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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Fast „ausgespielt“

Rio vor der Abschlußfeier: Ein nachdenkliches erstes olympisches Resümee/Blick auf die letzten Entscheidungen

Es war „eine verdammte Ungerechtigkeit“. Lena Schöneborn, die deutsche Medaillen-Hoffnung im Modernen Fünfkampf, wurde durch einen störrischen „Gaul“, der auf den Namen „Legende“ hört, um ihre Medaillen-, ja Gold-Chance gebracht. Viermal verweigerte er sich der Sportlerin. Das hat Lena Schöneborn wahrlich nicht verdient, gehört sie doch zu den geistreichen und charakterstarken Athletinnen, die bodenständig, sympathisch und natürlich geblieben sind.

Rio verweigert…

Und dennoch sprechen diese Bilder für sich: Ein Pferd verweigert sich Rio. Schaut man auf die vergangenen 17 Tage, so möchte man sagen: Warum haben sich nicht alle, die Sportinteressierten, die Zuschauer, die Sportler und die Trainer,  dieser maßlosen Veranstaltung verweigert?!

Nichts gegen aufrichtige Sportler…

Nichts gegen die aufrichtigen Sportlerinnen und Sportler, die für ihre sportlichen Ziele kämpfen, die durch Einsatzbereitschaft herausragen und sich auch sozial engagieren. Diesen Sportlerinnen und Sportlern drückt man gern die Daumen. Was ist aber mit den Pharisäern, den Schwindlern, den Gierigen und den Kriminellen. Ja, auch die gehören mittlerweile zu den Spielen. Nicht erst seit heute. Nicht erst seit gestern!

Die 50-Milliarden-Dolar-Frage…

50 Milliarden Dollar werden die Olympischen Spiele – und die Paralympics, ja die kommen auch noch im September, kosten. Wozu? Dass 11600 Athletinnen und Athleten aus 207 Nationen in 32 Sportarten, dabei in 306 Entscheidungen, um Gold, Silber und Bronze kämpfen konnten… (plus circa 5000 Paralympia-Starter)

Warum gerade in diesen 32 Sportarten?! Es gibt weltweit mehr als 300 ernst zu nehmende Sportarten, mit spezieller Verbreitung, mit gutem Zuspruch, mit großer Tradition. Nein, es mußten aber diese 32 sein.

Warum dieses…

Man mag diese aufgeblasenen Gewichtheberinnen und Gewichtheber, diese Box-Artisten, die Olympia doch nur als Sprungbrett zum großen Geld betrachten, diese „Super-Stars“ oder „Super-Sperlinge“ im Schwimmen oder in der Leichtathletik, mit deren unsympathischen Attitüden, diese Radsportler mit den extrem breiten Oberschenkeln oder diese „biegsamen“ Turnerinnen nicht mehr sehen. Das alles ist nur noch krank, abstoßend und freudlos. Was ist nur aus dem großen Sport geworden?

Im Reitsport gibt man den Pferden die Sporen, werden diese auch gedopt. Fälle dazu waren/sind auch in Deutschland existent. In Rio wurden Reiter gesperrt, die es damit zu extrem trieben. Die Erwischten gaben sich verbal reumütig – nur, wer glaubt diesen noch? Werden medaillenträchtige Pferde vielleicht schon längst im Gen-Labor gezüchtet und gewinnbringend verkauft? Wahrscheinlich ist es mit den Sportlerinnen und Sportlern in naher Zukunft ähnlich…

Breite Kreuze und breites Lächeln

Schwimmerinnen mit breitem Kreuz fielen zwar auf, aber man hat sich an diese Sportamazonen schon gewöhnt, ist abgestumpft. Es ist inzwischen völlig unerheblich, ob die Siegerinnen und Sieger aus den USA, China, Russland, Australien, Japan, Deutschland, Kenia, Neuseeland oder Brasilien kommen – der geneigte Sportfan traut dem Treiben nicht mehr. Zu Recht.

