?

01.03.2010: Ikendorf/MVregio Es war eine Czechische CZ-75 9-mm Pistole (Foto), mit der Holger H. seiner Ehefrau vermutlich in den frühen Morgenstunden des Sonntags (21-02-10) heimtückisch in den Hals schoss. Inzwischen tauchen erste Fragen auf, warum Holger H. überhaupt eine Waffe besitzen durfte. Nach Informationen von MVregio News beantragte er am 15.05.2001 beim Landkreis Bad Doberan eine waffenrechtliche Erlaubnis.

Dazu legte er folgende Unterlagen vor:

* Sachkundezeugnis
* Schießkladde
* Nachweis der Mitgliedschaft im Schützenverein
* Bedürfnisse zum Erwerb von zwei Kurzwaffen

Zur Antragsbearbeitung wurde Herr H. auf seine Zuverlässigkeit überprüft. Diese Prüfung ergab keine Beanstandungen, hieß es beim Landratsamt Bad Doberan.

Im gleichen Zeitraum kaufte H. dann bei einem bekannten Jagdausstatter* in Sanitz seine Pistole. Für Sportschützen ist das Modell keine Sportwaffe. Der Hersteller preist die Waffe in einem Prospekt als geeignet für Sicherheitsberufe und Wachdienste an. Zu DDR Zeiten war diese Waffe beliebt bei Polizei, Militär und dem MfS. Holger H soll seit Jahren nicht mehr aktiv Schützensport betrieben haben. Sein Verein, der Schützenverein Groß Lüsewitz e.V., weist jede mögliche Schuld von sich: H. sei immer ein vorbildlicher Schütze gewesen, doch letztendlich sei jeder Schütze für sich selbst verantwortlich. „Wir können nicht jedem hinterher schnüffeln und ihn ständig überprüfen“, so ein Sprecher des Vereins, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Vom Bund Deutsche Schützen (BDS) Landesverband M-V in Güstrow erfuhr MVregio News auf Anfrage, dass Herr Holger H. kein BDS-Mitglied ist und demzufolge auch keine Waffe vom BDS für ihn befürwortet worden sei.

„In der Tat, hinterher schnüffeln kann man nicht, aber eine Schütze der anscheinend keiner war, könnte vielleicht doch ein Grund sein“, so der Sportschütze Thomas P. Die Prozedur zur Erlangng der Waffe sei einfach, so der Sportschütze zu MVregio News: Man trete zum Schein in einen Schützenverein ein und bekomme so alle Papiere, die für das Ordnungsamt benötigt werden, um eine Waffenbesitzkarte ausstellen zu können. Thomas P. weiter: „Dann geht man noch ab und zu schießen, damit man sein Schützenbuch abgestempelt bekommt und schon darf man eine Waffe zu Hause besitzen, obwohl man kein Sportschütze ist.“ Ab und zu werde ein Schützenbuch unter „Schützenkumpels“ schon mal „einfach so“ abgestempelt.

„Ob legal oder illegal – im Landkreis Bad Doberan und überall auf dem Lande hat fast jeder einen Ballermann im Haus“, weiß ein Anwohner aus Ikendorf. Starker Tobak: Private Waffenbesitzer im Landkreis Bad Doberan sollen also bewusst Straftaten begehen, indem sie illegale Waffen besitzen?

Das Ordnungsamt in Bad Doberan bemühte sich, sehr schnell nachzuweisen, dass alles getan worden sei, um die Zuverlässigkeit des Schützen Holger H. zu überprüfen, was nichts weiter heißt, als dass geprüft wurde, ob gegen ihn ein Strafverfahren läuft oder ob er anderwärtig strafrechtlich in Erscheinung getreten ist. Die Frage ob H. für seinen Waffen Verantwortung tragen kann, steht nicht auf dem Prüfprogramm der Behörde. Besitzer von sogenannten „Kampfhunden“ haben es ungemein schwerer. Sie müssen einen Nachweis über das „Nichtvorliegen von gefahrdrohenden Eigenschaften“ erbringen, indem sie vor einer Kommission glaubhaft darlegen müssen, dass sie physisch und physiologisch in der Lage sind, einen sogenannten Kampfhund zu halten.

