Im Rückblick: Die olympischen Turn-Wettkämpfe in Rio

Nachgefragt bei Deutschlands Turn-Ass Sophie Scheder


Die olympischen Turn-Wettkämpfe der 31.Olympischen Spiele wurden zwar von einer Amerikanerin, Simone Biles, und einem Japaner, Kohei Uchimura, maßgeblich geprägt, aber der große Gewinner der Turn-Konkurrenzen in Rio war Europa.

Europa bester Turn-Kontinent

In den 14 Entscheidungen im Geräte-Turnen, in den 2 Entscheidungen in der Rhythmischen Sportgymnastik und in den 2 Entscheidungen im Trampolin-Turnen war der „alte Kontinent“ vorn oder vorne mit dabei.

So gewann Europa 29 der 54 turnsportlichen Olympia-Medaillen 2016, darunter 10 x Gold. Dahinter folgen der amerikanische Doppel-Kontinent mit 16 Medaillen, darunter 5 x Gold, und Asien, als großer Verlierer, mit „nur“ 9 Medaillen, darunter 3 x Gold.

USA hingegen erfolgreichste Turn-Nation in Rio

Die USA wurden in Rio allerdings die erfolgreichste Turn-Nation mit 4 x Gold, 6 x Silber, 3 x Bronze – vor Russland mit 3 x Gold, 5 x Silber, 3 x Bronze, Großbritannien mit 2 x Gold, 2 x Silber, 3 x Bronze und Japan mit 2 x Gold, 1 x Bronze.

Insbesondere für China verliefen die Turn-Wettkämpfe in Rio enttäuschend. Das „Reich der Mitte“ konnte nur 1 x Silber, 4 x Bronze erturnen. Im Geräte-Turnen gab es nur 2 x Bronze durch die Mannschaften bei den Frauen und den Herren. Die Trampolin-Turnerinnen und -Turner gestalteten die chinesische Bilanz dann noch etwas erfreulicher, Herren-Silber durch Dong Dong, Herren-Bronze durch Lei Gao und Frauen-Bronze durch Li Dan.

Ohne Kohei Uchimura hätte es auch für Japan in Rio – turnsportlich betrachtet – düster ausgesehen. Kohei gewann im Mehrkampf nach Silber 2008, Gold 2012 die goldene Medaille auch 2012 und er führte die japanische Herren-Riege in Rio ebenfalls zu Gold. Insgesamt erkämpfte Kohei Uchimura schon sechsmal WM-Gold im Herren-Einzel (2009-2015).

Zweimal Gold für Großbritannien

Stark präsentierte sich der Brite Max Whitlock, der olympisches Gold am Boden und am Seitpferd holte. Seine Olympia-Bilanz 2012-2016 umfasst mittlerweile 2 x Gold, 3 x Bronze. Im letzten Jahr, also 2015, hatte er bereits WM-Gold am Seitpferd gewonnen.

Der nordkoreanische Sprung-Spezialist Ri Se-gwang schaffte nach jeweils WM-Gold 2014 bzw. 2015 ebenfalls Olympia-Gold 2016.

Goldene Ringe für einen Griechen

Der amtierende Europameister und Weltmeister an den Ringen, Eleftherios Petrounias, ließ sich auch den Olympiasieg 2016 an den Ringen nicht nehmen. Der Ukrainer Oleg Vernjajew hatte seine goldenen Momente in Rio am Barren und aus deutscher Sicht war zudem turnsportlicher Jubel angesagt. Fabian Hambüchen erkämpfte nach Bronze 2004, Silber 2012 nun endlich Gold 2016 am Reck.

Auch die brasilianischen Gastgeber hatten im Geräte-Turnen viel Grund zur Freude. Diego Hypolito und Arthur Mariano belegten am Boden die Ränge zwei und drei. „Silberne Ringe“ gab es für Arthur Zanetti.

„Simone-Biles-Festspiele“ bei den Frauen

Die Geräte-Turn-Wettkämpfe bei den Frauen waren hingegen die erwarteten „Simone-Biles-Festspiele“. Die amerikanische Turnerin gewann Gold mit der Mannschaft, im Einzel-Mehrkampf, beim Sprung und am Boden. Bei den Weltmeisterschaften im Geräte-Turnen zwischen 2013 und 2015 gewann Simone Biles zuvor 10 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze – Simone Biles, die derzeit stärkste Turnerin der Welt. Ihre Landsfrau Aly Raisman komplettierte ihre olympische Medaillen-Sammlung seit 2012 hingegen weiter und kommt nunmehr bei Olympia auf dreimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze.

