M-V ist eine Hochburg dieser Sportart…


Die Sportakrobatik erfreut sich nicht nur global, sondern auch national wie regional zunehmender Beliebtheit. Gerade die kommenden Wochen werden – sportakrobatisch betrachtet – sehr ereignisreich sein.

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Historisch zurückgeblickt…

Vor Jahresfrist fanden die achten Weltmeisterschaften in den verschiedenen Altersgruppen und die 24.Weltmeisterschaften im Elite-Bereich in der Sportakrobatik in Levallois-Perret, einem Vorort von Paris, statt.

Bei den Damen (Paar-Wettbewerb/Nachwuchs) starteten dabei neben Annalena Kunz/Kim Wickert aus Wilhelmshaven ebenfalls das Schweriner Duo Lilly Kutta/Camille Herrmann und demonstrierten dabei ihr großes Können.

Bereits seit 40 Jahren werden WM in der Sportakrobatik ausgetragen. Die ersten fanden 1974 in Moskau statt. Seinerzeit dominierte die Sowjetunion mit 18 x Gold, 5 x Silber, 1 x Bronze vor Bulgarien mit 3 x Gold, 10 x Silber, 8 x Bronze, Polen mit 5 x Silber, 6 x Bronze, Westdeutschland mit 1 x Silber, 4 x Bronze, den USA und Ungarn mit jeweils 1 x Bronze.

Deutschland war bislang viermal Gastgeber von WM in der Sportakrobatik: 1976 in Saarbrücken (Damals gab es jeweils dreimal Gold für Günter Faier und Karin König aus Westdeutschland!), 1990 in Augsburg, 1996 in Riesa und 2002 in Riesa.

Die Medaillen der vorerst letzten Elite-WM 2014 teilten sich Russland (insgesamt 2 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze), Großbritannien (insgesamt 1 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze), Belgien (insgesamt 1 x Gold, 1 x Bronze), China (insgesamt 1 x Gold), Weissrussland (insgesamt 1 x Silber), Frankreich (insgesamt 1 x Bronze) und die USA (insgesamt 1 x Bronze).

Die nunmehr amtierenden Weltmeister sind Nikki Snel/Eline de Smedt (Belgien/Damen-Paar), Konstantin Pilipchuk/Alexei Dudchenko (Russland/Herren-Paar), Revaz Gurgenidze/Marina Tschernowa (Russland/Mixed-Paar), Elise Matthews/Georgia Lancasto/Millie Spalding (Großbritannien/Damen-Gruppe) und Zhou Yi/Wang Lei/Tang Jian/Wu Yeqiuyin (China/Herren-Gruppe).

M-V und die Sportakrobatik

Aber nicht nur „in der weiten Welt“ erfährt die Sportakrobatik viel Zuspruch, auch in Mecklenburg-Vorpommern hat sie eine gute sportliche Heimat. Landesleistungszentren befinden sich in Schwerin und in Wismar. Ansonsten bieten auch weitere Vereine in ganz M-V die Sportakrobatik an.

Am 17./18.Oktober werden sogar die Deutschen Meisterschaften/Junioren 2″ in der Arena in Schwerin ausgetragen.

Nachgefragt beim Präsidenten des Deutschen Sportakrobatik-Bundes, Oliver Stegemann

O.Stegemann zum Stellenwert sowie der Bedeutung der Sportakrobatik und zu den Deutschen Meisterschaften in Schwerin

„M-V ist wichtig für unseren Sport…“

Frage: Die Sportakrobatik hat global betrachtet eine große Tradition, ist im Programm der „World Games“, der Weltspiele in den nichtolympischen Sportarten. Wie beurteilen Sie die Bedeutung und den Stellenwert der Sportakrobatik hierzulande?

Oliver Stegemann: In Deutschland sind wir leider nur eine Randsportart, im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt einige Hochburgen in Deutschland, aber insgesamt sind wir nur an ausgewählten Standorten vertreten. Aber auch bei uns in Deutschland hat die Sportakrobatik – dort, wo es sie gibt – eine lange Tradition und ein recht ansprechendes Niveau.

Da wir aber nicht im olympischen Programm vorkommen, haben wir im Gegensatz zu anderen Randsportarten kaum einmal eine Chance, von einer großen Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.

Frage: Wie viele aktive Sportakrobatinnen und Sportakrobaten gibt es eigentlich in Deutschland? In wie vielen Vereinen wird diese angeboten?

Oliver Stegemann: In Deutschland sind beim Deutschen Sportakrobatik-Bund circa 100 Vereine und etwa 15000 aktive Mitglieder erfasst. Bei den Landessportbünden hat man etwas andere Zahlen, aber die Größenordnung stimmt ungefähr.

Frage: Ein Wort zu den deutschen Elite-Sportakrobaten… Wo stehen die deutschen Athletinnen und Athleten aus Ihrer Sicht im Weltmaßstab?

Oliver Stegemann: Ich würde sagen, dass wir in der erweiterten Spitze vertreten sind. Allerdings entfernen sich die guten Nationen immer weiter von uns. Das liegt vor allem daran, dass in Deutschland die Verbindung Schule/Ausbildung und Sport nicht besonders gut funktioniert.

