Lesung des Preisträgers aus „Nach der Flucht“ und anderen Werken und Gespräch mit Laudator Dr. Andreas Kossert

Im hoffentlich sonnigen Heringsdorf erfolgt die Verleihung des Usedomer Literaturpreises 2018. M.M.

Ilija Trojanow, eine der wichtigsten Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur, erhält den Usedomer Literaturpreis 2018. Der 1965 in Sofia (Bulgarien) geborene Preisträger sei – wie sein jüngster autobiografischer Essay „Nach der Flucht“ – zeige, in seine Rolle als Kosmopolit gezwungen worden. Daraus schöpfe er eine ungeahnte Kreativität, so die Jury. Ilija Trojanow begehre in seinen Büchern auf, gegen einen zunehmenden Populismus, nationale Egoismen, hermetische Abschirmung, aber auch zunehmende Überwachung und ungehemmte Kontrolle der Menschen:

„In seinen Werken zeigt er eindrucksvoll, dass das Vertrauen in Demokratie kein Selbstläufer mehr ist, sondern zivilgesellschaftliche Unterstützung, auch von Künstlern, erfordert. Auf die Stimme Ilija Trojanows – der ‚Nomade auf vier Kontinenten’ –  ist dabei Verlass. Er überwindet mit kraftvoller Stimme Grenzen und ist damit ein Weltbürger im besten Sinne“, so die Jury (Denis Scheck, Vorsitzender; Dr. mult. Manfred Osten, Dr. Andreas Kossert) weiter.

Der Usedomer Literaturpreis ist mit 5000 Euro dotiert und mit einem einmonatigen Arbeitsaufenthalt auf der Zwei-Länder-Insel Usedom verbunden. Er richtet sich an Autorinnen und Autoren, die sich in herausragender Weise um den europäischen Dialog und die Themen Flucht und Vertreibung verdient gemacht haben. Gestiftet wird der Usedomer Literaturpreis von den SEETELHOTELS und den Usedomer Literaturtagen.

Die Lesung und feierliche Preisverleihung findet am 14. April, 14 Uhr im SEETELHOTEL Ahlbecker Hof in Seebad Ahlbeck unter Anwesenheit der Jury und des Usedomer Literaturpreisträgers von 2014, Jaroslav Rudiš statt. Der Geehrte wird dann auch im Gespräch mit Laudator und Moderator Dr. Andreas Kossert aus „Nach der Flucht“ lesen. Bisherige Preisträger waren Radka Denemarková und Eva Profousová (2011), Olga Tokarczuk (2012), Jan Koneffke (2013), Jaroslav Rudiš (2014), Ulrike Draesner (2015), Dörte Hansen (2016) und Joanna Bator (2017).

Ilija Trojanow – „Nomade auf vier Kontinenten“

Ilija Trojanow, gilt nicht nur als einer der größten Schriftsteller der Gegenwart, sondern auch als passionierter Geschichtensammler und Beobachter, eine Leidenschaft, die ihn u. a. nach Nairobi, München, Bombay oder Kapstadt führte. „Neugier auf die Vielfalt der Welt“ sei eine wichtige Antriebsfeder, so Trojanow und weiter: „Die Ostseeküste ist eine terra inkognita für mich, ich bin daher sehr gespannt auf den Aufenthalt im fernen und bislang fremden Usedom …“.

Der gebürtige Bulgare siedelte 1971 mit der Familie über Jugoslawien und Italien nach Deutschland über, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München.

Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, „Der Weltensammler“ und „Eistau“ sowie seine Reisereportagen wie „An den inneren Ufern Indiens“ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein großer Roman „Macht und Widerstand“ und sein Sachbuch-Bestseller „Meine Olympiade: Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen”.


Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch liest bei den Usedomer Literaturtagen am 14. April, 19:30 Uhr in Seebad Heringsdorf

Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch liest aus „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, moderiert von Dr. mult. Manfred Osten am 14. April, 19:30 Uhr im Maritim Hotel Kaiserhof in Seebad Heringsdorf

Zwar kennt Usedom mit Thomas Mann und Maxim Gorki berühmte Autoren, die den Nobelpreis nach ihrem Usedomaufenthalt erhielten oder gleich mehrmals für die begehrte Auszeichnung nominiert waren. Mit Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch liest erstmals eine Nobelpreisträgerin hier. Zum 10-jährigen Jubiläum der Usedomer Literaturtage kommt die Schriftstellerin und Journalistin am Samstag, den 14.4., 19:30 Uhr ins Maritim Hotel Kaiserhof in Seebad Heringsdorf. Die in der heutigen Ukraine geborene erhielt die begehrte Auszeichnung im Jahr 2015 für ihr „vielstimmiges Werk“.

Die 69-Jährige gilt als Erfinderin eines neuen Genres, des „Romans der Stimmen“. Ihn wird sie exemplarisch mit ihrem letzten Werk, dem 2015 erschienenen „Roman“ „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ vorstellen. In dem Buch widmet sie sich der Geschichte Russlands vor und nach der politischen Wende in den neunziger Jahren. Tiefeninterviews mit Frauen, die in der Roten Armee geka?mpft haben, mit Soldaten, Gulag-Ha?ftlingen, Stalinisten und vielen mehr zeichnen in dem preisgekrönten Werk ein ergreifend vielstimmiges literarisches Seelenpanorama vom Leben der Menschen im heutigen Russland, vor und nach dem Versprechen von Freiheit und Demokratie.

Die Autorin erza?hlt so auch von der Suche nach Lebensglu?ck – schwankend zwischen Nostalgie und Neuanfang – und zieht im Gespra?ch mit Dr. mult. Manfred Osten eine Bilanz jenes unglu?cklichen ideologischen Experiments, das bis heute nachwirkt. „Historiker interessieren sich nur für die Fakten, ich sehe die Geschichte aber aus den Augen der Menschenforscherin“, sagt die Schriftstellerin über ihre Motivation das Leben der Menschen in ihrer Heimat zu verstehen.

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen »Roman in Stimmen«. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapu?ci?ski-Preis (2011), dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011) und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2013). 2015 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

Pressemitteilung / Alexander Datz, Pressesprecher, Usedomer Literaturtage


Literarischer Blick von Usedom nach Neubrandenburg: Seit 1971 gibt es das Literaturzentrum Neubrandenburg, in dem sich auch die Bestände so bekannter Autorinnen und Autoren wie Brigitte Reimann, Hans Fallada und Joachim Wohlgemuth befinden. Auch das Archiv des Schriftstellers Uwe Saegert wird demnächst in das Literaturzentrum Neubrandenburg eingegliedert. mm