Hochsprung-Legende Rosemarie Ackermann mit doppeltem Jubiläum

Hochspringen der Frauen und Deutschland. Das hat auch bei Olympia eine ziemlich große Tradition. Die erste Medaille (Bronze) gewann in Berlin 1936 Elfriede Kaun vom Kieler Turn-Verein. Für das erste „hohe“ Frauen-Gold sorgte dann Ulrike Meyfarth (ASV Köln, Bayer Leverkusen) 1972 in München, einen Erfolg, den Ulrike Meyfarth 1984 in Los Angeles wiederholte. 1976 in Montreal, folgte die nächste olympische Goldene aus deutscher Sicht – für Rosemarie Ackermann vom SC Cottbus. Und Heike Henkel (Bayer Leverkusen) schaffte Olympia-Gold 1992 in Barcelona.

Die goldene Hochspringerin von 1976, Rosemarie Ackermann, die zudem am 26.August 1977 als erste Hochspringerin der Welt die 2 Meter übersprang, feiert nun Anfang April ihren „65.“…

Was macht Rosemarie Ackermann heute? Was verbindet sie mit ihren Olympiastarts?

Nachgefragt bei Rosemarie Ackermann

Rosemarie Ackermann über ihre grossen Erfolge, den historischen Zwei-Meter-Sprung, ihre Olympia-Teilnahmen, ihren Weg zum Hochspringen und die heutigen sportlichen Aktivitäten

Der Olympiasieg von 1976 „liegt höher“ als der historische Zwei-Meter-Sprung

Frage: Erst einmal einen feucht-fröhlichen Geburtstag! Vor mehr als 40 Jahren wurden Sie Olympiasiegerin, vor genau 40 Jahren waren sie die erste Frau, die 2 Meter übersprang… Welche Erinnerungen verbinden Sie mit beiden sportlichen Taten?

Rosemarie Ackermann: Der Olympiasieg ist für mich die sportlich wertvollere Leistung, weil es letztendlich der grösste sportliche Erfolg in meiner Karriere war. Dennoch ist es so, gerade bei den Journalisten, dass ich vorwiegend auf den 2,00 Meter-Sprung angesprochen werde. Das war auch in den Jahren nach meiner aktiven Sport-Karriere der Fall.

Allerdings: Beides liegt schon einige Jahrzehnte zurück. Beides ist ein Teil meiner Lebensbiographie, aber es ist auch „Geschichte“. Auch nach meiner Laufbahn führte ich ein interessantes, abwechslungsreiches Leben. Für mich gab und gibt es auch ein „Leben nach dem Hochsprung“!

Frage: Wann hatten Sie eigentlich den Drang zum Hochspringen? Wann sagten Sie sich: Das muß es sein…

Rosemarie Ackermann: Meine sportliche Karriere entwickelte sich eher durch Zufall. Eigentlich wollte ich Ballett-Tänzerin werden, schaffte auch die Aufnahme in die gewünschte Ballett-Schule. Leider gab es dort einen Todesfall und die Einrichtung wurde geschlossen.

Ich orientierte mich um, wollte mich sportlich betätigen und kam so zum Turnen, Handball und zur Leichtathletik. Gerade die leichtathletischen Disziplinen sagten mir zu, ob Weitsprung, Kugelstossen, Hochsprung, usw. Damals wurden die einzelnen Disziplinen noch kompakt sehr intensiv gefördert. Aber „irgendwann“ musste man sich ja für eine Disziplin entscheiden und für mich war es das Hochspringen, obwohl ich mich auch für das Weitspringen begeisterte.

Frage: Sie nahmen an den Olympischen Spielen 1972 in München, 1976 in Montreal und 1980 in Moskau teil. Wie erlebten Sie die drei Spiele – unabhängig vom sportlichen Erfolg? Was zeichnete die jeweiligen Spiele aus Ihrem persönlichen Blickwinkel aus?

