Zwischen aktuellen Erfolgen und der Historie

Zurzeit steht der Radsport hoch im Kurs. Bei den „Europaspielen“ in Baku stehen dabei die Mountainbiker, BMXler und Straßen-Fahrer im Blickpunkt, wobei die Entscheidungen im Mountainbike eine Angelegenheit für die Schweiz waren. Jolanda Neff siegte bei den Frauen und Nino Schurter bei den Herren.

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Aber auch national gab es wichtige Wettkämpfe – die 129.Deutschen Meisterschaften auf der Bahn in Berlin. Dort überzeugten Athletinnen und Athleten vom Landesleistungszentrum Schwerin mit zehn Medaillen (dreimal Gold, viermal Silber, dreimal Bronze), wobei Lea Sophie Friedrich vom RST Dassow jeweils Gold im 500 Meter Zeitfahren (wJ) bzw. im Sprint (wJ) erkämpfte – ein großer Erfolg für den radsportlichen Stützpunkt in der Landeshauptstadt MV. Dazu schaffte Tobias Wächter (Schweriner Sportclub) mit dem „Track Team Brandenburg“ ebenfalls Gold im Teamsprint.

Wie beurteilt nun aber Rad-Landestrainer Erich Eichberg diese Wettkämpfe?!

E. Eichberg über die radsportlichen Herausforderungen im Sportsommer 2015

„Starke Talente am Landesleistungszentrum Schwerin…“

Frage: Die Deutschen Bahn-Meisterschaften waren ein großer Erfolg aus Schweriner Sicht. Wie lautet Ihr persönliches Resümee zu den Meisterschaften?

Erich Eichberg: Bei diesen Meisterschaften wurde deutlich, dass am Landesleistungszentrum ambitionierte Nachwuchs-Athleten trainieren und auch die Trainingsarbeit dort sehr gut ist. Gerade die beiden Meistertitel von Lea Sophie Friedrich sind herausragend. Vor allem ihr Erfolg im 500 Meter-Zeitfahren überraschte. Sie war so wahnsinnig schnell unterwegs. Ihre Bestzeit stand ja vorher bei 38,5 Sekunden, in Berlin siegte Leah Sophie in 37,092 Sekunden. In der Sprint-Qualifikation war sie außerdem äußerst schnell und kam auf 12,4 Sekunden. Zum Vergleich: Die Norm für die Junioren-WM liegt bei 12,5 Sekunden… Lea Sophie ist schon ein ganz großes Talent!

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Frage: Wie präsentierte sich dabei Dominique Rene Anklam (früher HSG Uni Greifswald/jetzt Schweriner Sportclub), der noch zu internationalen Titelkämpfen in diesem Sommer will?

Erich Eichberg: In Berlin präsentierte sich Dominique Rene Anklam in ausgezeichneter Form. Zwar reichte es leider nicht zu einem Erfolg, aber der frühere Athlet der HSG Uni Greifswald erkämpfte vier Medaillen, so zweimal Silber im Keirin bzw. 1000 Meter-Zeitfahren und zweimal Bronze in den Konkurrenzen im Team-Sprint. Zuvor hatte Rene in dieser Saison schon bei den BDR-Sichtungsrennen in Frankfurt/Oder im April, beim Cottbuser Sprint-Cup und beim BDR-Sprinter-Cup in Rostock insgesamt vier Siege eingefahren. Für ihn sind die Höhepunkte 2015 die Junioren-EM in Athen und vor allem die Junioren-WM in Astana vom 19.August bis 23.August.

Frage: Stefan Nimke und Kai Kruse streben ja zu den Paralympics 2016 in Rio und konnten in diesem Jahr WM-Dritte im Para-Cycling werden. Wie sieht deren Qualifikationsweg nach Rio aus?

Erich Eichberg: Wir gehen schon fest davon aus, dass die Beiden in Rio dabei sein werden. Bei den Para-WM in Apeldoorn lief es für das Duo ja hervorragend – Platz drei ist ganz große Klasse. Ob es dann für Gold reichen wird?! Das wird extrem schwierig, denn die britischen Weltmeister Neil Fachie/Peter Mitchell sind extrem stark. Aber um eine paralympische Medaille sollten Kai und Stefan schon mitfahren. Stefan war ja übrigens auch vor Ort bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin und fungierte dort, neben aktiven Einsätzen, auch schon als Betreuer, der die anderen Sportlerinnen bzw. Sportler bei deren Vorbereitungen unterstützte. Perspektivisch strebt Stefan ja eine Karriere als Trainer an, aber erst einmal steht Rio 2016 im Fokus.

