Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Annett Lindner über die Entwicklung des Bildungswesens in M-V

Die Landesregierung von M-V im Schweriner Schloss will endlich den pädagogischen Fachkräftemangel im Land beheben. Ob es gelingt?! Foto: M.M.

„Sei unsere Lehrerin/unser Lehrer, wenn Du einen Ankerplatz suchst! – mit diesem Motto, auf einem Plakat mit maritimem Hintergrund wirbt M-V derzeit, um mehr Pädagogen nach M-V zu locken und damit dem pädagogischen Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Zum neuen Schuljahr 2018/19 wurden in M-V fast 640 neue Pädagoginnen und Pädagogen eingestellt, darunter sind mehr als 180 Quereinsteiger, die zwar einen Hochschul- bzw. Berufsabschluß aufweisen, aber keine spezielle pädagogische Ausbildung vorweisen.

Kann das „gut gehen“?!

Nachgefragt bei der Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Annett Lindner

Annett Lindner über die Entwicklung des Bildungswesens in M-V, den pädagogischen Fachkräftemangel, pädagogische Seiteneinsteiger, den Lehrstoff an den Schulen, kommende Herausforderungen und eine zensurenfreie Schule

„Dieses Land kann mehr…“

Frage: Frau Lindner, Ende August startete M-V in das neue Schuljahr 2018/19 und es gibt zwei Ansichten. Aus Sicht der SPD/CDU-Landesregierung und Frau Bildungsministerin Hesse ist, bis auf Ausnahmen alles in „bester Ordnung“, und aus Sicht – nicht nur – der politischen Opposition im Landtag M-V ist vieles im Bildungswesen in M-V „suboptimal“…

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Bildungswesens in M-V? Zweifellos ist es doch so, dass Pädagogen fehlen, Schulgebäude/Turnhallen dringend saniert werden müssen und die Digitalisierung noch extrem ausbaufähig ist…

Annett Lindner, GEW-Vorsitzende M-V. Foto: Silke Winkler

Annett Lindner: Es gibt dazu keine pauschalen Aussagen. Zunächst ist wichtig: In der übergroßen Mehrzahl treffen unsere Schülerinnen und Schüler auf hoch motivierte und engagierte Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen bzw. -pädagogen sowie Erzieherinnen und Erzieher. Das ist auch gut so.

Denn dieses Engagement gleicht oft das aus, was in den Rahmenbedingungen fehlt. Nach unseren Berechnungen muss das Land knapp 650 Millionen Euro in die Bildung investieren, um die Bildung zu reformieren und zukunftsfähig zu gestalten.

Das betrifft alle Bereiche von der Kita, über die allgemeinbildenden und Beruflichen Schulen bis hin zu den Hochschulen. Es geht unter anderem um Klassengrößen, Ganztagsangebote, Pflichtstundensenkung, Schulpsychologinnen bzw. -psychologen und Schulsozialarbeiterinnen bzw. -arbeiter oder auch einen Personalpuffer für Ausfall durch Krankheit. Kosten für die Inklusion, Digitalisierung und Baumaßnahmen sind darin noch nicht enthalten.

Frage: Um den Mangel an pädagogischen Fachkräften etwas auszugleichen, werden berufliche Quereinsteiger als Pädagogen eingestellt. Es gibt nicht wenige von diesen, die sich fragen, ob sie ihr durchaus fundiert vorhandenes Wissen tatsächlich optimal an die Schülerinnen bzw. Schüler weiter geben können und beklagen, dass sie vor Dienstbeginn maximal pädagogische „Crash-Kurse“ erhielten.

Wie beurteilen Sie die Einstellung von beruflichen Quereinsteigern als Pädagogen? Eher Chance oder Risiko? Warum gibt es vor Dienstbeginn nicht eine längerfristige, fundierte pädagogische Qualifizierung für berufliche Quereinsteiger? Andere studierten dafür mindestens vier Jahre…

Annett Lindner: Das Land hat hier seine Hausaufgaben nicht gemacht. Der heutige Mangel ist über Jahre hinweg zum großen Teil hausgemacht. Die Anpassung der Ausbildungskapazitäten, die Zahlen der Abbrecherinnen/Abbrecher in der Ausbildung, die Nachsteuerung in den Fächerkombinationen – all‘ das war immer wieder Thema und ist gar nicht oder nur halbherzig angefasst worden. Mit der Situation wie sie heute ist, müssen wir dennoch umgehen.

