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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Das war`s! Leichtathletik-WM in Peking beendet

Jubel, Trubel, Heiterkeit – auf und neben der Tartanbahn?!

Die 15.Leichtathletik-Weltmeisterschaften wurden mit dem heutigen Tag (30.August) zu den sportlichen Akten gelegt. Es wurde schnell gelaufen, weit geworfen und hoch gesprungen. Fast 2000 Athletinnen und Athleten aus 206 Ländern maßen die Kräfte, die hoffentlich alle auf natürlichem Weg entstanden sind. Das heißt – durch das angeborene Talent, durch fleißiges Training, eine ausgewogene Ernährung und eine positive Lebenseinstellung.

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47 Titel wurden feil geboten

47 WM-Titel wurden vergeben und eigentlich wollten die US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner wieder die „Pole Positionen“ im Medaillen-Ranking erobern. Aber: Es ist wie so oft im Leben, gerade im sportlichen Dasein: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…

USA nicht Erster

Team U.S.A. mußte eine Reihe von empfindlichen Niederlagen insbesondere auf den Lauf-Distanzen einstecken. Keine Medaillen in den traditionsreichen US-Disziplinen Herren-Weitsprung, Herren-Stabhochsprung, Herren-Hochsprung oder Herren-Diskuswerfen und und und – ein Desaster.

Am Ende belegten die USA mit 6 x Gold, 6 x Silber, 6 x Bronze gar nur Rang drei im Medaillenspiegel. Kenia wurde bestes Leichtathletik-Land mit 7 x Gold, 6 x Silber, 3 x Bronze vor Jamaika mit 7 x Gold, 2 x Silber, 3 x Bronze.

Insgesamt erkämpften 43 Länder WM-Medaillen, darunter 19 Staaten eine oder mehrere Goldmedaillen. Nicht einmal ein Viertel aller teilnehmenden Nationen gewann damit eine Plakette. Dominierten früher die „Großen Vier“, USA, DDR, Sowjetunion, Westdeutschland, so sind heute rund 20 Nationen, darunter viele afrikanische Länder, sehr stark. Einige Länder spezialisierten sich auf Einzel-Disziplinen, wie zum Beispiel Kolumbien im Dreisprung der Frauen (Weltmeisterin Caterine Ibarguen).

Kenia die neue Nummer eins?!

Auch Kenia ist und bleibt eine Lauf-Nation – vorzugsweise auf den mittleren und langen Kanten, auch wenn durch Julius Yego ein Überraschungserfolg im Speerwerfen gelang.

Die WM 2015 „im Detail“

Die läuferischen Herren

In den Lauf-Disziplinen der Herren holten Kenia 4 x Gold, 4 x Silber, 2 x Bronze und Jamaika 3 x Gold, 1 x Silber. Die USA enttäuschten mit 1 x Gold, 3 x Silber, 2 x Bronze.
Der Brite Mo Farah war wieder das „Maß aller Dinge“ über die 5000 Meter und 10000 Meter. Usain Bolt aus Jamaika triumphierte über 100 Meter, 200 Meter und über 4 x 100 Meter. David Rudisha aus Kenia lief am schnellsten über die 800 Meter. Den Marathonlauf entschied der Äthiopier Ghirmay Ghebreslassie für sich. Russlands Läufer-Ehre rettete Sergej Schubenkow über die 110 Meter Hürden.

Im Gehen waren Miguel Angel Lopez (Spanien / 20 Kilometer) und Matej Toth (Slowakei / 50 Kilometer) am besten. Wenigstens der „König der Athleten“, Ashton Eaton, kam aus den USA und beschloss seinen Wettkampf mit dem neuen Zehnkampf-Weltrekord von 9045 Punkten.

Polen mit besten Technikern

Zur besten Nation in den technischen Disziplinen der Herren avancierte Polen mit 2 x Gold, 4 x Bronze. Polnische Goldmedaillen gab es durch Piotr Malachowski im Diskuswerfen und Pawel Fajdek im Hammerwerfen. Je zweimal Gold im Technik-Bereich erkämpften ebenfalls Kanada (Shawnacy Barber im Stabhochspringen und Derek Drouin im Hochsprung) und die USA (Christian Taylor im Dreisprung und Joe Kovacs im Kugelstoßen).

