Vor 70 Jahren: Hermann Lüdemann wird erster frei gewählter Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nach dem Krieg

Die Wahl zum 19.Landtag am 7.Mai 2017 ist längst Geschichte. Der Wahlsieger, die CDU mit Spitzenkandidat Daniel Günther, bemüht sich um eine Koalition mit Grünen und FDP oder mit der SPD. Der Wahlverlierer, die SPD mit dem (Noch-)Ministerpräsidenten (?) Torsten Albig, sieht ihre Niederlage nicht ein und hofft ihrerseits noch auf eine Koalition mit FDP und Grünen.

Tja, bei den mecklenburgischen Nachbarn ist politisch einiges in Bewegung.

Ein politisches Vorbild – Hermann Lüdemann

Schade, dass die SPD keine Spitzenleute a la Hermann Lüdemann mehr besitzt. Der einstige Landesgeschäftsführer der mecklenburgischen SPD, von Juni 1945 bis Dezember 1945, der massgeblich zusammen mit dem legendären Rostocker Oberbürgermeister Albert Schulz, Willi Jesse, Albert Kruse, Karl Moritz, Wilhelm Dühring oder Robert Brinkmann die SPD in Mecklenburg wieder mit aufbaute, wurde im April 1947, nach der ersten Landtagswahl in Schleswig-Holstein, zum Ministerpräsidenten gewählt. Hermann Lüdemann war damit der erste frei gewählte Ministerpräsident des deutschen Bundeslandes Schleswig-Holstein…

Eine beeindruckende politische Vita

1880 in Lübeck geboren, ausgebildeter Ingenieur, engagierte sich Lüdemann bereits um 1900 bei den Sozialdemokraten. Von 1920 bis 1929 war er für die SPD Abgeordneter des Preußischen Landtages und 1920/21 Finanzminister in Preußen. 1928 wurde der soziale Demokrat gar Oberpräsident von Niederschlesien. Bis 1932, bis zum „Preußenschlag“ des Reichskanzlers von Papen, übte Lüdemann dieses Amt aus.

Hermann Lüdemann setzte sich stets gegen den politischen Extremismus von links wie rechts gleichermaßen ein.

Kommunisten wie Nazis sahen in ihm einen unerbittlichen Feind. Und unerbittlich gingen Nazis wie Kommunisten gegen ihn vor. Noch im ersten Jahr des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland, im Juni 1933, wurde Hermann Lüdemann verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager gebracht und mißhandelt.

Im Jahre 1935 wurde er dann aus der Haft entlassen und verdiente seinen Lebensunterhalt als Betreiber eines Kinos.

Widerstand gegen die braunen Nazis

Auch nach 1935 blieb er in engsten Kontakt zu den Widerstandsgruppen gegen die NS-Diktatur und deren namhaften Vertretern Julius Leber, Carlo Mierendorff und Wilhelm Leuschner. So führte Hermann Lüdemann im Frühjahr 1944 Gespräche mit Carl Goerdeler und war mit Arthur Menge als politisch Beauftragter für den Wehrkreis IX, Hannover, vorgesehen.

Doch nach dem 20.Juli 1944, dem gescheiterten Attentat auf Hitler, verhaftete ihn die Gestapo im Rahmen der „Gewitter-Aktion“. Schlimmste Mißhandlungen mußte Hermann Lüdemann hinnehmen, als seine Beteiligung am aktiven Widerstand gegen das Regime feststand.

Zwar sprach ihn der Volksgerichtshof im Januar 1945 vom Vorwurf des Hochverrates frei, aber wieder verhaftete ihn die Gestapo. Erneut wurde er in ein Konzentrationslager gebracht. Aus dem KZ Sachsenhausen wurde er dann bei Kriegsende von russischen Truppen befreit.

Auch im Widerstand gegen die roten Nazis

Doch er mißtraute der russischen Militäradministration und ihren „Zöglingen“, der KPD. Frühzeitig, bereits im Juni 1945, begannen die kommunistischen Bespitzelungen. So legten die regionalen KPD-Vertreter „Charakteristika“ über ausgewählte Sozialdemokraten an, in denen deren Haltung zur Sowjetunion und zu einer Räterepublik festgehalten wurde.

Zu Hermann Lüdemann, ab Juni 1945 SPD-Landesgeschäftsführer in Mecklenburg, findet sich dabei unter anderem der Eintrag: „er gehörte (in der SPD) immer zu den Rechten“, was nichts anderes hieß, als dass er ein Gegner einer allzu engen Zusammenarbeit mit der KPD war.

Erbitterte Auseinandersetzung mit der KPD

Früh geißelte er das diktatorische Verhalten der KPD bei der Verfolgung ihrer politischen Ziele mit Unterstützung der russischen Besatzungsmacht. So wies Lüdemann Anfang November 1945 darauf hin, dass von 20 Landräten in Mecklenburg sowie (Vor-)Pommern nur 6 der SPD angehörten, in den acht kreisfreien Städten kein sozialdemokratischer Bürgermeister amtierte und auch die meisten Stadträte der KPD angehörten, die sich mit Hilfe der russischen Administration frühzeitig die entscheidenden Machtpositionen sicherte, obwohl die Mitgliederzahl und der Einfluß in der Bevölkerung weit hinter der SPD blieb.