Seiteneinsteiger gehören in den kommenden Jahren ganz sicher eher zum Teil der Lösung, als zum Problem. Die GEW hat ein Maßnahmenpaket vorgelegt, in dem wir Vorschläge zum Umgang mit dem Lehrkräftemangel machen.

In erster Linie muss es darum gehen, den Beruf deutlich attraktiver zu machen. Grundschullehrkräfte müssen jetzt dringend besser vergütet werden und die A13 bzw. E13 erhalten, wie ihre Kolleginnen und Kollegen in den anderen Schularten auch.

Wir müssen auch darüber sprechen, ob man nicht den Besoldungsföderalismus abschafft und auf diese Weise dem Wettbewerb zwischen den Bundesländern den Wind aus den Segeln nimmt.

Darüber hinaus brauchen wir eine Absenkung der Unterrichtsverpflichtung, kleinere Klassen und eine bessere personelle Ausstattung zur Umsetzung der Inklusion. Wir denken da an multiprofessionelle Teams.

Für die Seiteneinsteiger fordert die GEW eine gemeinsame Ordnung, die den Einstieg, die Qualifizierung und die Perspektiven klar regelt und es diesen Kolleginnen und Kollegen auch praktisch ermöglicht, sich pädagogisch fortzubilden. Bei voller Pflichtstundenzahl ist das nicht leistbar.

Frage: Schaut man sich den Lehrstoff an, so bekommt man den Eindruck, dass vieles überaltert ist und an den realen Gegebenheiten vorbei unterrichtet wird. Ist der praktizierte Frontalunterricht an den Schulen noch zeitgemäß?

Annett Lindner: Reale Gegebenheiten bedeuten aus unserer Sicht nicht, dass nun in alle Klassen und Klassenstufen ein Tablet Einzug hält und niemand mehr etwas auswendig lernen muss.

Sie bedeuten auch nicht, dass Kinder in den Schulen lernen müssen, wie man Hartz IV-Anträge oder Steuererklärungen ausfüllt und was man in einem Mietvertrag alles beachten muss.

Es geht ganz klar nicht darum, aus unseren Kindern kleine Erwachsene mit unseren Problemen und unseren (oft nicht ausreichenden) Lösungsansätzen zu machen. Lehrpläne gehören aus unserer Sicht regelmäßig auf den Prüfstand.

Insbesondere bei Neuordnungen, wie der jetzigen Oberstufenreform böte es sich an, diese auch zu nutzen, um die Lehrinhalte zu überprüfen. Finnland ist uns mit seinem fächerübergreifenden Unterricht da weit voraus. Hier gilt es mit dem Stand der Bildungsforschung zu arbeiten, wie wir in Zukunft Wissen und Kompetenzen vermitteln.

Frage: Wenn Sie den Bildungspolitikern in M-V seit 1990 eine Durchschnittsnote geben müßten… Wie sähe diese aus? Wie schneidet dabei Bildungsministerin Hesse ab?

Annett Lindner: Zensuren sind doch so was von 1950er Jahre! Des letzten Jahrtausends. Die GEW setzt sich für eine zensurenfreie Schule bis mindestens zur achten Klasse ein. Also keine „Durchschnittsnote“ von mir.

Wenn es um eine Einschätzung der Bildungspolitik geht, lässt sich rückblickend sagen: Das Land kann schon viel. Es ist in den vergangenen Jahren mehr Geld in die Bildung geflossen. Das erkennen wir an. Vor allem aber: Dieses Land kann mehr. Und dafür ist, wie in einer guten Schule auch, nicht allein Birgit Hesse verantwortlich.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für das Bildungswesen in M-V!

M.Michels