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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Der Kanu-Rennsport in M-V im Blickpunkt

Runde Jubiläen für Neubrandenburger Kanuten

Vor 40 Jahren, bei den Olympischen 1976 in Montreal, schrieben Kanutinnen und Kanuten aus Mecklenburg-Vorpommern Sportgeschichte. Erstmals gelang es Kanu-Rennsportlerinnen und Kanu-Rennsportlern eines mecklenburgischen bzw. vorpommerschen Vereines Olympia-Gold zu erkämpfen: Rüdiger Helm, Bernd Olbricht und Carola Zirzow vom SC Neubrandenburg.

Imponierende Bilanz der Kanu-Troika

Die gesamte olympische Bilanz dieses Trios ist schon imponierend. Rüdiger Helm erkämpfte 1976 in Montreal bzw. 1980 in Moskau dreimal Gold, dreimal Bronze: Gold 1976 im Kajak-Einer über 1000 Meter, Bronze 1976 im Kajak-Einer über 500 Meter bzw. Bronze 1976 im Kajak-Vierer über 1000 Meter, Gold 1980 im Kajak-Einer über 1000 Meter, Gold 1980 im Kajak-Vierer über 1000 Meter und Bronze 1980 im Kajak-Zweier über 500 Meter.

Zwei Goldene für Rüdiger Helm auch bei den „Druschba“-Wettkämpfen 1984

Da es im Jahr 1984 den Olympia-Boykott des „Ostblocks“ gab, unter anderem nahmen die Sowjetunion, die DDR und Kuba nicht an den Spielen in Los Angeles teil, wurden seitens der realsozialistischen Staatengemeinschaft dezentral organisierte „Gegen-Spiele“ veranstaltet, die Wettkämpfe der Freundschaft. Die Entscheidungen im Kanu-Rennsport wurden dabei in Berlin-Grünau ausgetragen. Dort setzte sich Rüdiger Helm im Kajak-Einer über 1000 Meter und im Kajak-Vierer über 1000 Meter durch. Seine olympischen Gold-Chancen in Los Angeles wurden ihm aber genommen…

„Goldene“ auch für Bernd Olbricht und Carola Zirzow

Bernd Olbricht kann ebenfalls auf eine ausgezeichnete Olympia-Bilanz verweisen. Bei den Olympischen Spielen 1976 und 1980 errang Bernd Olbricht Gold 1976 im Kakak-Zweier über 500 Meter, Silber 1976 im Kajak-Zweier über 1000 Meter, Gold 1980 im Kajak-Vierer über die 1000 Meter und Bronze 1980 im Kajak-Zweier über 500 Meter.

Carola Zirzow ist hingegen die erste Kanu-Rennsportlerin mit olympischem Gold in dieser Sportart. Sie wurde 1976 Erste im Kajak-Einer über 500 Meter und damals auch Dritte, zusammen mit Bärbel Köster (ebenfalls SC Neubrandenburg), im Kajak-Zweier über 500 Meter. Da sie eine gute Bekanntschaft zum italienischen Weltklasse-Kanuten Oreste Perri hatte – nach damaliger Lesart zum „Klassenfeind“ – mußte sie ihre leistungssportliche Karriere unmittelbar nach Montreal beenden. Auch Carola Zirzow wurde um ihre weitere sportliche Karriere – auf unfairste Art und Weise – betrogen.

Zwischen Montreal 1976, Moskau 1980, Los Angeles 1984 und Berlin-Grünau 1984

Sowohl die Kanu-Wettkämpfe in Montreal 1976, in Moskau 1980 und in Berlin-Grünau wurden von der DDR und der UdSSR dominiert. 1976 schafften die UdSSR sechsmal Gold, dreimal Silber bzw. die DDR dreimal Gold, einmal Silber, dreimal Bronze. 1980 holten die UdSSR viermal Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze bzw. die DDR viermal Gold, einmal Silber, dreimal Bronze und 1984 erlangten die DDR sechsmal Gold, fünfmal Silber, einmal Bronze bzw. die UdSSR sechsmal Gold, dreimal Silber, einmal Bronze.

Von Montreal 1976…

Ansonsten konnten sich in Montreal 1976 mit Rumänien, Jugoslawien, Ungarn, Kanada, Polen und Spanien weitere sechs Länder Kanu-Medaillen sichern. Der Kroate Matija Lubek belegte Platz eins im Canadier-Einer über 1000 Meter und der Rumäne Vasile Diba im Kajak-Einer über 500 Meter. Für die kanadischen Olympia-Gastgeber 1976 gewann John Wood im Canadier-Einer über 500 Meter Silber.