Rosemarie Ackermann: Die Olympischen Spiele 1972 in München waren ja mein erster grosser internationaler Wettkampf überhaupt. Vorher hatte ich weder an Länderkämpfen noch EM teilgenommen. Es war faktisch die erste internationale Bewährungsprobe für mich und zugleich – aufgrund der positiven Erlebnisse – die Initialzündung für mich, meine sportliche Karriere als Hochspringerin weiter intensiv fortzusetzen, mich „reinzuknien“.

In Montreal 1976 war ich dann schon Mit-Favoritin, hatte also schon gewisse Erfolgserwartungen geschürt, die ich dann auch erfüllen konnte – der erwähnte grösste Erfolg als Sportlerin. Nach Montreal 1976 wollte ich meine Karriere allerdings schon beenden. Man überredete mich jedoch bis Moskau 1980 weiter zu machen, weil erfolgreiche Nachfolgerinnen fehlten. Bei den Spielen 1980 gab es dann Rang vier, eigentlich eine gute Platzierung. …Für mich war es seinerzeit aber eine Enttäuschung, denn ich wollte schon Edelmetall erringen.

Frage: Wie halten Sie sich aktuell sportlich noch fit? Nehmen Sie an Masters-Meisterschaften oder anderen Wettkämpfen noch teil?

Rosemarie Ackermann: Ich bin da nicht mehr aktiv. Das geht bei anderen Sportarten, wie Radsport oder Rudern, aber wenn man Hochspringen nicht mehr trainiert, ist die Verletzungsgefahr einfach zu gross. Mit dem Ende meiner sportlichen Karriere 1980 habe ich keine Hochsprünge mehr absolviert, dieses Kapitel meines Lebens  war damit für mich abgeschlossen. Nach 1980 spielte ich gemeinsam mit meinem Mann aber noch einige Jahre Tennis.

Letzte Frage: Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei den Hochspringerinnen und Hochspringern in Deutschland? Wer hat aus Ihrer Sicht  das Potenzial, einmal bei Olympia ebenfalls im Hochspringen ganz oben zu stehen?

Rosemarie Ackermann: Es gibt nicht mehr die grosse Breite im Hochspringen, wie das früher in beiden Teilen Deutschlands der Fall war. Insbesondere in den leichtathletischen Disziplinen ist Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen gefragt, weil sich Erfolge, wenn überhaupt, erst nach Jahren einstellen können. Das schreckt nicht wenige wohl ab. Zudem ist die Konkurrenz der „Fun-Sportarten“ groß, denen sich viele Sport-Talente heute zuwenden.

Marie-Laurence Jungfleisch, der deutschen Hochsprung-Hoffnung, drücke ich beide Daumen, dass ihre Karriere als Hochspringerin weiter erfolgreich verläuft und es für sie auch Medaillen bei kommenden internationalen Wettkämpfen geben wird. Vielleicht setzt sie die deutsche Frauen-Hochsprung-Tradition von Ulrike Meyfarth, Heike Henkel und mir ja fort?! Das wäre schön…

Vielen Dank, alles erdenklich Gute und weiterhin maximale Erfolge!

Zur Info: Die Erfolgsbilanz der deutschen Hochspringerinnen bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Europameisterschaften

Bei Olympischen Spielen werden seit 1928 Olympiasiegerinnen im Hochsprung ermittelt. Hochsprung-Europameisterinnen werden seit 1938 gekürt und seit den ersten Leichtathletik-WM 1983 gibt es auch Hochsprung-Weltmeisterinnen.

Deutsche Hochspringerinnen erkämpften bei Olympia, WM und EM zwischen 1928 und 2016 insgesamt 8 x Gold, 3 x Silber, 8 x Bronze.

Bei Europameisterschaften lauteten die deutschen Medaillengewinnerinnen wie folgt: 1938 Bronze durch Feodora Gräfin zu Solms-Baruth, 1974 Gold durch Rosemarie Ackermann, 1978 Silber durch Rosemarie Ackermann bzw. Bronze durch Brigitte Holzapfel, 1982 Gold durch Ulrike Meyfarth, 1990 Gold durch Heike Henkel, 1998 Bronze durch Alina Astafei und 2010 Bronze durch Ariane Friedrich.