Die läuferischen Frauen

In den Lauf-Wettkämpfen bei den Frauen waren Jamaika (4 x Gold, 1 x Silber, 2 x Bronze), Äthiopien (3 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze) und Kenia (2 x Gold, 2 x Silber, 1 x Bronze) die Top-Nationen.

Shelly-Ann Fraser-Price (Jamaika) gewann erwartungsgemäß die 100 Meter. Die „inoffizielle Miss Leichtathletik 2015“, Dafne Schippers (Niederlande), setzte sich über die 200 Meter durch. Die Amerikanerin Allyson Felix sicherte für die USA wenigstens den Erfolg über die 400 Meter. Die Äthiopierin Mare Dibaba distanzierte hingegen im Marathonlauf die Konkurrentinnen.

Für das Gastgeberland China sorgte die Geherin Liu Hong (20 Kilometer) für goldene Momente. Die Britin Jessica Ennis-Hill wurde beste Siebenkämpferin.

Deutschland mit besten Technikerinnen

In den Technik-Disziplinen bei den Frauen wurde – fast unbemerkt – Deutschland die erfolgreichste Nation mit 2 x Gold, 1 x Silber, gefolgt von Kuba mit 2 x Gold (Yarisley Silva im Stabhochspringen und Denia Caballero im Diskuswerfen). Die grazile Russin Marija Kuchina gewan das Hochspringen und die US-Amerikanerin Tianna Bartoletta das Weitspringen.

Deutschland im Blick

Überhaupt das deutsche Team. Es schnitt mit 2 x Gold, 3 x Silber, 3 x Bronze besser als befürchtet ab, aber wenn man aufrichtig zu sich selbst ist, dann fragt man sich dennoch: Was ist aus der einstigen Leichtathletik-Top-Nation Deutschland nur geworden?! Es gab in Peking für die DLV-Mannschaft sicher großartige Erfolgsmomente, aber auch zahlreiche bittere Enttäuschungen – bereits vor Peking… Die deutschen Staffeln laufen seit Jahren der Weltspitze hinterher, die immer besser wird. Warum wissen wir. Das, was andere machen, müssen wir nicht nachmachen. In diesem Fall gilt nicht: „Mach mit! Mach`s nach! Mach`s besser!“.

Keinen Sand in die Augen

Aber man sollte sich auch nicht Sand in die Augen streuen. Die sportliche Förderung, gerade in olympischen Kernsportarten, ist in Deutschland alles andere als optimal. Das „große Geld“ wird lieber in „Kirmes-Spottarten“ a la Profiboxen, Formel 1 sowie der „Profi-Fußballerei“ und von Getränkeherstellern erfundenen wie protegierten „Fun-Sportarten“ investiert. Zum Ruhme des Profits, aber alles andere als zur Ehre des aufrichtigen Sportes.

Wer keine echten beruflichen Perspektiven hat, um die Existenz kämpfen muß und den Kopf nicht frei für den Leistungssport hat, der besitzt jedoch keine Chance gegen die läuferischen Staatsprofis aus Kenia, Äthiopien oder Jamaika. …Die zu Hause alles bekommen, während der „Rest der Bevölkerung“ darben muß.

Imponierend ist die Medaillensammlerei der Kenianer, Äthiopier, Jamaikaner auf den Laufstrecken daher nicht. Es stimmt nur nachdenklich, wenn sportliche Leistungssprünge in Peking von den „Experten“ am Mikrofon hochgejazzt werden, obwohl bekannt und nachvollziehbar ist, wie diese zustande kommen. Seien wir jedoch ehrlich: Die Sportfreaks im Stadion oder vor dem TV-Bildschirm wollen eine Show präsentiert bekommen – und diese wird halt geliefert. Wie was zustande kam, interessiert kaum jemanden. Auch nicht, dass der Medaillenspiegel spätestens in ein paar Jahren wieder korrigiert wird.

Freude angebracht

Deutschland kann und sollte sich dennoch über die acht Medaillen freuen, die Katharina Molitor (Gold im Speerwerfen), Christina Schwanitz (Gold im Kugelstoßen), Raphael Holzdeppe (Silber im Stabhochspringen), David Storl (Silber im Kugelstoßen), Cindy Roleder (Silber über 100 Meter Hürden), Rico Freimuth (Bronze im Zehnkampf), Gesa Felicitas Krause (Bronze über 3000 Meter Hindernis) und Nadine Müller (Bronze im Diskuswerfen) gewannen. Alles sympathische Athletinnen und Athleten, die auch in Rio 2016 ihre Medaillen-Chancen haben sollten.