…über Moskau 1980…

Moskau vier Jahre später wurde vom Olympia-Boykott des „Westblocks“ überschattet. Dennoch hatten die 1980er Spiele ein hervorragendes Niveau. Auch in Moskau 1980 schafften neben der Sowjetunion und der DDR weitere sechs Länder olympische Medaillen-Erfolge im Kanu-Sport, so Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Spanien, Australien und Frankreich. Goldmedaillen verzeichneten aus nicht-sowjetischer und nicht-ostdeutscher Sicht Laszlo Foltan bzw. Istvan Vaskuti (Ungarn) im C 2 über 500 Meter, Ljubomir Ljubenow (Bulgarien) im C 1 über 1000 Meter und Ivan Patzaichin bzw. Toma Simionov (Rumänien) im C 2 über 1000 Meter. Für Australien jubelte John Sumegi über Silber im K 1 über 500 Meter.

…bis Los Angeles 1984 und Berlin-Grünau 1984

Das erfolgreichste Kanu-Land der vom „Ostblock“ boykottierten Olympischen Spiele 1984 in Los Los Angeles war Neuseeland mit 4 x Gold, wobei Ian Ferguson allein dreimal Gold errang (K 1 über 500 Meter, K 2 über 500 Meter und K 4 über 1000 Meter). Aus (west-)deutscher Sicht gab es Gold durch Ulrich Eicke im C 1 über 1000 Meter, Silber durch Barbara Schüttpelz im K 1 über 500 Meter und Bronze durch Barbara Schüttpelz bzw. Josefa Idem im K 2 über 500 Meter. Die schwedische Kanutin Agneta Andersson jubelte in L.A. über 2 x Gold, 1 x Silber.

Bei den eingangs erwähnten Kanu-Entscheidungen in Berlin-Grünau, den „Wettkämpfen der Freundschaft“, 1984 holten neben der DDR bzw. der Sowjetunion auch Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei und Kuba Edelmetall. Die Ungarin Rita Koban, beispielsweise, kam in Berlin-Grünau im K 1 über 500 Meter auf Rang zwei – hinter Birgit Fischer, die zwischen 1980 und 2004 bei Olympia zu insgesamt 8 x Gold, 4 x Silber „paddelte“ und bei den „Wettkämpfen der Freundschaft“ 1984 auf 2 x Gold, 1 x Silber kam – damals, in Berlin-Grünau, die mit Abstand beste Kanutin. Wie Rüdiger Helm, zusammen mit Sergej Superata und Viktor Pusev (beide Sowjetunion), bei den Kanuten…

Runde „60.“ für Rüdiger Helm und Bernd Olbricht

Rüdiger Helm wird nun am 6.Oktober junge „60“. Am 17.Oktober folgt Bernd Olbricht, der ebenfalls auf junge „60 Lenze“ kommen wird. Bereits vor zwei Jahren feierte Carola Zirzow ihr 60.Kanu-Jahr.

Der SC Neubrandenburg ist seit nunmehr fast 50 Jahren eine „erste Adresse“ weltweit in puncto Kanu-Rennsport, sammelte seit 1970 bis zum heutigen Tag zahlreiche Medaillen und Erfolge bei europameisterlichen, weltmeisterlichen und olympischen Kanu-Regatten.

… Wie beurteilt nun der Geschäftsführer des SC Neubrandenburg, Stefan Saager, den Kanu-Rennsport beim SC Neubrandenburg einst und heute?!

Nachgefragt

Stefan Saager über die Erfolge von Rüdiger Helm, Bernd Olbricht bzw. Carola Zirzow, die gegenwärtige sportliche Situation bei den Neubrandenburger Kanuten, den Kanu-Nachwuchs beim SCN, aktuelle Erfolge und die Zukunft des Kanu-Rennsportes in Neubrandenburg

„Sie haben Spuren hinterlassen…“

Frage: Zwei erfolgreiche Kanu-Rennsportler feiern im Oktober runde Jubiläen. Was verbinden Sie persönlich mit den olympischen Kanu-Regatten 1976 bzw. 1980 bzw. mit den Wettkämpfen der Freundschaft 1984 und deren erfolgreiche SCN-Protagonisten?

Stefan Saager: Auch wenn ich selbst erst 1982 das Licht der Welt erblickte, sorgen die Namen Rüdiger Helm, Bernd Olbricht und Carola Zirzow bei mir für ein Leuchten in den Augen. Dass der SC Neubrandenburg heute kein Sportverein wie jeder andere in der Stadt ist, der Mythos SCN, daran haben sie mit ihren Siegen einen entscheidenden Anteil.