Fünf Medaillen schafften deutsche Hochspringerinnen von 1983 bis 2015 bei Welt-Titelkämpfen, so Silber durch Ulrike Meyfarth 1983, Bronze durch Susanne Beyer 1987, Gold durch Heike Henkel 1991, Silber durch Alina Astafei 1995 und Bronze durch Ariane Friedrich 2009.

Eine Medaille mehr als bei EM gelang den deutschen Hochspringerinnen „unter den fünf olympischen Ringen“ mit Bronze 1936 durch Elfriede Kaun, Gold durch Ulrike Meyfarth 1972, Gold durch Rosemarie Ackermann 1976, Bronze durch Jutta Kirst 1980, Gold wiederum durch Ulrike Meyfarth 1984 und Gold durch Heike Henkel 1992.

> Hochsprung der Frauen – ein historischer Abriss <

Erfolgreiche Hochspringerinnen aus M-V

Aus M-V  kamen in der Vergangenheit auch zahlreiche herausragende Hochspringerin, so die Ostzonen-Meisterin 1948 Gehrke aus Rügen oder die DDR-Meisterin 1950 Karsten von Einheit Rostock.

DDR-Meisterinnen bzw. Deutsche Meisterinnen im Hochsprung aus Mecklenburg-Vorpommern waren zudem Ilse Leupold (SC Empor Rostock) 1955 und Heike Balck (SC Traktor Schwerin, Schweriner SC) 1989, 1990, 1994 bzw. 1997. Heike Balck wurde ferner Junioren-WM-Dritte 1987, Hallen-WM-Dritte 1991, EM-Fünfte 1990, EM-Sechste 1994, Weltcup-Vierte 1994 und Europacup-Erste 1997.

Die Wismarerin Kerstin Brandt, geborene Dedner, Mitglied des SC Empor Rostock) ist ebenfalls eine erfolgreiche Hochspringerin aus dem deutschen Nordosten. Sie triumphierte 1979 bei den Junioren-EM, belegte Rang fünf bei den ersten Leichtathletik-WM 1983 und kam bei DDR-Meisterschaften 1987 bzw. 1988 jeweils auf Rang drei.

Die 1970er und 1980er Frauen-Hochsprung-Jahre für M-V

In den 1970ern und 1980ern bestimmten ausserdem einige Athletinnen des SC Empor Rostock die Entwicklung des Frauen-Hochsprungs in der DDR massgeblich mit, so Renate Siefke, Ursula Schikorra, Bärbel Müller und Barbara Brauns. Rita Gildemeister, die 1947 im Güstrower Stadtteil Klüß zur Welt kam, bei Lok Güstrow ihre sportliche Karriere begann sowie dann für den SC Leipzig startete, wurde 1964 Erste der Europäischen Juniorspiele, 1965 DDR-Meisterin, 1972 bzw. 1973 jeweils Zweite der Hallen-EM und nahm 1972 an den Olympischen Spielen in München teil.

Rita Gildemeister war in den 1970ern neben Ulrike Meyfarth, Rita Schmidt, verheiratete Kirst, und Rosemarie Witschas, verheiratete Ackermann, die beste deutsche Hochspringerin.

Unvergessliche Momente und packende Duelle: Die Hochspringerinnen Ulrike Meyfarth, Sara Simeoni und Rosemarie Ackermann

Die goldene Hochspringerin von 1976, Rosemarie Ackermann, die zudem am 26.August 1977 als erste Hochspringerin der Welt die 2 Meter übersprang, feiert nun Anfang April ihren „65.“…

Und ihre Erfolge sind legendär. Sie prägte – neben UlrIke Meyfarth und der Italienerin Sara Simeoni – den Frauen-Hochsprung zwischen 1970 und Anfang der 1980er nachhaltig mit.

Die 1970er und früheren 1980er waren ohnehin besondere Jahre für das deutschen Hochspringerinnen, ob aus West oder Ost.