Holger H. galt nach Informationen von ehemaligen Schulkameraden als ruhiger und netter Kumpel. Schüchtern soll er gewesen sein. Warum es bei ihm so eskalierte, ist alten Schulkameraden ein Rätsel. Ein Nachbar, der ihn gut kennen will, sieht es anders. H. war zwar hilfsbereit und nett, aber hatte den Hang ganz schön unbeherrscht zu werden, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging.

Sportschützen fordern schon seit Jahren, dass die Ordnungsämter endlich ihrer Pflicht nachkommen und die sogenannten „Scheinschützen“ schärfer überprüfen. Doch aus Personalmangel und Nachlässigkeit ändert sich da wenig. Oftmals sind die zuständigen Referatsleiter selber Hobbyschützen und drücken dann schon mal ein Auge zu.

Auf den Schützenverein Groß Lüsewitz e.V. fallen insgesamt 83 Kurz- und 124 Langwaffen. Waffensammler sind separat erfasst. Aktive Schützen soll es laut BDS aber nur rund 10 geben. Was mit dem Rest der registrierten Waffenbesitzer ist, hat der Verein bis heute nicht beantwortet. Bei einer Vorortanfrage im Vereinshaus in Groß Lüsewitz hat man den Reporter von MVregio News des Geländes verwiesen und mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch gedroht. Der Vereinsvorstand Heinz J. war für MVregio News nicht zu sprechen. Angeblich soll er im Urlaub sein. Seine Ehefrau wusste gar nicht, wo sich ihr Mann aufhielt und betonte: „Er ist zur Zeit nicht da.“

Bei einem weiteren Anruf wusste sie dann nicht mal mehr, wer Herr J. sein soll. Der sei hier nicht bekannt, hieß es nur knapp. Das Ordnungsamt Bad Doberan erreichte Herrn J. am Donnerstag zu Hause ohne Probleme, wie es gegenüber MVregio News bestätigte. Ein Besuch daraufhin bei ihm privat verlief wieder ergebnislos. Herr J. war erneut nicht erreichbar. Das sei er auch prinzipiell nicht, hieß er erneut.

Innerhalb der Schützen legt man Wert auf Diskretion. Die Recherche in dem Milieu ließ den Verdacht aufkommen, man befände sich bei der „ehrenwerten Gesellschaft“ auf Sizilien. Fast alle Personen, mit denen MVregio News gesprochen hat, legten höchsten Wert auf Anonymität und verboten die Namensnennung, sonst würde sich ein Anwalt melden.

Waffengeschäfte wollten wegen des befürchteten Imageschadens nicht mit Namen genannt werden. Stattdessen gab es diverse versteckte Drohungen aus der Schützenszene mit mehr oder weniger deutlichen Hinweisen, nicht zu genau zu recherchieren. Naja, man wüsste schon, da gäbe es sicher den einen oder anderen Heißsporn, und das müsse doch nicht sein… Lediglich die wirklichen Sportschützen waren bereit, mit unserem recherchierenden Redakteur offen über ihren Sport zu reden.

Im Land Mecklenburg-Vorpommern haben 22361 Menschen legal eine Waffe. Davon entfallen rund 41 Prozent auf Schützen. Fachleute meinen, dass sich diese Zahl wahrscheinlich verdoppelt, wenn man die gesamten illegalen Waffen im Lande erfassen könnte. Insider meinen, dass etwa 60 Prozent den rund 9160 registrierten Schützen im Lande in Wahrheit keine Sportschützen sind. Ein Indiz dafür sind die von den Verbänden veröffentlichten Schieß- und Ranglisten. Die weisen im Lande rund 400 aktive Sportschützen aus.

MVregio Rostock km/hro/red

*Der Jagdausstatter hat uns aufgefordert, seinen Namen nicht abzudrucken.


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