Doping ohne Ende

In Rio starteten – offizielle Angabe – mehr als 100 Doping-Sünderinnen und -Sünder, die in der Vergangenheit einmal oder mehrmals erwischt wurden. Nicht nur aus Russland, auch aus den USA und der angeblich sauberen „westlichen Welt“. Rund 200 Athletinnen und Athleten, die in der Vergangenheit „auffällig“ waren, einmal oder mehrmals bei Dopingkontrollen in der Vergangenheit nicht anwesend waren, durften dennoch starten. Das sind nur offizielle Zahlen…

Aktuell erwischt, in Sachen „Doping“, wurden gerade einmal fünf Sportler. Wer so naiv ist und denkt, das hängt damit zusammen, dass alle 11600 Sportlerinnen und Sportler in Rio aufrecht und „sauber“ sind, glaubt wahrscheinlich auch noch an den olympischen Weihnachtsmann. Nein, die Mittelchen, die Methoden sind so ausgeklügelt, dass aufrechte Doping-Ermittler letztendlich keine Chance haben.  Ist ja auch gar nicht gewollt. Es sollen „Heldinnen“ und „Helden“ produziert werden, „Emotionen“ entfacht und „vermeintlich sportive Augenblicke in Stein gemeißelt werden“.

Das lenkt das Publikum hervorragend davon ab, in welch erbärmlichen Zustand die Welt ist, wer eigentlich „das Sagen“ hat und was wirklich wichtig ist.

Nur noch Show

Schade, Olympia sollte doch eigentlich mehr sein, als eine Show, als bloßer Wettkampf, als Kommerz, Arglist, Hinterlist und das Erhöhen des eigenen „Marktwertes“. Ja, auch darum geht es, glaubt man einigen Kommentatoren aus dem TV-Bereich, in dem „frau“ oder „man“ angeblich in der „ersten Reihe sitzt“, getreu der Devise „Mit dem Zweiten sieht man besser, sofern man mit den Dritten, falls von der Krankenkasse übernommen, besser essen kann…“

Rio war keine olympische Offenbarung, aber München 1972, Montreal 1976, Moskau 1980, Los Angeles 1984, Seoul 1988, Atlanta 1996 oder Peking 2008 waren es auch nicht. Diese Städte sind abschreckendes Beispiel dafür, wenn Politik, Sport und Kommerz „Hand in Hand gehen“. Schade, dass es nicht mehr Spiele a la Helsinki 1952, Melbourne 1956, Mexico-City 1968, Lillehammer 1994, Barcelona 1992 oder Vancouver 2010 gibt… Auch dort war nicht alles Gold, was glänzte, aber es ging in die richtige Richtung! Aber vorbei. Der olympische Traum ist ausgeträumt.

Gier nach Medaillen

Und dann diese ständige Gier nach Medaillen… Verlogen dabei das Agieren vieler Länder bei der Rekrutierung von „Sportstars“. Da werden Läufer aus Afrika, Ballspieler aus Süd- bzw. Mittelamerika oder Kampfsportler aus dem ehemaligen „Ostblock“ auf dem (un-)sportlichen Markt zusammengekauft, die dann unter neuem „Künstlernamen“ und unter „neuer Flagge“ in die Arenen ziehen dürfen.

Wie schnell doch auch die Einbürgerung von sportlich erfolgreichen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland möglich ist, da spielt sogar die (Sport-)Bürokratie mit. Die Aussicht auf Medaillen lässt eben das deutsche (Sport-)Beamten-Herz höher schlagen.

Wirklich olympisch ist das nicht.

Blick auf die letzten olympischen Entscheidungen 2016

Es gab und gibt in Rio noch die letzten sportlichen Entscheidungen – in 6 Stunden ist ohnehin alles vorbei.

Wie sah es – nur an bloßen Resultaten orientiert – nun noch bei den letzten Wettkämpfen aus?! Im Triathlon bei den Frauen gewann Gwen Jorgensen aus den USA und bei den Herren wiederholte Alistair Brownlee seinen Erfolg von 2012 vor seinem Bruder Jonathan, der vor vier Jahren Dritter wurde.

Bei den letzten beiden Entscheidungen im Wasserspringen, den Einzel-Wettbewerben vom Turm, siegte China – bei den Frauen durch Ren Qian und bei den Herren durch Chen Aisen.

Golf-Gold bei den Frauen für Südkorea

Nach 116 Jahren gab es in Rio wieder eine Golf-Olympiasiegerin. Hatte 1900 in Paris noch die US-Amerikanerin Margaret Abbott gewonnen, so siegte in Rio 2016 Inbee Park aus Südkorea vor Lydia Ko aus Neuseeland und Shanshan Feng aus China.

In der Herren-Entscheidung des Modernen Fünfkampfes schaffte der Russe Alexander Lesun Gold, vor Pavlo Timoschenko (Ukraine) und Ismael Hernandez (Mexiko).

Von BMX via Mountainbike bis zum Ringen

Bei den Rad-BMXlern siegten Mariana Pajon (Kolumbien) und Connor Fields (USA). Schwedens Jenny Rissvelds war die beste Mountainbikerin.

