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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Goldene Turn-EM in Berlin aus deutscher Sicht

Philipp Boy holte Titel im Mehrkampf

Die Turn-Europameisterschaften in Berlin 2011 endeten mit einem beeindruckenden Erfolg für die deutschen Turnerinnen und Turner. Mit zweimal Gold, dreimal Silber und zweimal Bronze belegte die Turn-Nation Deutschland Platz drei im Medaillenspiegel – nur Russland mit 3 x Gold und insgesamt 8 Medaillen sowie Rumänien mit 3 x Gold und insgesamt 6 Medaillen waren etwas besser.

Goldene Akzente aus deutscher Sicht setzten in Berlin Philipp Boy im Mehrkampf (bei den Damen siegte Anna Dementjewa aus Russland) und Marcel Nguyen am Barren. Die weiteren EM-Medaillen für Deutschland erturnten am Reck ebenfalls Philipp Boy (Silber) und Marcel Nguyen (Bronze) hinter dem Niederländer Epke Zonderland.

Bei den Damen gab es für den DTB drei Medaillen: Silber für Elisabeth Seitz im Mehrkampf, Bronze für Kim Bui am Stufenbarren und Silber für Oksana Chusowitina im Sprung, die seit 1990 bei Olympia, WM und Kontinentalmeisterschaften – zunächst für die Sowjetunion/GUS, dann für Usbekistan und seit 2006 für Deutschland – Titel und Medaillen gewann und dabei 20 x Edelmetall (6 x Gold) errang.

Elisabeth Seitz polierte damit eine alte deutsche Medaillen-Tradition im EM-Mehrkampf bei den Frauen auf … Karin Janz (1969) und Maxi Gnauck (1981) hatten jeweils Gold gewonnen. Ingrid Föst (1961), Birgit Radochla (1965), Erika Zuchold (1969/1971) und Kerstin Gerschau (1973) hatten sich jeweils Bronze gesichert. Zuletzt hatte Maxi Gnauch mit Silber die letzte EM-Mehrkampf-Medaille für eine Deutsche, in diesem Fall für das DDR-Team, erkämpft.

Deutsche Mehrkampf-Medaillen für die Herren bei EM gibt es seit 1973, zunächst durch Klaus Köste (Bronze/1973), durch Eberhard Gienger (Silber/1975), Holger Behrendt (Bronze/1989) und endlich Gold durch Fabbian Hambüchen (2009) sowie Philipp Boy (2011).

Stark präsentierten sich in „Spree-Athen“ neben den deutschen, russischen und rumänischen Turnerinnen und Turner auch Frankreich, die Niederlande und der Gastgeber der Olympischen Spiele 2012 Großbritannien. Die Briten stellten in Berlin mit Elisabeth Tweddle wieder die Europameisterin am Stufenbarren stellen.

Insgesamt gewannen bei den Turn-EM 2011 dreizehn Länder Medaillen: Russland: 3-2-3, Rumänien 3-2-1, Deutschland 2-3-2, Frankreich 1-2-0, die Niederlande 1-1-0, Großbritannien 1-0-1, Ungarn 1-0-0, Italien 0-1-1, Israel 0-1-0, Griechenland 0-0-2, Armenien, Ukraine und Schweiz je 0-0-1.

Aktuell waren leider keine Turnerinnen und Turner aus Mecklenburg-Vorpommern bei den EM 2011 vertreten, aber MV, speziell Schwerin und Rostock, haben eine große turnsportliche Tradition.

Lange turnsportliche Tradition in Schwerin  …

Sechzehn Schweriner folgten der Einladung des Buchhändlers Ernst Bär und gründeten am 18. Oktober 1859 den Männer-Turn-Verein von 1859 in Schwerin – die Geburtsstunde eines modernen, organisierten Turnwesens in der mecklenburgischen Landeshauptstadt. Die turnerischen Aktivitäten einzelner Schweriner sind jedoch bereits viel früher feststellbar. So nahmen am ersten Hanauer Turntag 1848 über den 1816 gegründeten Hamburger Turnverein ebenfalls Schweriner Turner teil. Im Jahr 1864 fand dann in Schwerin auch ein mecklenburgischer Turntag – mit Schau-Wettbewerben im Geräte-Turnen auf der Marstall-Halbinsel – statt.

Die positive Entwicklung des Turnwesens in Schwerin führte letztendlich zum Bau neuer, entsprechender Räumlichkeiten für den Verein. Im November 1905 – vor mehr als 100 Jahren – wurde die neue Halle für die Schweriner Turner eingeweiht: Das Gebäude an der Lübecker Straße, noch heute Sitz des Vereines für Leibesübungen (VfL Schwerin) und der Geschäftsstelle des Stadtsportbundes Schwerin, diente vom damaligen Zeitpunkt an als Heimstätte des Schweriner Turnsportes.

Schweriner Turnsport – die Gründung der Turnsektion des SC Traktor Schwerin 1956 / Schweriner Jürgen Heritz als Trainer mit überragenden Erfolgen

Die allgemeinen mecklenburgischen Traditionen im Turnsport gehen weit zurück – bis auf „Turnvater Jahn“, dem Begründer der deutschen Turnbewegung 1807. Damals – insbesondere 1811 (Eröffnung des ersten deutschen Turnplatzes in Berlin-Hasenheide)- galt das Turnen allerdings noch als patriotische Erziehung zur Vorbereitung auf die Befreiungskriege gegen Napoleon!

Weitaus „friedlicher“ ging es dann rund 150 Jahre später weiter. Nach Ende des 2. Weltkrieges bildeten sich in Mecklenburg und Vorpommern zahlreiche turnsportliche Gemeinschaften. Größere Sportvereine und Sportklubs mit Angeboten im Turnen und in der Gymnastik entstanden auch in Schwerin und Rostock.

