Botaniker aus aller Welt diskutieren in Rostock Strategien für die Pflanzen

Die Rostocker Professorin Birgit Piechulla ist Tagungs-Präsidentin der internationalen Botaniker-Konferenz in Rostock. (Foto: Universität Rostock/Edeltraut Altrichter)

Unter dem Motto ‚Pflanzenwissenschaften für unsere Zukunft‘ (Plant Science for our Future) treffen sich vom 15. bis zum 19. September 2019 über 400 Botaniker aus 27 Ländern an der Universität Rostock zur Botaniker-Tagung. „Es ist die größte und bekannteste Konferenz auf dem Gebiet der Pflanzenwissenschaften im deutschsprachigen Raum“, unterstreicht Professorin Birgit Piechulla. Die international bekannte Bio-Chemikerin hat die Veranstaltung im Jahr des 600. Geburtstages der Universität Rostock maßgeblich in die Hanse- und Universitätsstadt geholt. Die Tagung ist fester Bestandteil in den Pflanzenwissenschaften und wird alle zwei Jahre durch die 137 Jahre alte Deutsche Gesellschaft für Botanik (DBG) ausgerichtet.

„Trockenheit (abiotischer Stress) ist ein Thema, das die meisten Teilnehmer von den acht Plenar- und 21 Symposiums-Sitzungen diskutieren wollen“, sagt Professorin Piechulla. „Dürre und Wassermangel werden in Anbetracht des absehbaren Klimawandels in Zukunft besonders für die Landwirtschaft weltweit zum Problem. Die Erträge könnten in absehbarer Zeit sinken“, blickt Birgit Piechulla voraus und mahnt: „Man muss sich vor Augen halten, dass die gesamte Tierwelt von Pflanzen abhängig ist. Nicht der Mensch ist das wichtigste Lebewesen auf der Erde. Ohne Pflanzen könnten wir nicht existieren. Derzeit stehen wir vor nie da gewesenen Herausforderungen, und wir müssen unsere Lebensweise grundlegend verändern, sollten durch Investitionen in Forschung und innovative, ressourcenschonende Technologien unsere Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion nachhaltiger und umweltverträglicher machen“. Deswegen sind die angewandten Forschungsthemen Pflanzenresistenzen, Pflanzenkrankheiten und Unkrautbekämpfung, die an der Universität Rostock durch Professorin Christine Struck und Professorin Bärbel Gerowitt vertreten sind, aus der pflanzenwissenschaftlichen Forschung nicht wegzudenken.

Die Universität Rostock als Gastgeberin hat zur Trockenstress-Forschung viel zu bieten. Im Botanischen Garten mit seinen spezifisch ausgestatteten Gewächshäusern wird an sogenannten „Wiederauferstehungspflanzen“, die an extreme Trockenheit besonders gut angepasst sind, geforscht. Professor Stefan Porembski, Direktor der Rostocker Einrichtung und international bekannter Botaniker betont: „Nicht jeder Pflanze kann Trockenstress etwas anhaben. Es geht um solche Pflanzen, die an lange Dürreperioden angepasst sind, sie können über 90 Prozent ihres Wassers verlieren, ohne dabei Schaden zu nehmen. Wir wollen herausfinden, wie die Mechanismen zur Wasser-Eliminierung und -wiederaufnahme bei diesen Pflanzen funktionieren. Wenn wir das verstanden haben, gibt es eine Zukunftsvision, wie sich diese Trockenresistenz weltweit für die Landwirtschaft nutzen lässt“.

Wie und unter welchen Bedingungen Pflanzen gut wachsen, wie sie mit Stress-Situationen zurechtkommen und wie ihre Erträge umweltfreundlich erhöht werden können sind einige weitere wichtige Themen, die in mehreren Symposien dargelegt werden. In der Rostocker Pflanzenphysiologie wird dazu unter Leitung von Professor Martin Hagemann die Umwandlung von CO2 in Zucker durch die Photosynthese der Pflanzen detailliert untersucht. Das Ziel dieser Forschungen besteht darin, die Effizienz der CO2-Nutzung durch eine verbesserte Regulation des pflanzlichen Stoffwechsels bis hin zur Etablierung sogenannter synthetischer CO2-Einbauwege zu optimieren.

Professorin Christine Raines aus Großbritannien wird in ihrem Plenarvortrag die bereits erzielten Erfolge auf diesem Gebiet vorstellen. Professorin Renate Horn von der Universität Rostock forscht beispielsweise an Sonnenblumen und Pfirsichbäumen. Dabei interessiert sich die Wissenschaftlerin für die Wuchsform, also die Pflanzen-Architektur. Die Rostocker Pflanzengenetiker wollen erreichen, dass Nutzpflanzen eine schlanke Form bekommen und mehr Erträge erzielen. Im Pflanzenreich spielt der Duft einer Blüte als Lockmittel für Insekten eine wichtige Rolle. Bienen beispielsweise, aber auch viele andere Insekten reagieren auf Blütendüfte und finden so den Nektar in der Blüte. Nebenbei werden diese bestäubt und damit die Frucht- und Saatbildung gesichert. Das ist das Spezial-Thema von Tagungs-Präsidentin Professorin Birgit Piechulla. „Mit verschiedenen Duftmustern können die Pflanzen mit anderen Organismen, aber auch mit Pflanzen kommunizieren“, sagt die Forscherin.  Somit seien Pflanzen keinesfalls still und stumm, „sondern das Gegenteil ist der Fall. Sie sind kommunikativ und schreien sogar um Hilfe“. Die Rostocker Wissenschaftler haben Tabakpflanzen untersucht, die in Südamerika, Australien und Afrika beheimatet sind und diese These belegt.

Ein großes Thema auf der Botaniker-Tagung ist zudem die pflanzliche Biodiversität, also die Artenvielfalt. Warum sterben einige Pflanzen aus? Liegt es am Menschen? Oder ist es der Klimawandel? Wie die Pflanzenwelt sich verändert, das werden die Botaniker erörtern. „Ausbreitung und Artenvielfalt von Pflanzen ist nicht begrenzt auf den Landbereich, sondern ist ebenso relevant für im Meer lebende Pflanzen“ bestätigen die Ökologen der Universität Rostock, Professor Hendrik Schubert und Professor Ulf Karsten. Wie die Pflanzen ehemals den Weg aus dem Meer an Land gefunden haben und welchen Beitrag die aus Algen und Mikroorganismen zusammengesetzten Bodenkrusten auf das Klima auf der Erde haben, wird in speziellen Symposien angesprochen. In einem Workshop wird diskutiert, welche Auswirkungen das sogenannte Nagoya-Protokoll (Abkommen über weltweiten Austausch von Lebewesen) für die Pflanzenforschung hat.

Während der Botaniker-Tagung in Rostock erhalten auch vier junge Forscher aus Deutschland die diesjährigen Wissenschaftspreise der Deutschen Botanischen Gesellschaft und des Springer-Verlages. Sie haben sich mit zukunftsweisenden Fragen beschäftigt, beispielsweise wie sich der Klimawandel auf den Blattaustrieb von Gehölzen auswirkt, wie ein spezielles Eiweiß die Entwicklung von Chloroplasten beeinflusst, welche Blumenpopulationen besser an den Klimawandel angepasst sind, und welche Faktoren die Entwicklung von zuckerleitenden Geweben regulieren.

Pressemitteilung der Universität Rostock / Text: Wolfgang Thiel