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Frage: Zurzeit finden die „Europaspiele“ in Baku statt – auch mit radsportiven Wettkämpfen. Welchen Stellenwert haben aus Ihrer Sicht diese Spiele?

Erich Eichberg: Diese Spiele müssen erst wachsen und reifen. Die Sportlerinnen und Sportler, die in Baku teilnehmen, werden sich sicherlich über jede errungene Medaille freuen. Es wird sich zeigen, wie sich die Akzeptanz und Resonanz der „Europaspiele“ entwickeln wird, welche Bedeutung diese künftig haben werden. Vielleicht stehen irgendwann auch Bahn-Radsport-Wettkämpfe auf dem Programm. Aktuell verfolge ich das Geschehen in Baku zwar schon, aber die kommenden Wettkämpfe unserer Nachwuchs-Bahn-Radsportlerinnen und -Radsportler sind für mich wichtiger. Da geht es um Wertungspunkte auch für den hiesigen Verband!

Vielen Dank und maximale sportliche Erfolge im Sportsommer 2015!

Blick zum Straßen-Radsport und dessen WM

Aber nicht nur auf der Rad-Bahn wird es im Sommer ereignisreich. Auch die Straßen-Radsportlerinnen und -Radsportler sind gefordert.

In drei Monaten folgen dabei ganz wichtige Welt-Titelkämpfe… Vom 20.September bis 27.September ruft Richmond in den USA die besten Radfahrerinnen und Radfahrer auf die WM-Straße und aus aller Welt werden die Athletinnen bzw. Athleten mit ihren Zweirädern kommen.

Richmond ist dabei eine wichtige Standortbestimmung inmitten des olympischen Zyklus 2012-2016, denn im nächsten Jahren werden ja die nächsten Olympischen Spiele in Rio ausgetragen. Auch der Rostocker Andre Greipel dürfte wieder zum Aufgebot des Bundes Deutscher Radfahrer gehören…

Radeln bei WM und Deutschland… Das waren in der Vergangenheit durchaus Erfolgsmomente, wobei der Radsport – aus eigenem Verschulden – oft nicht die besten Schlagzeilen hatte.

Olympische Radsport-Momente bei den Herren

Seit 1896 gibt es – mit Unterbrechungen – olympische Straßen-Einzel-Entscheidungen bei den Männern. Und die „großen Vier“ waren dominierend: Italien, Deutschland, Frankreich und Russland.

Für Italien gab es bereits 5 Olympiasiege und insgesamt sieben Medaillen (5 x G/2 x S), gefolgt von Deutschland mit zweimal Gold und insgesamt 7 Medaillen (2 x G/2 x S/3 x B), Frankreich mit zweimal Gold und insgesamt vier Medaillen (2 x G/2 x S) und Russland mit zweimal Gold und insgesamt vier Medaillen (2 x G/2 x B).

Zwischen Athen 1896 und London 2012 erkämpften 21 Länder olympisches Edelmetall im Herren-Einzel-Straßenrennen, darunter 12 Staaten eine oder mehrere Goldmedaillen. Radfahrer aus Europa errangen dabei 50 von 56 Medaillen. Lediglich die USA (eine Medaille), Australien (eine Medaille), Kanada (eine Medaille), Kolumbien (eine Medaille) und Kasachstan (zwei Medaillen) konnten in diese Phalanx einbrechen. Für die Vereinigten Staaten erkämpfte 1984 in Los Angeles Alexi Grewal den Sieg und für Kasachstan belegte 2012 in London Alexej Winokurow Platz eins – die einzigen Olympia-Gold-Medaillen im Straßen-Einzel-Rennen für Nicht-Europäer.

Bekannte Olympiasieger in der Straßen-Entscheidung sind unter anderem Aristidis Konstantinidis (Griechenland) 1896, Wiktor Kapitonow (UdSSR) 1960, Hennie Kuiper (Niederlande) 1976, Sergej Suchorutschenkow (UdSSR) 1980, Pascal Richard (Schweiz) 1996, Samuel Sanchez (Spanien) 2008 und natürlich – aus deutscher Sicht – Olaf Ludwig 1988 und der gebürtige Rostocker Jan Ulrich 2000, der später leider für weniger erfreuliche Schlagzeilen sorgen sollte. Die deutschen Herren „schürften“ hingegen – neben Gold 1988 und 2000 – Silber u n d Bronze: Silber für August Gödrich 1896, Silber für Bernd Gröne 1988, Bronze für Edi Ziegler 1952, Bronze für Christian Henn 1988, Bronze für Andreas Klöden 2000.

