Beate Schlupp, erste Vizepräsidentin des Landtags MV, über die Gründung des Staates Israel 1948, die Bedeutung der deutsch-jüdischen Beziehungen und zunehmenden Antisemitismus in Deutschland

Vor 70 Jahren, am 14.Mai 1948 (nach dem jüdischen Kalender der 19.April), wurde der Staat Israel gegründet – auch als Reaktion auf den Holocaust. Mittlerweile gibt es nicht nur diplomatische, sondern vor allem persönlich-freundschaftliche Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Natürlich gibt es auch zahlreiche politische Kontakte zwischen den beiden Staaten. Die Vergangenheit bleibt indes unvergessen…

Beate Schlupp, erste Vizepräsidentin des Landtags MV, hielt am 25.Januar, bei der Gedenkveranstaltung an die Opfer des Nationalsozialismus im Landtag, eine bewegende, tiefgründige Rede zum dunkelsten Kapitel zwischen Deutschen und Juden, zu denen ja auch Deutsche jüdischen Glaubens, gehören.

MV-SCHLAGZEILEN fragte bei Beate Schlupp nach

Beate Schlupp zur Gründung des Staates Israel, über den Stellenwert bzw. die Bedeutung der deutsch-israelischen Beziehungen, über die Kontakte zwischen Parlamentariern aus Israel bzw. M-V, über die Jugendbegegnungstage in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und zunehmenden Antisemitismus in Deutschland

„Das Jubiläum zur Staatsgründung Israels ist ein Tag der Freude!“

Frage: Vor 70 Jahren wurde der Staat Israel gegründet… Was verbinden Sie persönlich mit diesem Jahrestag?

Beate Schlupp, Vize-Präsidentin des Landtages M-V / Foto: Landtag M-V

Beate Schlupp: Das Jubiläum zur Staatsgründung Israels ist ein Tag der Freude! Mit Israel verbinde ich zahlreiche schöne Erlebnisse und Erinnerungen. Viele Nachrichten und Fotos vom jüdischen Leben sind diese Tage in der Öffentlichkeit präsent. Sie vermitteln ein eindrucksvolles Bild dieser kulturell sehr facettenreichen Gesellschaft. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich dieser pluralistische Staat entwickelt und was die Menschen in den zurückliegenden Jahrzehnten geschaffen haben.

Doch die Erinnerung an die Gründung dieses Staates ist auch immer mit der Erinnerung an die Vergangenheit Deutschlands verbunden. Das unfassbare Leid des jüdischen Volkes während der Shoah, die Erfahrungen der jüdischen Überlebenden des Nationalsozialismus stehen in direkter Verbindung zur Gründung Israels.

Frage: Welche Bedeutung und welchen Stellenwert haben inzwischen die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland?

Beate Schlupp: Die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu einer engen Partnerschaft entwickelt. Wir führen Gespräche auf Augenhöhe und sind politisch, wirtschaftlich und kulturell fest mit der israelischen Gesellschaft verbunden. Wie bei jeder guten Freundschaft gibt es gelegentlich auch hier unterschiedliche Bewertungen politischer Fragen. Das halten beide Seiten aber gut aus.

Für Mecklenburg-Vorpommern haben die Beziehungen zu Israel einen hohen Stellenwert. Es freut mich sehr, dass israelische Firmen in unserem Land aktiv sind –  etwa die Firma Yamaton in Rostock, die besondere Paletten und Schutzverpackungen herstellt. Potential zur Steigerung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gibt es ganz sicher.

Große Bedeutung für beide Partner haben auch die kulturellen Verbindungen. Am Zentrum für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock wird zum Beispiel herausragende Arbeit geleistet. Dort bestehen enge Kontakte zu Musikerinnen und Musikern in Israel und es werden auch Fahrten für Schülerinnen und Schüler nach Israel organisiert, um die jüdische Kultur und jüdische Musik kennenzulernen.

Frage: Gibt es eigentlich gute, regelmäßige Kontakte von Parlamentariern aus Israel und aus M-V?

Das Schloss Schwerin, Sitz des Landtages M-V. M.M.

Beate Schlupp: Seit der ersten Wahlperiode pflegt der Landtag Beziehungen zu Israel. 1992 konstituierte sich erstmals die Deutsch-Israelische Parlamentariergruppe des Landesparlaments mit dem Ziel, bestehende Verbindungen zu vertiefen, Kenntnisse über Geschichte und Kultur des israelischen Volkes zu verbreiten und auch auf diese Weise einen Austausch von Juden und Nichtjuden zu fördern.

Unter der Leitung von Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider hat 2011 der Ältestenrat des Landtages Israel bereist, die Verbindungen zum Parlament des israelischen Staates vertieft und Kontakte zu Parlamentariern aufgebaut. Und auch auf hochrangiger diplomatischer Ebene gibt es gute Beziehungen.

