Skip to main content

Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

„Es wird fürchterlich enden …“

Die Konstituierung der mecklenburgischen SED in Schwerin vor 65 Jahren

Ein besonderes Ereignis jährt sich am 7. April zum 65. Mal. Ein Ereignis, das tiefe Spuren – in negativer Hinsicht – hinterließ. Ein Ereignis, das auf Zwang, Druck, Täuschung, aber auch ehrlicher Hoffnung beruhte. Mit Folgen, die Leid, Enttäuschungen und am Ende einen politischen, gesellschaftlichen und moralischen Zusammenbruch mit sich brachten …
Am 7. April 1946 vereinigten sich die KPD und die SPD in M-V,  im CAPITOL in Schwerin, zur SED. Am 22. April 1946 folgte der Zusammenschluss auf zentraler Ebene in Berlin.

Die Vereinigung von KPD und SPD 1946 sorgte seit dem formalen Zusammengehen der beiden Parteien in der sowjetischen Besatzungszone für heftige Diskussionen. Zwischen „freiwilligem Miteinander“ bis hin zur „Liquidierung der SPD“ reichen die Kampfbegriffe, die dieses Ereignis kommentieren sollen.

Sozialdemokratische Vereinigungsbefürworter und Vereinigungsgegner …

Fakt ist: Ja, es gab viele Sozialdemokraten – Kommunisten ohnehin – die eine Vereinigung mit der KPD wollten, gerade nach den schlimmen Erfahrungen der Nazi-Diktatur. Auch die offene Feindschaft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik hatte letztendlich den Aufstieg der NSDAP begünstigt. Allerdings: Die Kommunisten hatten selbst noch nach Beginn der Nazi-Diktatur die SPD-Mitglieder stets als „Sozialfaschisten“ denunziert.

Fakt ist ebenfalls: Die Mehrheit der Sozialdemokraten wollte eine Vereinigung mit der KPD überhaupt nicht bzw. nur unter „sozialdemokratischen Vorzeichen“. Eine Mitgliederbefragung unter den Sozialdemokraten wurde seitens der russischen Besatzungsbehörden jedenfalls nicht zugelassen.

Doch, wie war das damals im März/April 1946?!

Über die damalige Propaganda zum Vereinigungsparteitag am 7. April 1946 äußerte sich Hermann Lüdemann, der von der sowjetischen Militäradministration im November 1945 aus seinem Amt entfernte SPD-Landesgeschäftsführer und spätere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, in einer Niederschrift vom April 1946 wie folgt: “ … Ich bin soeben im ‚Capitol‘ gewesen und habe die Diapositivreklame (für die Einheitspartei) gesehen. Ich habe gar nicht gewusst, dass man so viel dafür sagen kann, dass man überhaupt so eine Reklame machen kann. Da müsste der tote Goebbels vor Neid erblassen, wenn er das wüsste !“ (MLHA, BPA Schwerin, II/1)

Doch nicht nur die totalitäre Propaganda zur Einheitspartei wirkte auf viele mecklenburgische Sozialdemokraten abstoßend, auch die Atmosphäre vor und während des Vereinigungsparteitages war „gespenstisch und irreal“. Dazu Peter von Jüchen, Sohn des Schweriner Pfarrers und Sozialdemokraten Aurel von Jüchen, der den Einheitsparteitag an der Seite seines Vaters beobachtete: „Die Atmosphäre vor und während des gesamten SPD-Parteitages im ‚Capitol‘ war schon irgendwie gespenstisch und irreal. Bereits Tage vorher sagte der SPD-Landesvorsitzende Carl Moltmann, dass die Sozialdemokraten jegliche Diskussion gegen die Vereinigung während des Parteitages unterlassen sollten: ‚Ihr wisst ja, es ist ohnehin alles gelaufen!‘ – Die anwesenden Vertreter der russischen Besatzungsmacht mit Uniform und Bewaffnung dienten ohnehin der zusatzlichen Einschüchterung der Sozialdemokraten.“ (Gespräch zwischen M.M. und P.v.J. am 4. August 1997 in Schwerin)

