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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Die Wirtschaft in Vorpommern

Nachgefragt bei der IHK Neubrandenburg für das östliche M-V

Deutschland geht es gut! Deutschland geht es gut? Die Meinungen über die derzeitige Lage hierzulande gehen zwar weit auseinander, je nachdem welche Politikerin und welcher Politiker gerade im Bund oder in einem der sechzehn Bundesländer regiert, aber mit Blick auf Europa lässt sich feststellen. Von den 50 europäischen bzw. eurasischen Staaten weisen nur neun wirklich „gute Zahlen“ auf – allen voran Deutschland.

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Aber: Sind die „bloßen Zahlen“ wirklich aussagekräftig? Die Arbeitsmarktstatistik erscheint zwar auf dem ersten Blick ganz positiv, aber auf dem zweiten schon nicht mehr, denkt man an die statistisch nicht berücksichtigten Empfänger von SGB II-Leistungen, an Niedriglöhner, Ein-Euro-Jobber, geringfügig Beschäftigte und (unfreiwillige) Vorruheständler im arbeitsfähigen Alter.

Es werden – wie auch global – Informatiker, Mathematiker, hoch spezialisierte Naturwissen-schaftler, Maschinenbau-Ingenieure oder gut ausgebildete Handwerker gesucht, aber gerade da versäumte die föderalistische Bildungspolitik in Deutschland bereits vor 25 Jahren die entsprechenden Weichen zu stellen. Kaum zu glauben, dass es noch Mitte der 1990er Jahre die Auffassung gab, dass Deutschland eine Ingenieurs- und Handwerker-Schwemme habe… Zu oft wurde nur auf die angebliche zukunftsträchtige Finanzwirtschaft und Finanzdienstleister geschaut. Wo das – weltweit – endete, ist seit 2007/08 deutlich geworden.

Glücklicherweise gab es in Deutschland- trotz mancher politischer Gegenwinde – einen stets sehr gut agierenden Mittelstand, der zu Recht als Motor der Wirtschaft hierzulande gilt.

Wie verlief und verläuft jedoch die wirtschaftliche Entwicklung in der Region Vorpommern?!

Nachgefragt bei Torsten Haasch, Hauptgeschäftsführer der IHK Neubrandenburg für das östliche Mecklenburg-Vorpommern, zu der auch der Standort Greifswald gehört.

„Die Bilanz ist insgesamt positiv…“

Frage: Herr Haasch, 25 Jahre deutsche Einheit bedeuten auch 25 Jahre freie soziale Marktwirtschaft im Nordosten, in der Region Vorpommern. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der hiesigen Wirtschaft seit 1990 aus Sicht der IHK?

Torsten Haasch: Rückblickend fällt die Bilanz positiv aus: angesichts der schwierigen Ausgangsbedingungen haben wir viel erreicht. Viele erfolgreiche Unternehmen sind im Verlaufe der zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnteentstanden bzw. haben sich angesiedelt. Beleg für die positive Entwicklung in der IHK-Region sind z. B. die jüngsten Veröffentlichungen, nach denen vier der fünf aus MV stammenden Unternehmen, die in der „Datenbank Deutsche Weltmarktführer“ gelistet sind, aus der hiesigen IHK-Region kommen.

Wie die Wirtschaft selbst hat sich auch die IHK in den vergangenen 25 Jahren entwickelt. So haben am 7. März 1990 gut 300 Unternehmen im Werkrestaurant des VEB Nahrungsgüter-maschinenbau die IHK gegründet. Diese 300 ergriffen die Initiative, gingen voran, wirkten mit, übernahmen persönliches Risiko und bekundeten damit ihren Willen zum freien Unternehmertum. Ihr Tun und das der vielen weiteren Mitstreiter hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute rund 24.000 Unternehmen in unserer Kammer¬region zählen, die
– etwa 140.000 Personen beschäftigen (das ist mehr als ein Viertel der sozialversicherungs-pflichtig Beschäftigten Mecklenburg-Vorpommerns),
– ein Drittel zur Bruttowertschöpfung im Bundesland beitragen und
– 37 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen der Kommunen des Landes erwirtschaften.