Gerade in der Sportakrobatik kommt es darauf an, dass man gemeinsam trainieren kann. Und das ist bei dem Altersunterschied, der innerhalb der Formationen gegeben ist, nicht immer leicht.

Zudem stehen viele Formationen nach dem Abitur der „Großen“ vor dem Aus, da diese dann zum Studium oder zur Ausbildung weggehen. Daher haben wir leider in den letzten Jahren vor allem im Jugend- und Juniorenbereich gute Ergebnisse gezeigt, bei den Senioren sah es hingegen etwas schlechter aus.

Frage: Im Oktober finden die Deutschen Meisterschaften (Junioren 2) in Schwerin statt. Wie ist Ihre Meinung zum Sportakrobatik-Standort M-V?

Oliver Stegemann: In Mecklenburg-Vorpommern ist auf jeden Fall ein wichtiger Schwerpunkt unseres Sports. Hier haben wir eine sehr gute Verbindung von Schule und Sport, Verständnis und Unterstützung von Seiten der Schulen und Lehrer und vor allem gute Trainerinnen und Trainer. Dieses zahlt sich aus und zeigt sich auch bei den Resultaten.

Frage: Welche Chancen hat die Sportakrobatik, einmal olympisch zu werden?

Oliver Stegemann: Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, aber es steht wohl nicht unmittelbar bevor, dass wir in das olympische Programm aufgenommen werden. Man muss dazu sagen, dass dem Bereich Turnen eine bestimmte Anzahl von Medaillen vom IOC zuerkannt wird.

Würde die Sportakrobatik olympisch, dann müssten andere Sportarten – wie zum Beispiel die Rhythmische Sportgymnastik – Medaillen verlieren. Und das ist nie ganz einfach.

Sicher, wir haben wichtige Persönlichkeiten, die sich für uns einsetzen, wie unter anderem der Präsident der FIG (Internationaler Turnverband) Bruno Grandis und andere. Auch bei den ersten Europa-Spielen in Baku waren wir vertreten und wurden sehr positiv aufgenommen.

Aber man muss schon realistisch bleiben: Wenn wir wieder Demonstrationssport bei den Spielen 2016 oder 2020 würden, wäre das schon ein großer Erfolg.

Vielen Dank und weiterhin bestes Enagement für die Sportakrobatik!

Exkurs: Blick zu den Europameisterschaften 2015 in der Sportakrobatik

Vom 23.September bis 5.Oktober finden die 27.Europameisterschaften in der Sportakrobatik in Riesa statt (einschließlich der achten Europäischen Altersgruppenwettkämpfe).

Deutschland ist damit zum fünften Mal – nach Augsburg (1985, 1990), ebenfalls Riesa (1996) und Baunatal (1997) – Gastgeber einer EM in der Sportakrobatik.

Die ersten EM in der Sportakrobatik gab es übrigens 1978 in Riga, in der damaligen Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die Sowjetunion dominierte seinerzeit mit siebenmal Gold, einmal Bronze vor Polen mit fünfmal Silber, zweimal Bronze und Polen mit zweimal Silber, viermal Bronze. Die Einzel-Titel errangen Valentina Chuhareva und Vadim Bindler.

Bei den EM 2013 in Odivelas (Portugal) erkämpften Russland (zehnmal Gold, zweimal Silber, dreimal Bronze), Großbritannien (dreimal Gold, sechsmal Silber, zweimal Bronze), Portugal (einmal Gold, zweimal Silber, dreimal Bronze), Belgien (einmal Gold, einmal Silber), Weissrussland (dreimal Silber, fünfmal Bronze), die Ukraine (einmal Silber, einmal Bronze) und Polen (einmal Bronze).

An den diesjährigen EM nehmen aus M-V-Sicht Lilly Kutta und Camille Herrmann sowie Michelle Mausolf, Shirley Klier und Grofrahn Solh (alle VfL Schwerin) teil.

Statement von Oliver Stegemann zu den deutschen EM-Chancen:

„Die EM in Riesa wird sicher eine sehr spannende und hochklassige Veranstaltung. Ich traue den deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, auch und vor allem denen aus Mecklenburg-Vorpommern, auf jeden Fall einen Platz im Finale zu.

Und dann entscheiden die Kampfrichter und die Tagesform. Ich denke aber, dass wir eine gute Rolle spielen können, denn großen Nationen wie Russland, England, Ukraine und Bulgarien können wir wohl nicht wirklich gefährlich werden. Wichtig ist, dass alle ihren eigenen Wettkampf machen und ihre beste Leistung abliefern, dann kann man auf die deutsche Mannschaft auch stolz sein.“

Marko Michels

Foto (maxpress.de): Bundeskader-Sportakrobatinnen vom VfL, die bei der EM in Riesa starten, v.l.n.r.: Trainerin Karola Mevius, Lilly Kutta (Paar), Shirley Klier (Trio), Camille Herrmann (Paar), Gofrahn Sohl (Trio), Michelle Mausolf (Trio)).