Im Oktober 1956 konstituierte sich innerhalb des SC Traktor Schwerin die Sektion Turnen/Gymnastik unter Trainer Groth. Anfangs trainierten beim SC Traktor nur 6 Mädchen und 2 Jungen. Schweriner „Turn-Pioniere“ waren in den 50er Jahren Lisa Pautsch, Hella Voß, Gisela Peschke oder Jürgen Heritz.

Gerade der Schweriner Jürgen Heritz trainierte dann beim SC Dynamo Berlin eine ganze Reihe herausragender Turnerinnen, so unter anderem die zweifache Olympiasiegerin von 1972 in München, Karin Janz, die auch Titel und Medaillen bei WM und EM gewann, die Olympiasiegerin von 1980 in Moskau, Maxi Gnauck, die ebenfalls weitere Titel bei WM und EM erkämpfte, oder die Weltmeisterinnen Annelore Zinke, Gabriele Fähnrich oder Dörte Thümmler.

Marianne Noack – bekannte Rostockerin auch in Schwerin …

Auch in Rostock gründete sich eine Sektion Turnen beim SC Empor Rostock bzw. ASK Vorwärts Rostock. Eine der bekanntesten und besten Rostocker Turnerinnen wurde Marianne Noack-Paulick, die damals auch an Turn-Wettkämpfen in Schwerin teilnahm. Ihren ersten Achtungserfolg konnte die junge Marianne, Jahrgang 1951, bei den Jugend-Europameisterschaften 1966 erringen. Mit ihrem „Flickflack“ auf dem Schwebebalken, ihrem „Lieblingsgerät“, beeindruckte sie das Kampfgericht.

Ein Jahr später – bei den EM 1967 – wurde sie bereits in die Elite-Riege der DDR als Ersatz-Turnerin berufen. Im gleichen Jahr startete sie auch bei der II. Internationalen Sportwoche in Mexiko, der sportlichen Generalprobe vor den Olympischen Spielen 1968 in Mexico-City. Während dieses Wettkampfes konnte Marianne Noack beachtliche Erfolge feiern:

Sie wurde Vierte im Mehrkampf und Dritte auf dem Schwebebalken. Ihr olympischer Traum erfüllte sich dann ein Jahr später. Mit der DDR-Riege wurde Marianne Noack Bronze-Medaillengewinnerin im Mannschaftswettbewerb (zusammen unter anderem mit Karin Janz / Ersatz-Turnerin 1968 war die Rostockerin Christine Schmitt.) und bestach durch konstante Leistungen an allen Geräten.

1969 holte die gebürtige Rostockerin auch den ostdeutschen Meistertitel im Pferdsprung. Internationale Lorbeeren „erntete“ sie außerdem bei den Weltmeisterschaften 1970. Sie gewann mit der DDR-Mannschaft – mit eigenen hervorragenden Leistungen – die Silbermedaille. Zwei Jahre danach beendete Marianne ihre aktive Laufbahn mit einem vierten Rang bei den DDR-Mehrkampfmeisterschaften.

Die ausgebildete Diplom-Sportlehrerin wurde danach Trainerin beim SC Cottbus, der mitteldeutschen Turn-Hochburg. Ihre Rostocker Turnkollegin Christine Schmitt sicherte sich dann 1972 mit der DDR-Riege olympisches Silber. Zwei Jahre zuvor, bei den WM 1970 in Ljubljana, hatte Christine bereits WM-Silber mit dem DDR-Team und WM-Bronze auf dem Schwebebalken gewonnen. In Seoul 1988 gewann eine weitere Rostocker Christine, Christine Thoms, Bronze mit der DDR-Mannschaft.

Weitere olympische Erfolge für Turnerinnen und Turner aus M-V

Die Erfolgstradition einer Marianne Noack im Frauen-Turnen setzten in den Folgejahren mit Siegen oder Medaillen z.B. Karin Janz und Erika Zuchold bei den Olympischen Spielen 1972 in München, Carola Dombeck bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal, Maxi Gnauck sowie Steffi Kräker bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau oder Ulrike Klotz, Gabriele Fähnrich, Martina Jentsch, Bettina Schieferdecker, Dörte Thümmler oder Dagmar Kersten bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul fort.

Martina Noacks mecklenburgischer „Erfolgszwilling“ im Herren-Turnen war der Rostocker Reinhard Rychly, der beim ASK Vorwärts Rostock bei Paul Müller trainierte, und 1972 bei den Olympischen Spielen in München mit dem DDR-Team Dritter wurde.

Ihre „Wiege“ in M-V hatten ebenfalls die Brüder Ulf und Lutz Hoffmann. Die Söhne eines Neustrelitzer Ehepaares feierten ihre turnerischen Erfolge aber beim SC Dynamo Berlin, zu dem sie delegiert wurden. Während der Ältere, Lutz, Jahrgang 1959, im Jahr 1977 von Neustrelitz nach Berlin wechselte, folgte ihm der Jüngere, Ulf, Jahrgang 1961, zwei Jahre später. Unter Trainer Lutz Landgraf konnten sie dann zahlreiche Erfolge erringen. Lutz Hoffmann wurde 1980 bei den Olympischen Spieln in Moskau Zweiter mit der DDR-Mannschaft. Sein Bruder Ulf gewann ebenfalls Silber mit dem DDR-Team bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul.

Vielleicht gelingt ja einer Turnerin oder einem Turner aus M-V bald wieder der Sprung auf ein Olympia-, WM- oder EM-Treppchen?!

M. Michels


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