Die Unternehmen der IHK-Region agieren in den verschiedensten Branchen. Zwei Beispiele: In Mecklenburg-Vorpommern erwirtschaften etwa 100 Unternehmen mit 5.000 Beschäftigten 1,5 Mrd. € als Zulieferer der Automobilindustrie. Sie haben in den letzten fünf Jahren 130 Mio. € investiert und beschäftigen zusammen etwa 180 Auszubildende. Etliche der Unternehmen sind in unserer Region ansässig:
– Die Produktion heißer Luft unter allen klimatischen Bedingungen durch die Firmen Webasto und Spheroswäre nicht möglich ohne hochtemperaturbeständige Präzisions¬zulieferteile von der Lang Metallwarenproduktion in Woldegk oder auch Temperatur¬sensoren und gebogene Leitungssysteme von SD Klaus Hirsch aus Neubrandenburg.
– So verlässt sich die PKW- und Nutzfahrzeugindustrie auf Komponenten für Bremssysteme von SAKTHI Ueckermünde.
– Schalldämpfer und Wärmeabschirmbleche der DBW Metallbearbeitungs GmbH in wiederum Ueckermünde tragen zu einem angenehmen Fahrgefühl bei und schonen die Umwelt.
– Die Mues Werkzeugbau GmbH Neubrandenburg garantiert mit ihren komplexen Folgeverbund- und weiteren Werkzeugen Präzision und Effektivität, auf die sich Automobil-hersteller weltweit verlassen.
– Das in Greifswald angesiedelte Unternehmen Delta-IDL sorgt mit Simulations¬berechnungen dafür, dass elektronische Komponenten für bspw. Fahrzeuge so konstruiert werden, dass sie nicht überhitzen.

Als zweite Beispiel-Branche sei die Gesundheitswirtschaft erwähnt, in der landesweit 100000 Menschen Beschäftigung finden. Die Unternehmen der Gesundheitsbranche erwirtschaften jährlich etwa vier Milliarden Euro und liegen auch bzgl. des Anteils an der regionalen Bruttowertschöpfung mit 14 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Zu nennen sind hier die Universitätsmedizin in Greifswald und das Klinikum Karlsburg. Zudem sind auf der Insel Riems drei Veterinär- und Pharmaproduzenten in direkter Nachbarschaft zum international führenden Friedrich-Löffler-Institut ansässig.

Die Unternehmen in der Region haben sich im Verlaufe von zweieinhalb Jahrzehnten erfolgreich entwickelt. Wir präsentieren derzeit im IHK-Gebäude, Katharinenstraße 48 in Neubrandenburg, in einer Ausstellung unter dem Namen „made in nordost“ Fotos und Produkte von mehr als 20 Unternehmen aus Industrie, Handel, Gastronomie oder Dienstleistungen.

Für die Unternehmen in der Region der IHK Neubrandenburg ist das aktuelle Konjunkturklima von einer sehr stabilen Lage und guten Geschäftserwartungen geprägt. Die aktuelle Konjunkturumfrage Frühsommer 2015 belegt z. B. für die Industrie, dass neun von zehn Industrieunternehmen mit ihrem Ergebnis zufrieden sind. (Ausführliche Berichterstattung siehe http://www.neubrandenburg.ihk.de/standortpolitik/wirtschaft-und-arbeit/konjunkturberichterstattung/)

Frage: Einerseits stimmen „die Zahlen“ zum Arbeitsmarkt und zur wirtschaftlichen Entwicklung, andererseits wird ein „Fachkräftemangel“ moniert. Was wird nun wirklich in der Region gesucht? Welche Berufsgruppen bieten hier Perspektiven?

Torsten Haasch: Mit Blick auf die aktuellen Arbeitsmarktdaten und deren Entwicklung in den letzten Jahren kann erfreulicherweise festgestellt werden, dass die Arbeitslosenquote und Arbeitslosenzahl in MV und auch in Vorpommern deutlich gesunken sind und im Gegenzug die Beschäftigtenquote kontinuierlich steigt. Angesichts einer landesweiten Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent – die im Agenturbezirk Greifswald bei 11,6 Prozent liegt – bleibt aber noch einiges zu tun, um die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiter zu verbessern.

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist der demografische Wandel, der die Unternehmen zunehmend vor erhebliche Herausforderungen stellt. Schon heute sind altersbedingt mehr Austritte aus als Eintritte in den Arbeitsmarkt zu verzeichnen. Es fehlen nicht nur aktuell Fachkräfte im Metall- und Elektrobereich, sondern auch Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt.

Themen wie die Gewinnung, Bindung, Sicherung und Qualifizierung von Fachkräften werden daher zunehmend relevant für die Unternehmen. Als IHK unterstützen wir die Unternehmen durch entsprechende Angebote wie die Ausbildungs- und Weiterbildungsberatung oder die Unterstützung der bundesweiten IHK-Lehrstellenbörse.

Frage: M-V sei Tourismus-, Sport- und Gesundheitsland, heißt es in den politischen Reden. In welchen Bereichen hat M-V aber wirklich Zukunft?

