Rostocker Forscher: Wir müssen lernen mit dem Wolf zu leben

Rekonstruierte historische Wolfsgrube (Wolfsfang) bei Zwenzow (Landkreis Mecklenburger Seenplatte) als landeskundliches Denkmal. Foto F. Müller / Universität Rostock

Der Wolf ist weder böse noch gut. Wenn er kann, jagt und frisst er Rehe, Hirsche, Sauen. Wenn nicht, reißt er Schafe, Ziegen, Hunde. Privatdozent Dr. Robert Sommer von der Universität Rostock hat sich schon mit dem „Spitzenprädator“, wie er den Isegrim auch nennt, befasst, als in Mecklenburg-Vorpommern noch kaum jemand daran dachte, dass sich diese hundeartigen Raubtiere hier wieder ansiedeln würden. Das war im Jahr 1999. Just zu dieser Zeit veröffentlichte Robert Sommer noch als Student eine Publikation zum Thema „Der Wolf in Mecklenburg-Vorpommern – Vorkommen und Geschichte“. Der Zufall wollte es, dass genau zu diesem Zeitpunkt auf einer Ansitzdrückjagd in einem Bundesforstamt in Vorpommern ein Wolf geschossen wurde.

Oberarzt Dr. Fred Zack und sein damaliger Chef Professor Rudolf Wegener vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Rostock sezierten den Wolf im Auftrag der Staatsanwaltschaft. Der Grund: Es gab mehrere Anzeigen gegen den Schützen, der zudem eine Selbstanzeige erstattet hatte. Der Schütze behauptete, der Wolf sei verletzt gewesen und er habe ihn von den Schmerzen befreien wollen. Der Kreistierarzt habe die These gestützt, dass der Wolf bereits eine ältere Verletzung erlitten habe, sagt Zack. Das Gutachten der Rostocker Rechtsmediziner kam jedoch zu dem Schluss, dass der Wolf durch einen Blattschuss mitten durch Herz und Lunge getötet wurde. Die erste Verletzung habe das Tier, laut Gutachten, ebenfalls unmittelbar vor dem Tod erlitten, vermutlich von ein und demselben Schützen. Am Ende musste der Schütze eine Geldbuße von 1.500 DM bezahlen.

Der 2003 verstorbene Wolfsforscher Dr. Erik Zimen hatte frühzeitig vorausgesagt, dass es nicht einfach werde, mit dem Wolf in der Kulturlandschaft unter heutigen Bedingungen zu leben, erinnert sich Robert Sommer. Er ist Tierökologe, also ein Fachmann, der sich mit dem Leben von Tieren und deren Wechselbeziehungen mit der Natur, Räubern und Beute sowie den Einwirkungen von Tieren auf Ökosysteme befasst. Er werde immer wieder gefragt, ob der Wolf gefährlich oder ungefährlich sei.

Der 43-Jährige sagt dann: „Grundsätzlich ist das Risiko, von einem Wolf angegriffen zu werden, sehr gering“. Eine einfache Antwort zur „Gefährlichkeit“ zu geben, sei schwierig, so Sommer. Als Wissenschaftler urteilt er auf der Grundlage von Forschungsergebnissen und Zahlen, von Gerede hält er nichts. Er hat viele Zahlen parat über Angriffe und Todesfälle durch wildlebende Raubtiere oder Hunde sowie auch durch andere Gefährdungen und Todesursachen, z. B. von Menschen aus den USA oder Deutschland und sagt: „Wie gefährlich der Wolf im Verhältnis zu anderen Bedrohungen für Menschen ist, können die Bürger in unserem Land beim Betrachten dieser Werte im Prinzip selbst kalkulieren, niemand muss dafür Mathematik studieren.“

Nur will kaum jemand das so detailliert wissen – die potenzielle Gefahr durch Wölfe wird in der öffentlichen Debatte meist sehr polarisiert dargestellt. Dabei gäbe es sehr gute, sachliche Informationsmöglichkeiten für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, etwa die von der AG Wildtierforschung der TU Dresden gestaltete Internetseite wolf-mv.de, so Sommer.

Er empfiehlt in Wolfsgebieten generell eine gesunde Wachsamkeit. Es sei wahrscheinlich, dass in den letzten Jahrhunderten bei Wölfen die Scheu vor dem Menschen aufgrund der starken Bejagung intensiv gefördert worden sei. Weil der Wolf in Deutschland nicht bejagt werden darf, leben wir daher seit dem Jahr 2000 in einer neuartigen Situation. Insbesondere die Wolfsberater, die die Situation vor Ort bewerten, hätten eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. „Ihre Einschätzungen zu Präventionsmaßnahmen, die von der Verbesserung von Schutzmaßnahmen für Haustiere oder Vergrämungsmaßnahmen bis hin zum empfohlenen Abschuss eines Wolfs reichen können, sollten wir daher sehr ernst nehmen“, rät der Forscher.