Obwohl es in den Reihen der Sozialdemokraten viele namhafte Gegner einer Vereinigung mit der KPD gab, so Wismars Landrat Robert Brinkmann, Schwerins Bürgermeister Albert Kruse, Rostocks Oberbürgermeister Albert Schulz, Hans Pollok, FDGB-Vorsitzender, die Greifswalder Landräte Willy Bieg (1945) und Walter Freese (1946/48), Stralsunds Oberbürgermeister Otto Kortüm, Hagenows Landrat Bernhard Pfaffenzeller, Wilhelm Dühring, SPD-Vorsitzender in Neubrandenburg, oder Willi Jesse, der amtierende SPD-Landesgeschäftsführer, nahm das „politische Unheil“ seinen Lauf.

Vollzug der Parteienfusion von KPD und SPD zur SED Anfang April 1946

Die Einheit zwischen KPD und SPD in M-V wurde am 7. April 1946 „ohne Wenn und Aber“ in Schwerin vollzogen. Dazu Grit Stunnack in ihrer Biographie zu Willi Jesse: „ … Den Abschluss (des Vereinigungsparteitages – Anm.d.A.) bildete das Eintreffen der Kommunisten mit ‚Fahnen und Gesang‘ im Kino. Im Saal entstanden Tumulte. Einige Sozialdemokraten verließen aus Protest die Räumlichkeiten. Albert Schulz entschärfte die Situation und verhinderte die Auflösung der Versammlung. An dem einsetzenden Beifall beteiligte sich Willi Jesse nicht. Die Reaktionen auf die unmittelbare Vereinigung waren sehr unterschiedlich. Neben begeisterter Befürwortung gab es auch Tränen der hilflosen Wut. Jesse zeigte Trotz und Überlegenheit, was seinen politischen Gegenspielern wahrscheinlich missfiel …“ (Grit Stunnack „Willi Jesse – eine Biographie“, S. 65)

Zahlreiche Sozialdemokraten waren empört über die unter Zwang und Druck vollzogene Vereinigung der beiden Parteien, so auch der später aus politischen Gründen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilte und nach Workuta deportierte Aurel von Jüchen:

“ … In der sowjetischen Besatzungszone werden die Sozialdemokratische Partei und die KPD unter dem Namen Sozialistische Einheitspartei vereinigt, ohne dass der einzelne Parteigenosse, die einzelnen Orts-, Kreis- und Landesgruppe gefragt worden wäre. Für die Misstrauischen und Besorgten werden die allerberuhigendsten Versicherungen abgegeben. Der einzelne Sozialdemokrat, der vielleicht ein Leben für seine Partei gestritten hatte, wachte eines Morgens auf, um festzustellen, dass er ohne Zustimmung in eine kommunistische Partei eingegliedert wurde …“ (Aurel von Jüchen „Mit dem Kommunismus leben?“, S.21-22)

Die eigentliche symbolische Kraft am 7. April 1946, dem Tag der SED-Gründung in M-V, hatten zwei Ereignisse, welche die Vereinigung von KPD und SPD betrafen, aber zunächst außerhalb Schwerins für kontroverse Diskussionen sorgten. Bei der Vereinigung der beiden Parteien in Neubrandenburg kam es zu einem Eklat. Der dortige KPD-Vorsitzende Erich Schmidt und der regionale SPD-Vorsitzende Wilhelm Dühring waren nicht bereit, sich die Hand zu geben. In Rehna traten am Tag der Parteienfusion sofort 12 Sozialdemokraten aus der nun existierenden SED aus, darunter der gesamte Vorstand der SPD-Ortsgruppe in Rehna.

In Schwerin kritisierten die Sozialdemokraten Albert Kruse, Willi Mausolf und Helmut Hiller die Art und Weise der Vereinigung der Parteien heftig.