Von Ulrikes Goldsprung 1972…

Bei Olympia 1972 in München setzte sich damals sensationell die erst sechzehnjährige Ulrike Meyfarth (1,92 Meter) durch und auch die anderen deutsche Hochspringerinnen kamen unter die Top 15: Rita Schmidt auf Rang fünf (1,88 Meter), Rosemarie Witschas auf Rang sieben (1,88 Meter), Ellen Mundinger auf Rang zehn (1,85 Meter), Rita Gildemeister auf Rang zwölf (1,85 Meter) und Renate Gärtner auf Rang vierzehn (1,85 Meter).

…zu Rosemaries Goldsprüngen 1974-1977

Zwei Jahre später, bei den EM 1974 in Rom, gab es dann goldene Augenblicke für Rosemarie Ackermann, die 1,95 Meter übersprang und damit triumphierte (Dritte Sara Simeoni).

In Montreal 1976 folgte der größte Triumph in der Karriere von Rosemarie Ackermann, der Olympiasieg… Sie schaffte 1,93 Meter und verwies damit Sara Simeoni (Italien) und Jordanka Blagoewa (Bulgarien) auf die anderen Medaillenplätze.

1977 – ein historischer Weltrekord und ein Weltcup-Sieg

Wiederum ein Jahr später, Anfang September 1977, beim ersten Leichtathletik-Weltcup in Düsseldorf jubelte die Cottbusserin erneut. 1,98 Meter lautete die Siegeshöhe und sie distanzierte Sara Simeoni (Italien) damit auf Rang zwei. Für den magischen, ja historischen Moment in ihrer sportlichen Karriere sorgte Rosemarie Ackermann jedoch eine Woche zuvor. Beim ISTAF Ende August 1977 schrieb sie Leichtathletik-Geschichte: Zum ersten Mal gelang es einer Hochspringerin, die 2,00 Meter zu meistern…

Der Zweikampf Simeoni-Ackermann 1978-1980

In den Folgejahren beherrschte das Duell Rosemarie Ackermann-Sara Simeoni das Frauen-Hochspringen…

Die Italienerin revanchierte sich für die Weltcup-Niederlage 1977 dann bei den EM 1978 in Prag. Sara Simeoni stellte den damals gültigen Weltrekord von 2,01 Meter ein und gewann vor Rosemarie Ackermann. Beim Weltcup 1979 in Montreal gab es im Duell Ackerman-Simeoni „eine lachende Dritte“: Die Kanadierin Debbie Brill belegte Rang eins. Sara Simeoni wurde Zweite, Rosemarie Ackermann Vierte.

Diesen Rang, also Platz vier, war dann auch die Ausbeute von Rosemarie Ackermann, die übrigens 1973, 1974, 1976, 1977, 1979 bzw. 1980 jeweils DDR-Hochsprung-Meisterin wurde, bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. Der Olympiasieg ging – wie sollte es anders sein – an Dauer-Rivalin Sara Simeoni, die 1,97 Meter überquerte.

1984 in L.A. – Ulrike vor Sara

Nach den 1980er Spielen beendete Rosemarie Ackermann ihre Karriere. Vier Jahre später, 1984 in Los Angeles, folgte der Zweikampf Ulrike Meyfarth gegen Sara Simeoni, die bereits bei Olympia 1972 Rang sechs geschafft hatte, den Ulrike Meyfarth für sich entschied. Die Olympiasiegerin von 1972 (Meyfarth) schaffte 2,02 Meter, die Olympiasiegerin von 1980 (Simeoni) kam auf 2,00 Meter.

Ja, das Frauen-Hochspringen bestach damals durch spektakuläre Wettkämpfe…

Last but not least: Vielleicht gibt es ja bald auch für M-V wieder gute Erfolge im Elite-Bereich des Frauen-Hochsprungs?! Erfolgreiche Hochsprung-Talente im Frauenbereich aus M-V sind gegenwärtig unter anderem Maja Küßner (1.LAV Rostock) und Merle Wolf (Schweriner SC).

Marko Michels

Foto (Michels): Im Berliner Olympiastadion sprang Rosemarie Ackermann 1977 den Weltrekord über 2,00 Meter.