Blick aus M-V auf das Ganze

Was bliebe aus M-V-Sicht anzumerken? Bekanntermaßen nahm mit Martina Strutz nur eine Athletin aus M-V (vom Schweriner SC) teil. Die Vize-Weltmeisterin von 2011 wurde immerhin Achte. Die großen Zeiten der M-V-Leichtathletik scheinen jedoch Historie zu sein.

Blick zurück

Da kann man glatt noch einmal auf die Zeiten zurückblicken, als der Aufstieg der M-V-Leichtathletik nach dem Krieg so richtig begann…

– Sportliche Jubiläen wurden auch 2015 in großer Anzahl gefeiert. Im Frühsommer 2015 hatte Jürgen Schult seinen „55.“, Tennis-Star Boris Becker gewann vor 30 Jahren Wimbledon und auch Sportgrößen aus Mecklenburg-Vorpommern haben runde Festtage.

Horst Mann vor 60 Jahren mit Rekord

Vor 60 Jahren (1955) sorgte ein Rostocker, der in Neustettin geboren wurde, für eine ziemliche Überraschung, als er in 47,8 Sekunden den DDR-Meistertitel über die 400 Meter gewann. Horst Mann, Jahrgang 1927. Im Olympia-Jahr 1956 wiederholte er den Triumph, aber bereits zwei Jahre zuvor hatte er seine Stärken über die 400 Meter eindrucksvoll unter Beweis gestellt, als er bei den Weltsportspielen der Jugend Bronze erkämpfte und mit der 4 x 400 Meter DDR-Staffel sogar den ersten Platz erlief.

Horst Mann startete dabei in seiner sportlichen Karriere unter anderem für Einheit Rostock, die HSG Wissenschaft Greifswald und den SC Empor Rostock, wobei er den damaligen DDR-Rekord auf 47 Sekunden verbessern konnte.

Dazu der damalige junge Läufer Peter Schoenen, der gerade in seinen jungen Jahren große Erfolge feierte und später bei der Hochschulsportgemeinschaft Wismar arbeitete, unter anderem Marita Koch mitbetreute: „Horst Mann war damals schon ein Vorbild für uns junge Läufer. Er beeindruckte mit seinen Leistungen national und international. Wir freuten uns damals alle, dass einer von uns aus Mecklenburg die Qualifikation für Olympia schaffte. Horst Mann war ein Vorbild für uns.“

Beste Jahre 1954, 1955 und 1956

Seine besten Jahre hatte Mann 1954 bis 1956: So war es letztendlich keine Überraschung mehr, dass er zu jenen 37 Sportlerinnen und Sportlern der DDR (von 276) gehörte, die sich für das gesamtdeutschen Team qualifizieren konnten. Auch der 1931 in Skordiniza geborene Friedrich Janke, der nach 1945 zunächst in Mecklenburg lebte, gehörte zum deutschen Olympia-Aufgebot 1956 in Melbourne. Janke startete über 5000 Meter.

„Down Under“ war für beide mecklenburgische Läufer nicht die Offenbarung, beide kamen über die Vorläufe nicht hinaus. Friedrich Janke verpasste dann vier Jahre später, 1960 in Rom, eine Medaille denkbar knapp. Er wurde Vierter. Später trainierte er solche Weltklasse-Läuferinnen, wie Ulrike Bruns, Gunhild Hoffmeister oder Uta Pippig.

Den 400 Meter Lauf von Melbourne gewann der Amerikaner Charles Jenkins in 46,7 Sekunden vor Karl-Friedrich Haas, den gebürtigen Berliner, der für den 1.FC Nürnberg startete und den zeitgleichen Dritten Voitto Hellsten (Finnland) bzw. Ardalion Ignatjew (Sowjetunion). Über die 5000 Meter triumphierte Wladimir Kuz (Sowjetunion), der auch über die 10000 Meter siegte, in 13:39,6 Minuten vor Gordon Pirie (Großbritannien) und Derek Ibbotson (Großbritannien).