Alija Mustafina auch mit Gold

Die Russin Alija Mustafina, die Turnerin mit der größten Ausstrahlung, holte sich ebenfalls Gold in Rio, am Stufenbarren. Ihre olympische Medaillen-Sammlung seit 2012 beträgt nach Rio 2 x Gold, 2 x Silber, 3 x Bronze. Bei WM zwischen 2010 und 2014 gelangen ihr 3 x Gold, 3 x Silber, 5 x Bronze.

Und die Niederländerin Sanne Wevers hatte die besten Übungen am Schwebebalken.

Aus deutscher Sicht gab es immerhin einmal Bronze durch Sophie Scheder am Stufenbarren, die sich in Rio ausgezeichnet präsentierte. Bronze erkämpften übrigens auch Giulia Steingruber (Schweiz) beim Sprung und Amy Tinkler (Großbritannien) am Boden.

Vergoldete Russinnen in der Rhythmischen Sportgymnastik

Die Russinnen überzeugten sportlich und künstlerisch indes wieder in der Rhythmischen Sportgymnastik. Im Einzel-Wettkampf siegte Margarita Mamun, bei den WM 2013 bis 2015 mit 7 x Gold, 6 x Silber, 1 x Bronze, vor der favorisierten Yana Kudryavtseva, bei den WM 2013 bis 2015 mit 13 x Gold, 3 x Silber, und der Ukrainerin Ganna Rizatdinova. Den fünften Erfolg seit 2000 in der Gruppe sicherte sich Russland ebenfalls.

Kanadisches und weissrussisches Gold im Trampolin-Turnen

Im Trampolin-Turnen war bei den Herren Uladzislaus Hancharou aus Weissrussland, der Vize-Weltmeister 2015, der Beste. Bei den Frauen konnte sich erneut, wie schon 2012, die Kanadierin Rosie MacLennan konnte ihren Olympiasieg von 2012 in London auch in Rio 2016 wiederholen. In Peking 2008 war sie bereits Siebente geworden.

Wie beurteilt aber Deutschlands Turn-Medaillengewinnerin von Rio, Sophie Scheder, die Wettkämpfe?!

Turn-Ass Sophie Scheder, Jahrgang 1977, gebürtige Wolfsburgerin, TuS 1861 Chemnitz-Altendorf,  über die olympischen Turn-Wettkämpfe in Rio, ihren Bronze-Wettkampf und kommende Herausforderungen

„Die Siegerehrung war sehr emotional…“

Frage: Sophie, im olympischen Rückspiegel: Wie verlief der olympische Wettkampf im Stufenbarren im August in Rio aus Ihrer Sicht? Was waren die ganz besonderen Momente?

Sophie Scheder: Aufgrund meiner guten Vorbereitung konnte ich den Wettkampf sehr entspannt angehen. Mein Einturnen verlief sehr gut, so dass ich mit einem super Gefühl in das Finale ging. Ich startete als fünfte Turnerin, was für mich eine perfekte Position war. Bevor ich dran war, hielt ich mich in der Einturnhalle bereit. Nach der dritten Turnerin kam ich wieder zurück in die Wettkampfhalle und nach einer kurzen Konzentrationsphase ging ich direkt an das Gerät. Nach der perfekten Übung war ich absolut zufrieden und habe mich riesig über meine Punktzahl gefreut! Das größte Highlight für mich war die Sieger-Ehrung, diese war sehr emotional.

Frage: Wie beurteilen Sie die olympischen Turn-Wettkämpfe bei den Frauen und bei den Herren in Rio? Wer beeindruckte sie ganz besonders?

Sophie Scheder: Ich fand die Turn-Wettkämpfe bei den Frauen als auch bei den Männern sehr gut. Es war eine tolle Atmosphäre und eine super Stimmung in der Halle. Die deutsche Delegation hat sich optimal präsentiert und in den Mannschafts- bzw. Geräte-Finals hervorragende Platzierungen belegt!

Frage: Einige Kritiker meinen, dass das Turnen zwar immer spektakulärer werde, darunter aber die künstlerische Komponente leide. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Sophie Scheder: Es muss schon spektakulär sein, denn gerade das ist für die Zuschauer interessant. Die künstlerische Komponente kommt hingegen am Boden voll zur Geltung.

Frage: Wie erlebten Sie Rio außerhalb der olympischen Turnhalle? Konnten Sie etwas von den Gegensätzen in der Stadt und in ganz Brasilien mitbekommen?

Sophie Scheder: Ich hatte die Gelegenheit, mir die Highlights von Rio anzusehen und das Ganze mit dem Presse-Bus zu erkunden.

Frage: Welche sportlichen Ziele haben Sie für 2017?

Sophie Scheder: Bei den Weltmeisterschaften 2017 bin Kanada möchte ich die Goldmedaille am Stufenbarren gewinnen.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement beim Turnen und maximale Erfolge!

Marko Michels