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Nachrichten Mecklenburg-Vorpommern

Brauchen moderne Schulen Noten?

Rostocker Professor: Zensuren fördern das Lernen nur wenig

Erfahrungsaustausch um den Sinn von Noten in der Schule: V.l.n.r.: Professor Thomas Häcker (Universität Rostock), Eva Espermüller-Jug (Deutsche Schulakademie Berlin), Professor Hans Anand Pant (Deutsche Schulakademie Berlin), Professorin Silvia-Iris Beutel (Technische Universität Dortmund). (Copyright: Deutsche Schulakademie Berlin/Lena Tropschug)

„Noten sind als alleiniges Mittel der Leistungsbeurteilung in der Schule heute nicht mehr zeitgemäß.“ Davon ist Thomas Häcker, seit zehn Jahren Professor für Erziehungswissenschaft, Schulpädagogik und Bildungsforschung an der Universität Rostock, überzeugt. Der studierte Lehrer, der auch an Brennpunktschulen Erfahrungen sammelte, als Schulleiter arbeitete, in Heidelberg habilitierte und im schweizerischen Luzern forschte und lehrte, sagt: „Noten zu vergeben, fördert das Lernen nur wenig. Es kommt stattdessen darauf an, inhaltlich gehaltvolle Rückmeldungen zu geben“.

Professor Häcker, der derzeit eine Studie zur Leistungsbeurteilung in Mecklenburg-Vorpommern auswertet, strebt in der Schule eine Weiterentwicklung der Lernkultur und eine andere, darauf abgestimmte Leistungs-Beurteilung an. Denn: Wenn Schulen den Unterricht individualisieren, taucht früher oder später die Frage auf, wie die Leistungsbeurteilung an den veränderten Unterricht angepasst werden kann. Daher gehe es darum, den Raum, in dem Noten eine Rolle spielen, stark zu verkleinern. Sie also nur dort zu erteilen, wo sie gesellschaftlich eine besondere Relevanz haben.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine lernförderliche Leistungsbeurteilung der Schülerinnen und Schüler seien gar nicht so schlecht: „Die Notenverordnungen in den Ländern weisen zum Teil ausdrücklich darauf hin, dass die Ergebnisse der Leistungsermittlung nicht nur genutzt werden sollen, um das Lernen und die Selbsteinschätzung der Schülerinnen und Schüler zu fördern, sondern auch dazu, den eigenen Unterricht zu verbessern“, sagt Häcker.

„Die Länder in Deutschland müssen sich endlich flächendeckend dazu durchringen, in ihren Schulgesetzen die Möglichkeit einzuräumen, dass Schulen auf Basis eines Schulkonferenzbeschlusses bis zur 8. Klasse auf Zensuren verzichten können.“ Das, so Häcker, würde die Leistungsbeurteilung in den betreffenden Schulen nicht schwächen, sondern stärken.

Die Sorge vieler Bildungsverwaltungen, dass von dieser Möglichkeit massenhaft Gebrauch gemacht würde, sei völlig unbegründet. Es gehe aber darum, die Schulen, die ihren Unterricht zeitgemäß weiterentwickeln möchten, in Bezug auf die Leistungsbeurteilung nicht länger durch Verordnungen zu behindern.

Häcker plädiert dafür, die Noten weitgehend auf die Übergangs- und Schnittstellen im Bildungssystem zu beschränken. Das heißt, Noten nur bei Übergängen in der Sekundärschule oder in das Beschäftigungs- oder Universitätssystem, also in der 9./10. bzw. 12./13. Klasse zu vergeben.

Die Diskussion über eine Schule ohne Noten wird aktuell auch seitens der Deutschen Schulakademie Berlin befördert. Sie unterstützt Schulen, die ihren Unterricht verändert haben, dabei, neue Wege auch bei der Leistungsbeurteilung zu beschreiten. Hierzu veranstaltete sie kürzlich in Dortmund das bundesweite Forum „Lernen. Leistung. Noten?“

In Kooperation mit Professor Häcker und Professorin Silvia-Iris Beutel von der Technischen Universität Dortmund zeigte das zweitägige, mit 170 Teilnehmenden aus der ganzen Bundesrepublik ausgebuchte Forum in Praxisworkshops und Vorträgen an konkreten Beispielen, wie die Beurteilungskultur an Schulen verändert und weiterentwickelt werden kann. Diskutiert wurden Vor- und Nachteile sowie Prinzipien zur erfolgreichen Umsetzung einer lern- und leistungsgerechten Leistungsbeurteilung. Im Mittelpunkt standen dabei die Konzepte der Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises. Es sei an der Zeit, so Häcker, der seit sechs Jahren Mitglied der Jury des Deutsche Schulpreises ist, von Schulen, die erfolgreich etwas anders machen, zu lernen.

Text: Wolfgang Thiel / Pressemitteilung der Universität Rostock


Anmerkung / M.Michels: Man sollte sogar noch einen Schritt weiter gehen… Wozu noch Schulen? Das Leistungsprinzip und das Charakterprinzip wurden doch längst gecancelt. In führende Bereiche der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Kultur)  gelangen nicht mehr kompetente, charakterstarke und empathische Persönlichkeiten, sondern egoistische Karrieristen zumeist ohne hinreichende Qualifikation, nicht nur in fachlicher Hinsicht.

Nachhaltige Wissensaneignung erfolgt ohnehin heute verstärkt im Privaten und in alternativen Lernzirkeln, bei denen gute Lehrmaterialien jenseits des pädagogischen Mainstrems genutzt werden.

Wichtig ist dabei nur, dass Lehrkräfte vorhanden sind, die wirklich eine große Kompetenz und Begabung in der Wissensvermittlung aufweisen. Da die Vergabe von Zensuren oftmals subjektiv erfolgt und die Lerninhalte bundesweit – von Bundesland zu Bundesland – unterschiedlich sind, kann man die „Noten“ ohnehin gleich weglassen.

… Ganz subjektive Meinung: Zensuren in den Fächern (höhere) Mathematik, Physik oder Chemie hätten nie erteilt werden dürfen – diese Fächer sind anscheinend  eh nur als „Folterinstrumente“ erfunden worden…

Aber Gemach: In Deutschland anno 2018 wird alles bleiben, wie es ist. Und man/frau darf sich weiter für „Noten“ abplagen, die „so oder so“ nutzlos sind – zumindest für das weitere Leben…

Last but not least: Die Diskussion um das Fortbestehen der Zensuren wurde übrigens auch zu spät angestoßen, denn am 6.Juli 2018 ist bereits die Zeugnisausgabe in M-V für das Schuljahr 2017/18. – Oder können zumindest die miesen Zensuren rückwirkend gestrichen werden?!


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