Im Turnen feierten –  neben der besten Geräte-Turnerin der Spiele, Simone Biles (USA) bzw. dem besten Geräte-Turner, Kohei Uchimura (Japan) – an den letzten Wettkampftagen auch die russischen Gymnastinnen um Margarita Mamun. Im Trampolin-Turnen gewann übrigens die Kanadierin Rosie MacLennan.

Im Boxen bestimmten Kubaner, Usbeken, Kasachen, Franzosen, Amerikaner und Russen das Niveau maßgeblich.

Im Freistil-Ringen waren, wie gewohnt, Georgier, Iraner, Amerikaner, Russen, Türken und Aserbaidschaner vorn dabei.

Marathon-Gold für Kenia

Den Marathon-Lauf entschied bei den Herren Eliud Kipchoge (Kenia) für sich, nachdem seine Landsfrau Jemima Sumgong bei den Frauen zuvor die Erste war.

Letzte Ball-Einsätze

Auch der Ball hat in Rio so gut wie ausgerollt. Im Wasserball siegten Serbiens Herren und Amerikas Frauen. Die Frauen-Turniere in den Ballsportarten sind sämtlich „abgehakt“, die letzten Entscheidungen im Handball, Basketball und Volleyball gingen an Russland, die USA und China. Im Frauen-Volleyball wurden die Niederländerinnen mit den früheren Spielerinnen des Schweriner SC Yvon Belien, Anne Buijs und Lönneke Sloetjes ausgezeichnete Vierte. Im Herren-Volleyball (Finale Italien-Brasilien), im Herren-Handball (Finale Frankreich-Dänemark, Dritter Deutschland) und im Herren-Basketball (Finale USA-Serbien) fallen die Entscheidungen unmittelbar vor der Abschlußfeier der Spiele.

Besondere sportliche Momente

Was waren aber die wirklich besonderen sportlichen Momente der Spiele? Da war die mutige Alleinfahrt der US-Amerikanerin Mara Abbott im Straßen-Einzel der Frauen, die – Gold vor Augen – 100 Meter vor dem Ziel noch abgefangen wurde und nur Vierte wurde! Da waren die sympathischen Neuseeländerinnen im Feldhockey, die wieder nur, wie 2012, Rang vier belegten.

Da war eine über sich hinaus wachsende Monica Puig aus Puerto Rico im Tennis-Finale bei den Damen, die das erste Olympia-Gold überhaupt für ihr Land holte. Da war die Brasilianerin Rafaela Silva, die aus ärmsten Verhältnissen stammend Gold im Judo gewann.

Da waren nicht zuletzt die aufrechten Rugby-Spieler der Fidschi-Inseln, die im Finale triumphierten, aber nicht „abhoben“ – das erste Gold auch für ihr Land. Und da war der Vietnamese Hoang Xuan Vinh, der im Schießsport die erste olympische Goldene für sei in der Vergangenheit so oft geschundenes Land erkämpfte. ES gibt sicher noch mehr Beispiele, aber diese hallen besonders nach.

Chapeau, Trixi!

Aus Mecklenburg-Vorpommern war unter anderem auch Straßen-Radsportlerin Trixi Worrack am Start. Nach einem schweren Sturz mit Not-Operation und Verlust der linken Niere wollte die Wahl-Bad Doberanerin auch in Rio dabei sein. Sie biss sich durch, kämpfte, gab nie auf. Es ging ihr nicht um eine Medaille, es ging ihr darum zu zeigen, was selbst in schwierigsten Momenten möglich ist, wenn man nicht verzagt. Eine Inspiration über den Sport hinaus.

Wo blieben da „die hohen Damen und Herren“ des IOC? Wo blieben die Sportfunktionäre und Sportpolitiker der deutschen Großverbände und Großparteien? Hätte die tapfere Radsportlerin nicht auch eine olympische Plakette verdient? Warum gratulierten ihr nicht „die obersten Olympier“ für diese Demonstration menschlicher Willensstärke – auch ohne Medaillen-Gewinn…

Das ist bezeichnend. Rio ist fast Geschichte. Die Folgekosten müssen die einfachen Menschen in Brasilien tragen, wenn die IOC-Karawane längst weiter gezogen ist…

Trotz mancher großartiger sportlicher Leistungen – das Ganze hat mehr als einen faden Beigeschmack. Das Ganze war ein einziger „Circus Maximus“ – im schlechtesten Sinne!

Marko Michels

 

 

 

 


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