Torsten Haasch: Neben der Tourismus- und Gesundheitswirtschaft sehen wir besondere Zukunftschancen auf den Wachstumsmärkten in den Bereichen „Energie und Klima“ „Ernährung“, „Gesundheit/Life Sciences“, „Information und Kommunikation“, „Mobilität“ und „Nachhaltige Produktionstechniken und neue Werkstoffe, insbesondere im Maschinenbau“.

Sie sind Resultat einer Stärken- und Schwächen-Analyse der Wirtschaft, die von den Industrie- und Handelskammern, den Handwerkskammern und Hochschulen gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium erstellt wurde. Die Zukunftsfelder sind Bestandteil der Regionalen Innovationsstrategie 2020 für das Land Mecklenburg-Vorpommern und damit Schwerpunkte der Technologiepolitik des Ministeriums für Wirtschaft, Bau und Tourismus Mecklenburg-Vorpommern für die kommende Förderperiode 2014 bis 2020.
Die Regionale Innovationsstrategie 2020 für das Land Mecklenburg-Vorpommern wurde am 6. März 2014 vom Strategierat Wirtschaft – Wissenschaft beschlossen.

Der Strategierat Wirtschaft-Wissenschaft MV ist ein Zusammenschluss der drei Industrie- und Handelskammern in Neubrandenburg, Rostock und Schwerin, der Handwerkskammern Ostmecklenburg-Vorpommern und Schwerin, der Technologiezentren, der Hochschulen Wismar, Rostock, Greifswald und Stralsund, fünf Forschungseinrichtungen sowie dem Ministerium für Wirtschaft, Bau und Tourismus, dem Ministerium für Energie, Infrastruktur und Landesentwicklung, dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz.

Bei Thema Zukunftschance macht sich die IHK auch seit Jahren stark für die Entwicklung einer Metropolregion Stettin. Nach unserer Ansicht bietet solch eine Metropolregion eine Reihe von Vorteilen:
– die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit kann durch die Optimierung der regionalen Standortbedingungen und die Entwicklung eines gemeinsamen Arbeitsmarktes und Wirtschaftsraumes gestärkt werden,
– der derzeit entstehende Kristallisationspunkt für Innovation, Forschung und Entwicklung zwischen Rostock, Greifswald und Stettin im Ostseeraum kann gestärkt werden,
– es kann eine Modellregion für Erneuerbare Energien in Europa entstehen, da Erfahrungen auf beiden Seiten der Grenze vorhanden sind
– und schließlich biete sich die Möglichkeit – vergleichbar zu Regionen wie Bodensee, Rhein-Neckar oder Münster-Enschede – ein Modell dafür zu schaffen, dass der Kerngedanke Europas lebt – das Zusammenleben und Zusammenarbeiten in einer grenzüberschreitenden Wohlstands- und Wirtschaftsregion.

Frage: 25 Jahre IHK in Vorpommern… Welche Bedeutung hat die IHK mittlerweile für die Region?

Torsten Haasch: Wir engagieren uns als unabhängiger Anwalt des Marktes, kritischer Partner der Politik und kundenorientierter Dienstleister für die Wirtschaft in der IHK-Region. Die IHK steht den Unternehmen zum Beispiel in Fragen der Existenzgründung, Finanzierung, Unternehmenssicherung und Unternehmensnachfolge zur Seite, organisiert Prüfungen und sichert damit unter anderem die Qualität des beruflichen Ausbildungssystems. In der Region Vorpommern sehen wir uns als Partner der Unternehmen und engagieren uns vielfach vor Ort in Arbeitsgruppen und Initiativen. Mit der Zweigstelle Greifswald in der Domstraße 39a sind wir auch direkt vor Ort präsent.

Mit Sorge betrachten wir das Ausdünnen von Verwaltungsstrukturen und den Rückzug des Landes aus der Fläche. So ist die Region bspw. durch die Schließung der Amtsgerichte bzw. Herabstufung zu Zweigstellen im Zuge der Gerichtsstrukturreform besonders betroffen. Deshalb halten wir das Engagement vor Ort und für die Region für sehr wichtig.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement und maximale Erfolge für die Wirtschaft in Vorpommern!

Marko Michels

Foto/Michels: Glanz und Elend der wirtschaftlichen Entwicklung in M-V 25 Jahre nach der deutschen Einheit „verkörpern“ die „maritimen Industrien“. Während es den meisten Seehäfen, spezialisierten, kleinen Werften und maritimen Forschungseinrichtungen  relativ gut geht, darben die großen Werften und eine nicht unerhebliche Anzahl von maritimen Zulieferbetrieben…


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