Das Mitglied des damaligen SPD-Landesvorstandes, Xaver Karl (Schwerin), der eine Kooperation mit der KPD befürwortete, urteilte zum Engagement Hermann Lüdemanns: “ … Hermann Lüdemann führte (gegen die KPD) einen erbitterten Kampf um die Besetzung der Posten … Er führte einen Kampf um jeden Preis, das heißt auch auf die Gefahr hin, bei der Besatzungsmacht in Ungnade zu fallen …“

Hermann Lüdemann setzte sich konsequent für die organisatorische und politische Selbständigkeit und Aktivität der SPD gerade in den ersten Nachkriegsmonaten ein. Dieser Standpunkt Lüdemanns zur Eigenständigkeit von SPD und KPD, gegen eine „Vereinigung“, stand aber in direkter Konfrontation zur Auffassung der KPD-Landesleitung und der russischen Militäradministration in Schwerin, die für die „Schaffung einer Einheitspartei“ plädierten.

Absetzung als mecklenburgischer SPD-Landesgeschäftsführer

Als Hermann Lüdemann Anfang November 1945 diese Auffassung ablehnte bzw. hierzu eine Urabstimmung unter den SPD-Mitgliedern forderte und damit seiner Ablehnung einer Verschmelzung von KPD und SPD deutlich Ausdruck verlieh, wurde er „auf Wunsch“ der russischen Militäradministration, was einem Befehl gleichkam, als erster Landesgeschäftsführer der SPD für Mecklenburg im November 1945 „abgelöst“, sprich abgesetzt.

Kurz vor dieser „Ablösung“ hatte sich der Chef für die Zivilangelegenheiten bei der russischen Militäradministration für Mecklenburg, Skossyrew, in einem Gespräch mit dem Mitglied des Zentralausschusses der SPD in Berlin, Erich Geniffke, folgendermaßen geäußert: „… Lüdemann als Parteisekretär nix gut. Lüdemann könne sich nicht einfügen. Sein Verhältnis zu kommunistischen Genossen sei schlecht …“

Die „Ablösung“ Lüdemanns kurze Zeit später war daher keine Überraschung mehr. „Zu offen“ hatte sich Hermann Lüdemann gegen die „Einheitspartei“ ausgesprochen.

Deutliche Worte gegen die Kommunisten

Über die totalitäre Propaganda zum KPD-SPD-Vereinigungsparteitag zur SED am 7.April 1946 im Schweriner Kino CAPITOL äußerte sich damals Hermann Lüdemann in einer Niederschrift: „Ich bin soeben im `Capitol` gewesen und habe die Diapositivreklame (für die Einheitspartei) gesehen. Ich habe gar nicht gewußt, daß man so viel dafür sagen kann, daß man überhaupt so eine Reklame machen kann. Da müßte der tote Goebbels vor Neid erblassen, wenn er das wüßte!…“

Auch seinen politischen Standpunkte legte Lüdemann damals offen dar: „Ich verkaufe mich nicht! Ich lebe lieber in einem demokratisch-kapitalistischen Staat, als ein Sklave in Russland! In Russland ist keine Demokratie ! Zu einer Demokratie gehört, dass es mehrere Parteien gibt. Dieses System wird in Russland nur durch die GPU (geheime Staatspolizei) aufrecht erhalten! Alle sind dagegen, aber keiner traut sich, etwas zu sagen! Dort sind alle Menschen genau so `für` das System, wie hier `für` die Einheitspartei. Die Kommunisten hier sind nur der Ausdruck des Willens der Russen und stützen sich auf ihre Bajonette! Das Volk wird terrorisiert; es wagt gar nicht, die meisten Mißstände zur Anzeige zu bringen ! Vorgegangen wird nur gegen Sozialdemokraten, nie gegen Kommunisten!“

Und für die SPD gab Hermann Lüdemann die treffende Prognose zu deren Rolle in einer „Einheitspartei“ ab: „…Warum muß unsere SPD jetzt kommunistisch werden? In der Einheitspartei wird die SPD nichts mehr zu sagen haben.“.

Nach der „Vereinigung“ 1946 wurden zahlreiche Sozialdemokraten aus ihren Funktionen gedrängt, verhaftet und sogar – aufgrund ihrer demokratischen Gesinnung – ermordet.

Politisch aktiv in Schleswig-Holstein

Hermann Lüdemann gelang die Flucht nach Westdeutschland, als seine Verhaftung durch die russische Militäradministration drohte. Er war dabei ebenfalls aktiv beim Aufbau der SPD in Schleswig-Holstein und amtierte von 1947 bis 1949 als Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, ohne seine Landsleute in der sowjetischen Besatzungszone zu vergessen. So war sein Engagement beim SPD-Ostbüro, der gesamtdeutschen Widerstandsbewegung der SPD gegen die SED-Diktatur in der DDR, bis zu seinem Tod 1959 nachhaltig.

Nie ein Opportunist

Allerdings war Hermann Lüdemann nie ein „Ja-Sager“, ein Opportunist, ein Angepasster. Als ihm die SPD in Schleswig-Holstein zu links wurde, distanzierte er sich zunehmend von deren Spitzenpersonal, westdeutsche Sozialdemokraten, die einen Ausgleich zur SED in der DDR suchten, kritisierte er scharf. Auch „sozialistische Träumereien“ vieler seiner SPD-Parteifreunde waren ihm suspekt. Undenkbar, dass ein Hermann Lüdemann nach einer Wahlschlappe an seinem Ministerpräsidenten-Stuhl weiter „geklebt“ hätte. Er wußte, wann ist Zeit ist, politisch die Reißleine zu ziehen. Ähnliches würde man sich heute von manchen Sozialdemokraten in Kiel wünschen.

Leider hat Mecklenburg die einstige politische Persönlichkeit Hermann Lüdemann fast vergessen. Warum? Nie hätte er einer Koalition mit den SED-Nachfolgern zugestimmt – etwas, was die SPD in M-V von 1998 bis 2006 praktizierte.

Marko Michels

Foto (Michels): Im CAPITOL in Schwerin fand im April 1946 die Vereinigung von KPD und SPD zur SED in Mecklenburg statt.