Die intensive Freilandhaltung der Nutztiere, auch in Wäldern, stand im 18. Jahrhundert hoch im Kurs. Dadurch gerieten Menschen zunehmend in Konflikt mit den Wölfen, die die Haustiere des Menschen erbeuteten. „Eine Hauptursache für Wolfsangriffe in der Vergangenheit ist die Tollwut gewesen“, sagt Sommer.

Zudem haben die Menschen in historischer Zeit häufig Kinder unter zehn Jahren zum Hüten von Schafen eingesetzt. Bei Wolfsangriffen kamen so auch regelmäßig Kinder zu Tode, die die Herde gegen Wölfe verteidigten. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie über derartige Vorkommnisse in historischer Zeit belegt erneut, dass „kleine Menschen“ in solchen Situationen von Wölfen attackiert wurden, berichtet Sommer. Unter anderem aus diesen Gründen sei der Wolf radikal bejagt und schließlich ausgerottet worden.

Und heute? Die damalige Vision von Erik Zimen, dass es wieder freilebende Wölfe in Deutschland geben könnte, hat sich längst erfüllt. „Nun müssen wir wieder lernen, mit den Wölfen zu leben“, sagt Sommer. Das sei für viele Tierhalter nicht einfach, die sich mit Herdenschutzhunden und Elektrozäunen gegen mögliche Wolfsattacken auf ihre Herden schützen müssen. Für vom Wolf gerissene Nutztiere gibt es heute, anders als in historischer Zeit, eine beschränkte finanzielle Entschädigung.

Robert Sommer betont, dass die wichtigsten Personen in diesem jahrzehntelangen Lernprozess hunderte ehrenamtliche Helfer von Naturschutz- und Jagdverbänden, Wolfsberater, Rissgutachter und Aktivisten von „Wikiwolves“ seien, die sich die Fälle vor Ort ansehen, Landwirte beraten und sich mit Wolfsbeobachtungen von Bürgerinnen und Bürgern auseinandersetzen.

Robert Sommer, der auch im Fach Ur- und Frühgeschichte an der Universität Rostock lehrt, sieht hinsichtlich des Wolfes noch eine weitere Herausforderung für die Zukunft: „Eines der zweifellos wichtigsten naturschutzpolitischen Anliegen der Gesellschaft ist es, dass sich wieder mehr Artenvielfalt und Strukturvielfalt in unserer Agrarlandschaft entwickelt“. Der Wolf ist dabei nur ein Teil der Natur. Viel bedeutender ist zum Beispiel, dass sich eine möglichst hohe Vielfalt an Pflanzenarten, winzigen Bodenlebewesen oder Insekten wie z. B. Wildbienen, Schmetterlingen oder Käfern entwickelt, weil diese für alle regulierenden Prozesse im Ökosystem eine große Bedeutung haben.

Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass es vor allem der Artenreichtum der Wiesen ist, der für uns Menschen wichtige Funktionen in Agrarökosystemen erfüllt und daher als gesellschaftliches Gut von fundamentaler Bedeutung darstellt. Damit diese Vielfalt erhalten bleibt, müssen Weidetiere in unterschiedlichem Rhythmus auf den Flächen stehen. Auf diese Weise hat sich über viele Jahrtausende ein Rückkopplungsprozess in der Natur entwickelt.

Jeder Landwirt, der seine Tiere in der Offenlandhaltung hält, müsste aus umweltpolitischer Sicht hochgeschätzt werden. Wenn er es in Wolfsgebieten, unter schwierigeren Bedingungen fortsetze, sei es umso anerkennenswerter – besonders bei extensiver Beweidung „Daher ist es dringend notwendig, dass beispielsweise Wanderschäfereien, welche mit der Freilandhaltung von Schafen für unsere Gesellschaft einen sehr wichtigen Naturschutzdienst leisten, dies auch in Zukunft weiter tun, weil sie eine artenreiche und abwechslungsreiche Kulturlandschaft bewahren. Wenn die Motivation der Landwirte durch häufigere Wolfsangriffe auf das Vieh oder zu aufwendige Haltungsbedingungen in der Zukunft sinken würde und dies zu einer weiteren Industrialisierung der Tierhaltung führte, wäre das fatal für den Artenschutz und die nachhaltige Landwirtschaft“, sagt der Tierökologe.

Im „neuen Zusammenleben“ von Wölfen und Menschen nach über 250 Jahren müssten daher alle Menschen Kompromisse eingehen, um diese Koexistenz in unserer heutigen Kulturlandschaft zu ermöglichen. Diese Kompromissbereitschaft dürfe die Gesellschaft keinesfalls nur von den „praktisch betroffenen“ Interessengruppen fordern, sondern von allen Bürgern, Verbänden und behördlichen Entscheidungsträgern, die sich über die Rückkehr des Wolfs in unsere Fauna freuen und deren Ziel der Schutz und Erhalt einer artenreichen Landschaft ist.

Pressemitteilung der Universität Rostock / Wolfgang Thiel