Regelmäßig besuchen Gesandte der Israelischen Botschaft den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und verschiedene Veranstaltungen in unserem Land. Im Gegenzug werden Mitglieder des Landtages regelmäßig zu Veranstaltungen der israelischen Botschaft eingeladen.

Der stete und direkte Austausch zwischen Abgeordneten oder Fraktionen und israelischen Parlamentariern bietet viele Möglichkeiten, um Kooperationen in beiden Ländern voranzubringen. Der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel ist ein schöner Anlass, um die bestehenden Kontakte weiter zu vertiefen.

Frage: Viel wichtiger als gute politische Beziehungen sind ja echte Freundschaften, die nur durch persönliches Kennenlernen und Miteinander gefördert werden können… Was tut eigentlich der Landtag M-V konkret dafür, dieses Kennenlernen, zum Beispiel von Schülerinnen und Schülern aus beiden Ländern, zu fördern?

Beate Schlupp: Es gibt zahlreiche Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler in Mecklenburg-Vorpommern, die durch den Landtag unterstützt werden. Ich selbst war erst vor einigen Wochen am Projekttag „Israel – anders kennen lernen“ für Schülerinnen und Schüler in Neubrandenburg beteiligt. An zahlreichen Seminaren und Workshops wurde die Möglichkeit eröffnet, das moderne Israel in seinen verschiedenen Facetten kennenzulernen.

Doch der Landtag führt auch seit 1995 ein eigenes Projekt durch. In den jährlich organisierten „Jugendbegegnungstagen in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück“ lernen Schülerinnen und Schüler Überlebende der Shoah und kommen mit ihnen ins Gespräch.

Batsheva Dagan, die einst in diesem Lager sowie in verschiedenen Orten unseres Bundeslandes gelitten hat, begleitet den Landtag bei diesem Projekt seit Jahren und hat in dieser Zeit mit vielen hundert Schülerinnen und Schülern über ihr Schicksal gesprochen. Ein besonders schönes Vorhaben war die Realisierung des Trickfilms „Chika, die Hündin im Ghetto“ von Batsheva Dagan.

Der Landtag hat die Filmidee von Anfang an unterstützt und mitgeholfen, sie zu verwirklichen. Geld konnten wir zwar nicht geben, aber Türen öffnen. Ganz konkret als ersten Schritt für die Finanzierung des Drehbuches.

Ein weiteres Beispiel für das Kennenlernen junger Menschen aus beiden Ländern war ein Projekt an der Hochschule Neubrandenburg. Professoren der Hochschule initiierten ein Austauschprojekt von Studierenden und Wissenschaftlern aus Israel und Neubrandenburg. Auch dort war der Landtag beteiligt und die Studierenden aus beiden Ländern waren zu Gesprächen in das Schweriner Schloss eingeladen. Durch dieses Projekt sind zahlreiche Freundschaften zwischen deutschen und israelischen Studierenden entstanden.

Letzte Frage: Antisemitismus ist wieder salonfähig, was sich nicht nur bei einer politischen Richtung festmachen lässt. Wie beurteilen Sie dabei die aktuelle Entwicklung?

Beate Schlupp: Salonfähig ist Antisemitismus zum Glück noch nicht! Es gibt jedoch leider eine steigende Tendenz von verbalen antisemitischen Übergriffen und erschreckenderweise auch immer mehr körperliche Angriffe.

Wenn sich in zunehmendem Maße Jüdinnen und Juden in unserem Land bedroht fühlen und sich nicht mehr trauen offen ihre Religionszugehörigkeit zu zeigen, dann ist das ein unhaltbarer Zustand, der uns alle wachrütteln sollte. Hass führt am Ende oft zu Gewalt und Zerstörungsfantasien. Wir wollen und werden es nicht zulassen, das Antisemitismus, Rassismus und jegliche Art von Menschenfeindlichkeit in unserem Land salonfähig werden.

Vielen Dank und weiterhin bestes politisches Engagement!


Weitere Informationen zu Beate Schlupp und zum Landtag M-V:

Beate Schlupp, Vize-Präsidentin des Landtages M-V

Landtag M-V


Zur zusätzlichen Anmerkung: Vor 75 Jahren wurde der Aufstand im Warschauer Ghetto, dem von den deutschen Nazis erzwungenen jüdischen Wohnbezirk in der polnischen Hauptstadt, blutig niedergeschlagen.

Mehr als 600000 Menschen mussten dort – unter katastrophalen Bedingungen – zusammengepfercht hausen. 12000 Ghetto-Bewohner wurden während des Aufstandes getötet, Tausende wurden zudem nach der Niederschlagung des Aufstandes  von den Nazis  hingerichtet oder in Konzentrationslager deportiert.

M.Michels