Zwischen 2009 und 2012 ganz stark – die Briten, Australier und Andre Greipel

In der letzten Olympiade, dem Zeitraum zwischen den Spielen 2008 und 2012, waren insbesondere die Welt-Titelkämpfe 2009, 2010 und 2011 wichtige sportliche Orientierungen im Hinblick auf London.

2009 setzte sich in Mendrisio der Australier Cadel Evans durch, 2010 folgte in Geelong der Norweger Thor Hushovd und 2011 war der Brite Mark Cavendish in Kopenhagen der Beste.

Für die Australier gab es dabei zwischen 2009 und 2011 einen kompletten Medaillen-Satz: Nach dem Gold durch Cadel Evans errangen Allan Davis 2010 Bronze und Matthew Goss 2011 Silber.

Auch Andre Greipel sicherte sich einen Podestplatz: Bei den WM 2011 ging Bronze an den Hanseaten. Beim Olympia-Rennen in London triumphierten aber andere: Alexander Winokurow (Kasachstan) vor Rigoberto Uran (Kolumbien) und Alexander Kristoff (Norwegen).

Nach Olympia 2012

Nach Olympia 2012, bei den WM 2012 in Valkenburg und 2013 in Florenz, gingen indes die Podestplätze an Philippe Gilbert (Belgien), Edvald Bpasson Hagen (Norwegen) bzw. Alejandro Valverde (Spanien) und Rui Costa (Portugal), Joaquim Rodriguez (Spanien) bzw. erneut Alejandro Valverde (Spanien).

Weltmeisterliche Historie – Straßen-Radsport-Einzel der Herren

Zwischen 1921 und 1995 fanden im Straßen-Radsport (Einzel der Männer) auch separate Weltmeisterschaften für Amateure statt, bis die Radsportfunktionäre einsahen, dass es zwischen „offiziellen Profis“ und „inoffiziellen Staatsamateuren“ eigentlich keine Unterschiede mehr gibt… Ein langer Denkprozess zwar, aber seit 1996 dürfen sich die besten Radfahrer messen, die neben ihren radsportlichen Arbeitsgeräten kaum andere berufliche Verpflichtungen haben.

Bei den so genannten Amateur-Welt-Titelkämpfen im Männer-Straßen-Einzel waren jedenfalls Italien (19 Titel), Deutschland (8 Titel, davon DDR 7 und das vereinte Deutschland 1 Titel), Frankreich sowie die Niederlande (je 7 Titel), Belgien (5 Titel), Dänemark, die Schweiz und Polen (je 4 Titel) die erfolgreichsten Nationen, wobei 66 der 68 Amateur-WM-Titel an Europa gingen. Lediglich der Australier Jack Hobbin (1950) und der Amerikaner Alexi Grewal (1984/gleichzeitig Olympiasieg) sorgten für nicht-europäische Erfolge.

Aus deutschem Blickwinkel jubelten bei den weltmeisterlichen Amateuren sieben Athleten: 1958 sowie 1959 jeweils Täve Schur, 1960 Bernhard Eckstein, 1982 Bernd Drogan, 1983, Uwe Raab, 1986 Uwe Ampler, 1988 (gleichzeitig Olympiasieg) Olaf Ludwig und 1993 der Rostocker Jan Ulrich.

Bei den Profis im Straßen-Einzel seit 1927 ff. dominierte und dominiert Belgien mit 48 Medaillen, davon 26 x Gold, vor Italien mit 55 Medaillen, davon 19 x Gold, Frankreich mit 34 Medaillen, davon 8 x Gold, Spanien mit 22 Medaillen, davon 5 x Gold, die Niederlande mit 17 Medaillen, davon 7 x Gold, Deutschland mit 15 Medaillen, davon 2 x Gold (durch Heinz Müller 1952 und Rudi Altig 1966), und die Schweiz mit 13 Medaillen, davon 3 x Gold.

Aus „Nicht-Europa“ schafften nur die USA (5 Medaillen, davon 3 x Gold durch Greg LeMond 1983/1989 sowie den mehr als bekannt-berüchtigten Lance Armstrong 1993), Australien (5 Medaillen, davon 1 x Gold durch Cadel Evans 2009) sowie Kanada (eine Medaille) Profi-WM-Plaketten im Herren-Straßen-Einzel.

In Ponferrada 2014 triumphierte der Pole Michal Kwiatkowski vor dem Australier Simon Garrans und dem Spanier Alejandro Valverde.