Aber nicht nur im Verein, auch in der Stadt haben sie Spuren hinterlassen. Neubrandenburg nennt sich heute eine „Sportstadt“. Ob dies ohne die Leistungen der Jahre 1976, 1980 und 1984, ohne Rüdiger Helm, Bernd Olbricht und Carola Zirzow auch so wäre, wage ich zu bezweifeln.

Frage: Gibt es eigentlich noch enge Bindungen zwischen dem SC Neubrandenburg und den Kanu-Olympiasiegern 1976 bzw. 1980?

Stefan Saager: Die Kanu-Abteilung des SCN veranstaltet jedes Jahr zum 1. Mai und zum 3. Oktober ein An- bzw. Abpaddeln. Neben der Ehrung der aktiven, steht dabei vor allem die Verbindung mit den ehemaligen Athleten im Mittelpunkt.

Wir freuen uns dabei natürlich immer besonders über das Erscheinen der Olympiasieger. Auch für die Kinder ist es eine tolle Motivation, den Männern und Frauen, an deren Fotos in der Ehrengalerie sie täglich mit Ehrfurcht vorbeigehen, einmal persönlich gegenüberstehen zu dürfen.

Frage: Von der Vergangenheit in die Gegenwart… Wie beurteilen Sie die sportliche Situation in der Abteilung Kanu-Rennsport beim SC Neubrandenburg?

Stefan Saager: Was wurde in diesem Jahr nicht auf der Tatsache herumgeritten, dass kein SCN-Kanute nach Rio fahren durfte. Dabei greift das meiner Meinung nach viel zu kurz. Es wäre einfach, in anderen Bereichen, zum Beispiel bei der Jugend, zu sparen und sich einen sicheren Olympiafahrer einzukaufen.

Aber das war nie die Philosophie des SC Neubrandenburg. Wir wollen organisch wachsen und die eigene Jugend sukzessive an die Spitze bringen. Auch wenn es eine kurze Durststrecke gab, haben schon die Erfolge bei den diesjährigen Deutschen Meisterschaften bewiesen, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.

Frage: Es heißt ja – deutschlandweit – so schön: Die Jugend von heute mag sich sportlich nicht mehr schinden, hat nicht mehr die Motivation wie sie früher einmal üblich war und hockt lieber vor dem Computer… Ist der Zuspruch der jungen Kanu-Talente beim SC Neubrandenburg noch zahlreich vorhanden? Gibt es eventuell bald Nachfolgerinnen und Nachfolger von Rüdiger Helm, Bernd Olbricht, Carola Zirzow, Andreas Dittmer oder Martin Hollstein?

Stefan Saager: Neubrandenburg hat gerade im Kinder- und Jugendbereich einen außerordentlich hohen Organisationsgrad im Sport. Die Herausforderung ist zunächst also nicht die Kinder vom Computer wegzulocken, sondern sie und ihre Eltern davon zu überzeugen, dass unser Angebot das beste ist.

Die Kanu-Abteilung ist jedoch ganz vorn dabei, wenn es um die Gewinnung von jungen Talenten geht. Mit vielen Aktionen werden Kinder und Jugendliche im Rahmen von Hort, Schnupperpaddeln oder Ferienbetreuung mit den Kanu-Rennsport bekannt gemacht.

Dass sich der Aufwand lohnt, zeigen die hervorragenden Ergebnisse bei den Olympic Hope Games. Bei diesem Wettbewerb für Jugendliche, die das Potential haben einmal in die Fußstapfen der genannten Sportler zu treten, hatten die sechs teilnehmenden SCN-Athleten großen Anteil daran, dass die deutsche Mannschaft hinter Gastgeber Ungarn auf dem zweiten Platz landen konnte. Das macht mich außerordentlich zuversichtlich für die Zukunft des Kanu-Rennsports in Neubrandenburg.

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für den Kanu-Rennsport beim SCN und maximale Erfolge dabei!

Zur Info: Runde Kanu-Jubiläen gab und gibt es auch in Rostock. Die beiden ehemaligen Erfolgs-Kanutinnen des SC Empor Rostock Anke von Seck und Ramona Portwich feierten bzw. feiern ihre „50.“. Anke von Seck, geborene Nothnagel, wurde am 10.September 50. Sie gewann bei den Olympischen Spielen 1988-1992 insgesamt 3 x Gold, 1 x Silber, dazu 8 WM-Titel von 1987 bis 1991. Ramona Portwich wird hingegen am 5.Januar 2017 junge 50. Die gebürtige Rostockerin schaffte bei den Olympischen Spielen von 1988 bis 1996 insgesamt 3 x Gold, 2 x Silber, dazu 13 WM-Titel von 1987 bis 1995.

Marko Michels

 


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