Die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Schweriner Landtag über zwei Jahrzehnte deutsche Einheit, ihre politischen Erfahrungen und die Diskussion um die jüngere deutsche Geschichte

20 Jahre Deutsche Einheit – Erfolgsgeschichte oder Schönrednerei?
In wenigen Wochen ist es soweit: Deutschland feiert – zumindest das offizielle. Das inoffizielle ist dabei schon etwas nachdenklicher.

Ob aber tatsächlich Grund zur Zufriedenheit oder zu Selbstkritik besteht – dazu fragte MV-Schlagzeilen bei Beate Schlupp, der stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden im Schweriner Landtag nach.

„Vor allem ein Tag der Freude …“

Frage zum „Einstieg“: 20 Jahre deutsche Einheit – was bedeutet für Sie persönlich dieser Jahrestag?

Beate Schlupp: Der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung ist für mich vor allem ein Tag der Freude.

Frage: Nun äußerte sich gerade der erste und letzte frei gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière (CDU), über den Charakter der verblichenen DDR. Wie vor Jahresfrist MV-Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) plädiert er gegen die Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat. Wie ist hier Ihre Meinung?

Beate Schlupp, die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende im Schweriner LandtagBeate Schlupp: An der Debatte alter Männer und Menschen, die die DDR nicht erlebt haben, werde ich mich nicht beteiligen. Ich habe in der DDR persönliches Glück erfahren, aber auch die ideologische Enge erlebt. Als im Sommer 1989 die Massenflucht über Ungarn begann, bestellte meine damalige Chefin alle Mitarbeiter zu Einzelgesprächen ins Büro. Wir sollten eine Stellungnahme abgeben und zumindest verbal alle verurteilen, die der DDR den Rücken kehrten. Das konnte ich aber nicht. Ich sagte, man solle sich lieber Gedanken darüber machen, warum die Leute weg wollen. Und ob der Wunsch nach Freiheit denn nicht ein sehr verständlicher wäre.

Frage: 20 Jahre vereintes Deutschland – das bedeutet auch eine Zeit der Versäumnisse. Die Linkspartei hat ihre Geschichte nie konsequent aufgearbeitet, die Blockparteien auch nicht. Die SPD tat lange so, als seien ihre Mitglieder ohne Schuld und Sünde. Viele waren plötzlich Widerstandskämpfer. Ein früherer politischer Häftling in Bautzen meinte nach 1990 „Wer wirklich gelitten hat, lebt nicht von großen Sprüchen!“.

Wie beurteilen Sie den Umgang mit den einstigen echten Widerstandskämpfern und Nichtangepassten in der DDR im heutigen vereinten Deutschland?

Das Schloss in Schwerin - seit 1990 wieder LandtagssitzBeate Schlupp: Es ist sicher so, wie Frau Dr. Merkel auf dem Festakt zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages am Dienstag in Berlin deutlich machte, dass es zu lange gedauert hat, bis eine Entschädigung der Opfer der SED-Diktatur auf den Weg gebracht wurde. Klar ist, dass wir den Menschen, die in der DDR mutig Widerstand geleistet haben, aber auch jenen, die dem Land den Rücken kehrten, dankbar sein können. Sie haben mit dazu beigetragen, dass im Herbst 1989 die friedliche Revolution möglich wurde.

Frage: Wenn Sie auf 20 Jahre politische Arbeit zurückblicken … Was waren prägende Erlebnisse zwischen 1990 und 2010?

Beate Schlupp: Ich bin erst 1999 in die CDU eingetreten. Im Jahr zuvor war die damalige PDS in Mecklenburg-Vorpommern an die Regierung gekommen. Ich zweifelte: Haben die Leute etwa vergessen, wie es in der DDR zuging? In letzter Konsequenz war es also auch mein Widerspruchsgeist, der mich zu dem Schritt bewog, CDU-Mitglied zu werden.

Was dann kam, hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen. Der damalige Ortsvorsitzende war ein sehr hartnäckiger Mann. Kaum in die CDU eingetreten, fragte er schon, ob ich für den Kreisvorstand kandidieren wolle. Ich wurde gewählt. 2002, drei Jahre später, war ich dann bereits im Landesparlament. Innerhalb der Partei musste ich mich gegen drei andere Frauen durchsetzen, die ebenfalls für die Union kandidieren wollten. Das habe ich geschafft und später dann sogar das Direktmandat in meinem Wahlkreis gewonnen. Eine schöne Erfahrung.

''Wir sind das Volk'' - An die friedlichen Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 würde auch während des Festumzuges ''850 Jahre Schwerin'' erinnert.Frage: Das Ansehen der politischen Klasse, ob Regierung oder Opposition, ist zurzeit alles andere als gut. Die Kommunikation der Politiker mit dem Volk, aber auch untereinander hat zum Teil ein unterstes Niveau erreicht und ist irgendwo zwischen „Leichtmatrosen“ und „Gurkentruppen“ angesiedelt. Auch wenn Sie im politischen „Glashaus“ sitzen … Was läuft schief bei der politischen Elite im Land und im Bund?

Beate Schlupp: Politiker brauchen einen klaren Kompass. Es muss deutlich werden, was man will und was nicht geht. Viele Menschen vermissen dieses. Für mich steht fest: Es hilft nicht, sich an Meinungsumfragen zu orientieren oder jedem alles zu versprechen. Man braucht eine eigene Vorstellung von der Zukunft. Dann, so meine Erfahrung, klappt die Kommunikation vor Ort im Wahlkreis.

Frage: Wie werden Sie den 20. Geburtstag des vereinten Deutschlands feiern? Mit Sekt oder Selters?

Beate Schlupp: Mit Sekt!

Dann weiterhin maximale Erfolge für Sie!

Marko Michels

Info:
Beate Schlupp wurde 1965 in Neustrelitz geboren. Sie ist seit 2002 Mitglied des Landtages in Mecklenburg-Vorpommern.  Die CDU-Politikerin ist Bankkauffrau und staatlich geprüfte Betriebswirtin für Groß- und Außenhandel. Ihr Wahlkreis: Uecker-Randow II.

Fotos:
1. Foto: CDU MV
2. u. 3. Foto: M. Michels