Und Peter Schulz, der Sohn des legendären Rostocker Oberbürgermeisters Albert Schulz, kommentierte die SED-Gründung folgendermaßen: “ … Alles beherrschend (nach der SED-Gründung – Anm.d.A.) war das Gefühl von Unsicherheit. Es gab ‚typische Bewegungen‘, den so genannten ‚deutschen Blick‘. Man sah nach links und rechts über die Schulter, um festzustellen, ob ein Dritter zuhören konnte, wenn man mit Freunden über Politik sprach. So wie die Furcht, das Kernstück des Zwangs bei der Vereinigung, bestätigt wurde, so wurde bald auch der politische Betrug offenbar, der bei einigen Sozialdemokraten zur Zustimmung zur Vereinigung führte …“ (Peter Schulz über die Vereinigung von KPD und SPD in M-V, Manuskript zum Vortrag am 22. April 1996 an der Universität Rostock, S. 12-13)

Unmittelbare Folgen der Vereinigung von KPD und SPD

Mehr als 5.000 Sozialdemokraten aus Mecklenburg und Vorpommern wurden in den Folgejahren, bis 1951, bespitzelt, inhaftiert, aus öffentlichen Ämtern entfernt oder sogar ermordet. Der Kampf gegen den „Sozialdemokratismus“ blieb auf der SED-Agenda bis zum Ende der DDR.

Auch in Schwerin wurden in der Folgezeit zahlreiche ehemalige SPD-Mitglieder, wie Willi Nudow, Hans-Joachim Roskam, Helmut Hiller, Otto Voß, Ernst Walter, u.v.a.m. verhaftet und sogar ermordet.

CDU und Liberal-Demokratische Partei wurden nach Beseitigung der erzwungenen Vereinigung von KPD und SPD auf Druck der Stalinisten in der SED und der sowjetischen Militäradministration gewaltsam gleich geschaltet, obschon es auch in deren Reihen herausragende Widerstandskämpfer gegen die drohende kommunistische Diktatur gab. Auch einige Kommunisten, die sich dem Verrat an den Sozialdemokraten widersetzten, wurden inhaftiert.

Führungspositionen behielten nur diejenigen, die bereit waren, sich dem SED-Regime zu unterwerfen – von der KPD-Landesleitung Kurt Bürger und Hans Warnke, von der SPD Carl Moltmann und Friedrich Wehmer, in der CDU Reinhold Lobedanz und Hans Wittenburg sowie in der LDP Max Suhrbier und Horst Schomacker.

Ausmaß der Vereinigung

Das Ausmaß der Vereinigung von KPD und SPD wurde erst mit dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ in der DDR 1989/90 deutlich … Bereits im Ansatz. 1945/46 in der sowjetischen Besatzungszone, ab 1949 DDR – war der Versuch gescheitert, eine gerechtere sowie sozialere Gesellschaft zu schaffen – und damit ein uralter Menschheitstraum von einer besseren Welt, der von der Bergpredigt über die Iden der Französischen Revolution 1789 und der katholischen Soziallehre bis hin zum „Kommunistischen Manifest“ 1848 reicht bzw. Ausdruck findet, in der Realität zerstört.

Und es bestätigte sich Herbert Wehners weise Prognose zum SED-Experiment, die er in einem Interview mit dem Journalisten Günter Gaus am 8.Januar 1964 aüßerte: “ … Es wird fürchterlich enden, mit einem moralischen Katzenjammer und einer sittlichen Vernichtung derer, die einmal aus ehrlichen Absichten kommunistische oder sozialistische Vorstellungen solcher Art zu realisieren versucht haben …“ (Anmerkung: Herbert Wehner war unter anderem SPD-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag von 1969 bis 1983.)

Letztendlich sollte auch der frühere evangelisch Kirchenpräsident Martin Niemöller Recht behalten, als er meinte: „Der Kommunismus wird versagen und verschwinden, denn er hat keine Antwort oder eine falsche und irreführende Antwort auf die entscheidende Frage: Wie können menschliche Wesen endlich wirkliche Menschen werden? – Die Würde des Menschen geht (im Kommunismus) verloren und seine Freiheit wird zerstört. Am Ende bedeutet kommunistischer Idealismus nur Nihilismus und deshalb ist er kein Weg zu tatsächlicher Menschlichkeit.“ (Aurel von Jüchen „Mit dem Kommunismus leben?“, S. 8 )

Erst im Verlauf der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989 konnten auch die Sozialdemokraten in Mecklenburg und in Vorpommern wieder eine Sozialdemokratische Partei gründen.

Marko Michels


Ähnliche Beiträge