Der Belgier Eddy Merckx wurde übrigens viermal Straßen-Einzel-Champion: 1964 als Amateur sowie 1967, 1971 und 1974 als Profi.

Die Frauen bei olympischen Straßen-Einzel-Rennen

Erst seit 1984 dürfen die Frauen olympische Straßen-Einzel-Rennen bestreiten. Damals siegte die US-Amerikanerin Connie Paraskevin – und Sandra Schumacher aus Köln wurde Dritte. Danach hieß es „The Germans in Silver!“. Für Jutta Niehaus (1988), Hanka Kupfernagel (2000) und Judith Arndt (2004) war stets ein radsportlicher „Silberstreif“ am „olympischen Horizont“.

Das olympische Ranking im Frauen-Radsport (Einzel-Entscheidungen auf der Straße) führt die Niederlande mit 3 x Gold, 1 x Silber vor Australien mit 2 x Gold, den USA, Frankreich und Großbritannien mit jeweils 1 x Gold, 1 x Silber an.

Die letzten olympischen Zyklen

Im letzten olympischen Zyklus von 2009 bis 2012 die Italienerinnen eine Macht. Gold ging 2009 an Tatiana Guderzo. Zweimal, 2010 und 2011, war Georgia Bronzini die Nummer eins. Dazu gab es auch einmal Bronze 2009 für die italienische Damen-Mannschaft. Die „Niederlande“ wurden übrigens dreimal (!) Vize-Weltmeisterinnen in diesem Zyklus. Und das deutsche Team sicherte sich einmal Bronze 2011 – dank Ina-Yoko Teutenberg.

Bei den 2012er Spielen jubelte aber eine Niederländerin – Marianne Vos, vor Lizzie Armitstead (Großbritannien) und Olga Zabiliniskaja (Russland).

Nach den Spielen 2012 in Valkenburg bzw. 2013 in Florenz – Austragungsorte wie bei den Herren – war zweimal Marianne Vos vorn. 2012 gewann Marianne vor Rachel Neylan (Australien) und Elisa Longo Borghini (Italien) sowie 2013 vor Emma Johannsson (Schweden) und Rossella Ratto (Italien). Im letzten Jahr 2014 in Ponferrada wurde die Französin Pauline Ferrand-Prevot die Nummer eins vor Lisa Brennauer aus Deutschland und Emma Johansson (Schweden). Im Zeitfahren mit dem Team gab es 2014 auch Gold für die Wahl-Rostockerin Trixie Worrack. Dieses gewann Trixie mit der amerikanischen „Specialized-lululemon“-Mannschaft.

Blick in die WM-Historie im Straßen-Einzel bei den Damen

Seit 1958 ff. werden WM im Straßen-Einzel ebenfalls für Frauen angeboten und die erfolgreichsten Länder sind bislang die Niederlande mit 26 Medaillen, davon 9 x Gold), Italien mit 20 Medaillen, davon 5 x Gold, Frankreich mit 17 Medaillen, davon 10 x Gold, Belgien mit 16 Medaillen, davon 6 x Gold, und Deutschland mit 13 Medaillen, davon 5 x Gold.

Die deutschen WM-Triumphe gehen dabei auf das sportliche Konto von Elisabeth Eichholz (1965), Beate Habetz (1978), Ute Enzenauer (1981), Judith Arndt (2004) und Regina Schleicher (2005).

Medaillen für nicht-europäische Länder bei den Frauen erradelten seit 1958 die USA (10 Medaillen, davon 2 x Gold), Australien (4 Medaillen) und Kanada (2 Medaillen).

Für die USA gewannen Audrey McElmury (1969) und Beth Heiden (1980). Beth Heiden war zudem eine begnadete Eisschnellläuferin, die 1979 Mehrkampf-Weltmeisterin wurde, dazu 1 x Mehrkampf-Silber 1980, zweimal Sprint-Silber 1978/1979, einmal Sprint-WM-Bronze 1980 und einmal Olympia-Bronze 1980 über 3000 Meter errang.

Nun geht es aber nach Richmond – zum radsportlichen „Uncle Sam“.

Marko Michels

1./2.Foto/Erich Eichberg (Landestrainer/Radsport M-V): Stark präsentierten sich die jungen Talente vom Landesleistungszentrum in Schwerin bei den Deutschen Meisterschaften 2015 in Berlin.

3.Foto/Michels: Radsport-Asse aus Schwerin: Stefan Nimke und Tobias Wächter.