Auch wenn es mit einer Olympia-Medaille „Made in M-V“ 1956 noch nichts wurde. Erfreuliche olympische Schlagzeilen aus deutscher Sicht gab es dennoch. So gewannen die Kanuten Meinrad Miltenberger/Michel Scheuer im Zweier-Kajak die erste olympische Goldmedaille für deutsche Sportlerinnen und Sportler im Rahmen Olympischer Sommerspiele nach dem zweiten Weltkrieg. In Melbourne fanden diese ziemlich spät vom 22.November bis 8.Dezember 1956 statt. Im australischen Sommer, aber im deutschen Frühwinter sozusagen.

Melbourne 1956 hatte seine Reize

Dabei: Das erste „sommerliche Olympia-Gold“ für einen deutschen Sportler ging eigentlich an einen Reiter. Die strengen Quarantäne-Bestimmungen der Australier verhinderten die Einreise der Pferde auf den fünften Kontinent und so mußten die olympischen Medaillengewinner im Reitsport außerhalb Australiens ermittelt werden.

Vom 10. bis 17.Juni gab es daher „Olympische Reiterspiele“ in Stockholm, die zum Programm der XVI.Olympischen Sommerspiele gehörten. Dabei sorgten die deutschen Springreiter, allen voran Hans Günter Winkler auf „Halla“ für Furore. Trotz eines Leistenbruches und dank eines überragenden „Halla“ sicherte sich der Ausnahme-Reiter Gold im Einzel und auch im Team.

Die dann folgenden 1956er (Gesamt-)Spiele standen zunächst unter keinem guten Stern. Nach dem Aufstand in Ungarn und dem damit verbundenen Einschreiten der russischen Truppen forderten viele Länder einen Boykott der Spiele. Zudem sorgte die Suez-Krise für eine aufgeheizte politische Atmosphäre. Dennoch kam es zu keinem größeren Boykott, die meisten Sportlerinnen und Sportler aus Ost und West waren weiter als ihre Politiker zu Hause und schlossen grenzübergreifend Freundschaften.

Unrühmliche Ausnahme: Das Wasserballspiel zwischen Ungarn und der Sowjetunion, bei dem es Schlägereien innerhalb und außerhalb des Wassers gab.

Für die Highlights aus deutscher Sicht sorgten neben den Kanuten Meinrad Miltenberger/Michel Scheuer und Reiter Hans Günter Winkler auch der Turner Helmut Bantz mit Gold im Pferdsprung und Ursula Happe ebenfalls mit Gold im Schwimmen (200 Meter Brust).

Im Bantamgewicht erkämpfte Boxsportler Wolfgang Behrendt das erste Olympia-Gold für die DDR. Nach Abschluß der Olympischen Spiele in Melbourne war die Sowjetunion mit 37 x Gold, vor den USA mit 32 x Gold, Australien mit 13 x Gold, Ungarn mit 9 x Gold, Italien und Schweden mit jeweils 8 x Gold und dem gesamtdeutschen Team mit 6 x Gold die erfolgreichste Mannschaft.

Überschaubare Spiele mit herzlicher Atmosphäre

Die Stars der Spiele 1956, an denen mehr als 3300 Athleten (davon nur 376 Frauen) aus 72 Ländern teilnahmen, waren die russische Turnerin Larissa Latynina (4 x Gold) und die australische Leichtathletin Betty Cuthbert (3 x Gold).

Für „Gänsehaut-Feeling“ sorgte die Abschlussfeier in Melbourne. Auf Vorschlag des in Melbourne lebenden jungen Taiwan-Chinesen John Wing kamen als Ausdruck echter Völkerfreundschaft die Teams nicht streng geordnet nach Länder-Teams ins Stadion, sondern bunt gemischt, ohne Fahnen, Wimpel und nationalem Trara.

Melbourne 1956 – Olympia war damals eben noch relativ familiär und gemütlich. Und ein Wahl-Rostocker, Horst Mann, war mittendrin! Peking 2015 erscheint im Vergleich zu Melbourne 1956 da ganz einfach zu „optimiert“…

Marko Michels

Foto/Michels: Leichtathletische Tartanbahnen gibt es auch in Schwerin…


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